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Flüchtlinge im Norden : Platznot steigt auch im Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Es sollen mehr Plätze in Erstaufnahmeeinrichtungen geschaffen werden.

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2014 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg/Neumünster | Mit einem zweistelligen Millionenaufwand baut Schleswig-Holstein seine Kapazitäten für Flüchtlinge und Asylbewerber massiv aus. Statt 400 Plätze werden 2015 als Zielgröße 1200 in der bisherigen zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Neumünster sowie in einer ehemaligen Kaserne in Boostedt (Kreis Segeberg) zur Verfügung stehen. „Wir wollen Asylsuchenden weiterhin einen ordentlichen Start in Schleswig-Holstein bieten“, sagte Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler gestern Abend in Neumünster.

Die Zahl der Asylsuchenden in Schleswig-Holstein steigt in diesem Jahr im Vergleich zu 2013 um mehr als 70 Prozent – auf 6700 Erst- und 900 Folgeantragsteller. Für 2015 sei mit den gleichen Zahlen zu rechnen, prognostizierte das Ministerium in Kiel.

Davon ist auch der Kreis Pinneberg stark betroffen: Laut Auskunft der Stadtverwaltung Barmstedt hat sich die Zahl an Asylbewerbern in den vergangenen zwei Jahren  knapp vervierfacht: 62 Flüchtlinge sind derzeit in der Schuhmacherstadt sowie in den Amtsbezirken Rantzau und Hörnerkirchen untergebracht. Größtes Problem dabei sei es, genug Wohnraum bereitzustellen. Eine Herausforderung, vor der derzeit fast jede Kommune im Kreis Pinneberg steht.

Die seit Monaten überfüllte zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster soll bis Ende November zusätzlich Container mit 200 Plätzen erhalten sowie Isoliercontainer für 24 Menschen mit ansteckenden Krankheiten. Bis Sommer 2015 werden in Neumünster feste Containerhäuser mit  400 Plätzen errichtet, sagte die Innenstaatssekretärin. Ab Anfang des kommenden Jahres wird auch die ehemalige Boostedter Kaserne zur Erstaufnahme genutzt. Sie soll maximal 500 Plätzen vorhalten. Bislang hat die Einrichtung in Neumünster lediglich 400 Plätze – untergebracht waren dort zuletzt mehr als 500 Menschen. Das Innenministerium rechnet für 2015 mit Kosten von 12,85 Millionen Euro für die beiden Liegenschaften.

Derzeitige Anzahl der Asylbewerber

  • Elmshorn 206
  • Pinneberg 150
  • Quickborn 130
  • Uetersen 91
  • Halstenbek 86
  • Tornesch 83
  • Barmstedt 62
  • Rellingen 50
  • Schenefeld 48
  • Kreis Pinneberg (gesamt) 849

Die Belastung der Kommunen im Land könnte jetzt etwas nachlassen, sagte Söller-Winkler. Sie hoffe, dass die Flüchtlinge und Asylbewerber künftig wieder  sechs Wochen lang in Neumünster bleiben können, bevor sie auf die Städte und Gemeinden verteilt werden. Dort wird das Thema Asylbewerber zum Teil heftig diskutiert – wie bei der jüngsten Einwohnerversammlung in Rellingen: Ängste der Bürger, ob durch die Flüchtlinge die Kriminalität im Ort wachsen würde, erstickte Polizeihauptkommissar Götz Nowobilski im Keim: „Das sind Menschen, die Hilfe brauchen. Das sind keine Wirtschaftsflüchtlinge.“

Emotionale Diskussion über Flüchtlingsaufnahme in Rellingen

Der Umgang mit Bedrohungslagen und die gesetzlich vorgegebene Betreuung von Asylbewerbern in Rellingen: 138 Bürger sorgten dafür, dass die Luft auf der Rathaus Galerie in Rellingen während der vergangenen Einwohnerversammlung zum Schneiden war. Doch Publikumsmagnet Götz Nowobilski, Vize am Polizeirevier Rellingen, dämpfte gleich zu Beginn seines Vortrags die hohen Erwartungen: „Nein. Über die jüngste Brandserie in Rellingen werde ich selbstverständlich nicht berichten. Denn es handelt sich um laufende Ermittlungen.“ Doch die bohrenden Fragen und Ängste der Bürger beim Thema Flüchtlinge rückte den Polizeihauptkommissar schließlich in den Mittelpunkt.

Blieb der erfahrene Beamte während seines Vortrags zum Thema „Wie tickt die Polizei, wenn Gefahr droht?“ noch akademisch-theoretisch – Schlagwörter wie Tatmusteranalyse, Informationsquellen, Delikt spezifische Beeinflussung und Risikoeinschätzung zeigten dessen analytisches Denken auf –, lockten Fragen wie „Steigt die Kriminalität in Rellingen durch mehr Asylbewerber?“ den Experten aus der Reserve. Ein klares „Nein“ gab es von Nowobilski für diese populistische  Meinungs- und Angstmache. „Das sind Menschen, die Hilfe brauchen. Das sind keine Wirtschaftsflüchtlinge“, betonte er.

Skepsis und offensive Gelassenheit, gepaart mit Engagement, hielten sich bei den Wortbeiträgen die Waage. Michaela Warnecke vom Ordnungsamt beschönigte nichts: „2015 werden wir etwa 100Flüchtlinge in Rellingen unterbringen müssen.“ Eine Herausforderung. Logistisch und emotional. Mit Hochdruck werde an der Suche von Standorten gearbeitet, perspektivisch gefundene für die Unterbringung von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran vorbereitet. Container werden dafür aufgestellt, Wohnungen in Festbauweise werden an Standorten wie an der Pinneberger Straße neben der Feuerwache für 2015 vorbereitet.

Zu guter Letzt setzten sich die Befürworter der Willkommenskultur durch. Mitmachen, sich ehrenamtlich engagieren, Multi-Kulti fördern in Rellingen, Wohnraum zur Verfügung stellen – Ex-Bürgervorsteher Albert Hatje (87) setzte mit erstickter Stimme den Schlussstrich: „Das sind auch Menschen.“

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