Plädoyer für Unterrichtsgarantie

Jens Sander, Sektionssprecher Pinneberg und Vater dreier Kinder, berichtete von seinen eigenen Erfahrungen
Jens Sander, Sektionssprecher Pinneberg und Vater dreier Kinder, berichtete von seinen eigenen Erfahrungen

Bildung CDU-Wirtschaftsrat fordert: Nicht-Lehrer sollen einspringen, um Unterrichtsausfall einzuschränken

shz.de von
10. März 2017, 13:28 Uhr

Die Landesregierung, das meint der Wirtschaftsrat der CDU, beschönige den Unterrichtsausfall an den Schulen. Der Wirtschaftsrat fordert nun eine „Mindestunterrichtsgarantie für jeden Schüler und jedes Fach“. Fehlende Fachlehrer sollen notfalls durch Personal aus der Wirtschaft vertreten werden. Das wurde auf einer Podiumsdiskussion deutlich, zu der der Wirtschaftsrat Vertreter von Politik, Wirtschaft und Schulen nach Pinneberg eingeladen hatte. Grete Rhenius von der „Interessenvertretung Lehrkräfte“ warnte bei der Veranstaltung am Donnerstagabend im Hotel Cap Polonio vor einer „Entprofessionalisierung des Lehrerberufs“, und eine Vertreterin der Wirtschaft sagte, der Staat müsse endlich seine Aufgaben wahrnehmen.

Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) habe in der jüngsten Sitzung des Landesbildungsausschusses behauptet, der Versorgungsgrad an den Schulen erreiche im laufenden Jahr annähernd 99 Prozent. Das berichtete Bertram Zitscher, Landesgeschäftsführer des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein, und nannte diese Aussage „unverfroren“. Vertretungslösungen drehten sich meist nur um Aufsicht, nicht aber um Fachunterricht. Ausgehend von der hohen Belastung der Berufsgruppe Lehrer schließt er auf einen relativ hohen Krankenstand. Werden Daten eines Online-Fehlstundenportals, in dem Eltern und Schüler ihre Erfahrungen dokumentieren können, mit einbezogen, „dann ist ein durchschnittlicher Ausfall des Fachunterrichts von 13 bis 15 Prozent wahrscheinlich“, so der Geschäftsführer. Jens Sander, Sektionssprecher Pinneberg und Vater dreier Kinder, berichtete von seinen eigenen Erfahrungen: „Zum Ende der Grundschulzeit meiner ältesten Tochter erhielten wir einen Brief, welche Wissensblöcke nicht mehr geschafft werden.“ Eltern müssten entweder Nachhilfe bezahlen, was zu Chancenungleichheit führe, oder selbst mit ihren Kindern lernen. Alarmierend finden Zitscher und Sander, dass naturwissenschaftliche Fächer, allen voran Chemie, am stärksten betroffen sind. „Durch hohen Unterrichtsausfall wird G8 hier schnell zu G7“, meinte Sander.

Die Christdemokraten stellten ein Modell vor, wie dem Problem künftig beizukommen sei: Die Politik sei aufgefordert, künftig eine Mindestunterrichtsgarantie für einzelne Fächer festzulegen. Der politische Wettbewerb sorge für hohe Zielvorgaben. Schüler und Eltern sollten den Unterrichtsausfall mitzählen. Diese Daten könnten auch zu einer verbesserten Kapazitätsplanung beitragen. Zeichne sich ab, dass die Mindestunterrichtsgarantie nicht eingehalten werden kann, solle die Klasse zweckgebundene Mittel in die Hand bekommen und den freien Markt als Korrektiv nutzen. „Der Nachhilfemarkt boomt, da gibt es sicherlich gute Kräfte“, meinte Zitscher.

„Aus Sicht einer Lehrerin warne ich vor einer Entprofessionalisierung des Lehrerberufs“, sagte Rhenius, Vorsitzende der Interessenvertretung Lehrkräfte. Stattdessen sollten attraktivere Voraussetzungen geschaffen werden, damit Naturwissenschaftler Lehrer werden. Zudem sprach sich Rhenius gegen Schulen für alle aus. „Nichts ist teurer als Gemeinschaftsschulen mit Differenzierungen“, meinte die Lehrerin im Ruhestand. Durch die Aufteilung der Klassen in Grund- und Erweiterungskurse würden mehr Lehrkräfte benötigt als in abschlussbezogenen Klassen. Gülten Bockholdt, Kommanditistin einer Lübecker Gebäudereinigungsfirma, sagte aus Sicht der Wirtschaft: „Bevor wir das regulieren, muss der Staat seine Aufgaben wahrnehmen, denn es besteht Schulpflicht!“ Sie selbst müsse bei der Personalplanung ja auch die firmenübliche Krankenquote berücksichtigen. Zudem beklagte sie: „Uns fehlen die Lehrfähigen, und im Gegenzug gibt es in Lübeck viele junge Arbeitslose ohne Ausbildung.“

„Ein Prozent Unterrichtsausfall, das glaubt keiner“, sagte Tobias Loose, der stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Schleswig-Holstein. In dem Betrieb, in dem er angestellt ist, liege die Fehlquote bei sechs Prozent. „Wie kann es sein, dass es keine öffentlichen Zahlen gibt, welche Fachlehrer wann in Rente gehen?“, kritisierte er. „Entweder will das Ministerium sie nicht rausgeben, dann ist das unverantwortlich. Oder es hat sie nicht, dann ist das unerklärlich“, meinte Zitscher.

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