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„Feuerwehr hat einen guten Ruf“ : Pinnebergs Wehrführer Claus Köster im Interview

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Claus Köster spricht im Tageblatt-Interview über die täglichen Einsätze und über künftige Herausforderungen.

Pinneberg | Claus Köster ist Wehrführer der Feuerwehr Pinneberg. Im Interview spricht er über die Einführung des Digitalfunks sowie aktuelle Herausforderungen und erklärt, warum es sich lohnt, sich in der Wehr zu engagieren.

Was braucht die Pinneberger Feuerwehr?
Claus Köster
Derzeit sind wir etwa 90 aktive Kameraden. Damit können wir unsere Arbeit zwar bewältigen, aber neue Mitglieder wären durchaus wünschenswert. Ideal sind Menschen, die hier wohnen, ihre Berufsausbildung und Familienplanung möglichst schon abgeschlossen und Lust haben, sich für eine sinnvolle Sache zu engagieren. Auch körperliche Fitness ist eine Voraussetzung. Wer die nicht hat, ist für Einsätze nur bedingt zu verwenden, da wir beispielsweise häufig Atemschutzträger benötigen. Wir brauchen aber keine Helden, die blind drauflos stürmen, sondern Leute mit Verantwortungsbewusstsein.

Claus Köster (54) ist seit dem Jahr 2014 Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Pinneberg. Der verheiratete Vater zweier Kinder arbeitet als Gerichtsvollzieher.

Wieso lohnt es sich, sich in der Feuerwehr zu engagieren?
Wir sind eine homogene Gemeinschaft mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen: ein Jetpilot, Kfz-Meister, Elektriker, Berufsfeuerwehrleute aus Hamburg, Ingenieure, Steuerberater, Rettungssanitäter. Die Kompetenz aus verschiedenen Bereichen macht die Arbeit so spannend. Jeder bringt einen anderen Blickwinkel ein, von dem letztendlich alle profitieren. Es bringt einfach Spaß, in einem solchen Team zu arbeiten. Feuerwehr ist Teamarbeit. Da wird keiner gebraucht, der den großen Zampano spielt. Das funktioniert nicht. Dazu kommt: Die Feuerwehr hat einen guten Ruf und gilt als zuverlässig. Das nutzt einem auch im normalen Berufsleben. Was ebenfalls nicht vergessen werden darf: Es ist einfach ein schönes Gefühl, jemandem das Leben zu retten. Manche der Geretteten melden sich Monate nach dem Einsatz direkt bei uns, um sich zu bedanken. Darüber freuen wir uns dann natürlich.

Gibt es etwas, das sie stört?
Ich ärgere mich über den Egoismus vieler Menschen. Ich erlebe fast jeden Tag, dass Autos über Kreuzungen fahren, obwohl Feuerwehr oder Rettungswagen unterwegs sind. Dass es bei den Einsätzen um Menschenleben geht, ist vielen egal. Sie pochen darauf, dass die Ampel grün ist und denken nur daran, dass sie selbst schnell vorankommen.

Wie häufig muss die Pinneberger Wehr ausrücken?
Wir haben ständig steigende Einsatzzahlen. Im Jahr 2015 hatten wir 429 Einsätze. Mit einem Einsatz pro Tag muss man immer rechnen. 2016 werden es bestimmt nicht weniger. Das lässt sich schon nach den ersten Monaten sagen. Die Zahlen werden durch neue Baugebiete und weiteres Gewerbe in den kommenden Jahren eher noch höher liegen.

Was hat das für Auswirkungen?
Wenn die Stadt wächst, muss auch die Feuerwehr wachsen. Was erforderlich ist, soll ein Gutachten ermitteln. Personal, Material, eventuelle zusätzliche Standorte, Verlagerung einer Wache – es wird alles untersucht. Dadurch weiß auch die Politik, woran sie ist und kann dann entsprechend reagieren.

Für viele Wehren ist es ein Problem, dass tagsüber nicht genügend Einsatzkräfte vor Ort sind. Wie ist die Situation in Pinneberg?
Noch geht es. Gerade bei neuen Mitgliedern wäre es toll, wenn diese tagsüber vor Ort sind. Nach 18 Uhr ist Personal ohne Ende da. Von 7 bis 18 Uhr haben wir meistens lediglich 35 bis 40 Einsatzkräfte. Damit können wir viel abarbeiten. Wenn das nicht ausreicht, müssen wir auf die Hilfe der Nachbarwehren zurückgreifen. Dass wir uns gegenseitig unterstützen, ist allerdings sowieso längst Normalität.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit bei der Feuerwehr?
Die Verbundenheit liegt in der Familie. Mein Vater und mein Großvater waren ebenfalls bei der Feuerwehr. Ich kenne es aus meiner Kindheit, dass sie zu Einsätzen ausrücken mussten. Diese Begeisterung war offenbar ansteckend. Mir bringt die Arbeit einfach riesigen Spaß. Ich bin kein Mensch, der meckert und wartet, dass andere etwas tun. Mein Ziel ist, etwas zu bewegen.

Ein Brand in der Gaststätte „Seiffert“ in der Bahnhofstraße / Ecke Moltkestraße war 1876 indirekt die Geburtsstunde der Freiwilligen Feuerwehr Pinneberg. Dieses Großfeuer entlarvte die völlig unzureichenden Mittel und die mangelnde Ausbildung des bestehenden Brandcorps. Am 2. August 1877 wurde in der Gaststätte „Trichter“ die Freiwillige Feuerwehr Pinneberg gegründet, die bei ihrer ersten Generalversammlung eine Woche später 27 Freiwillige zählte. Aktuell sind 97 Kameradinnen und Kameraden in der Wehr aktiv, fünf gehören der Reserve- und 23 der Ehrenabteilung an. 22 Nachwuchsblauröcke engagieren sich in der Jugendfeuerwehr. Mit 427 Einsätzen lag Pinneberg bei der Alarmierungsstatistik landesweit auf dem zweiten Platz nach der Stadt Norderstedt, die für ihre 76.000 Einwohner vier Ortswehren zur Verfügung hat. In ihrer 138-jährigen Geschichte hat die Pinneberger Wehr nur ein einziges Jahr mit noch mehr Einsätzen erlebt, stellte Wehrführer Claus Köster in seinem Jahresbericht heraus. baf

Wie klappt die Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung, die für die Finanzmittel verantwortlich sind?
Ich halte es für sehr wichtig, dass sich Feuerwehr, Politik und Verwaltung aufeinander verlassen können. Das ist in Pinneberg zum Glück der Fall. Wir haben einen guten Draht zueinander und die Zusammenarbeit klappt hervorragend. Der regelmäßige Austausch ist von enormer Bedeutung. Es hilft niemandem, wenn wir die Politik zu den Haushaltsberatungen mit unseren Forderungen konfrontieren und es ansonsten keine Berührungspunkte gibt. Grundsätzlich finde ich es schade, dass in Pinneberg vieles so schlecht geredet wird. Das schadet der Stadt.

Ein Thema ist für alle Feuerwehren die Einführung des Digitalfunks. Wie ist der Stand in Pinneberg?
Die ersten Geräte werden bald geliefert und ich gehe davon aus, dass wir die Umstellung in der zweiten Jahreshälfte vornehmen. Die Schulungen fangen demnächst an. Ich gehe davon aus, dass alles funktioniert. Die Bedenken, die lange Zeit bestanden, haben sich inzwischen erledigt.

Viele Wehren klagen, dass sie zu wenige Mitglieder haben, die die großen Fahrzeuge steuern dürfen, weil der normale Führerschein dafür nicht ausreicht. Wie ist die Situation in Pinneberg?
Dieses Problem haben wir nicht, weil wir rechtzeitig gegengesteuert haben. Bei uns erwerben pro Jahr zwei Mitglieder den Führerschein, der gebraucht wird, um die großen Fahrzeuge zu steuern. Einen bezahlt die Stadt, die Kosten für den anderen übernimmt der Förderungsring. Dem gehören Privatpersonen und Unternehmen an, die regelmäßige Beiträge zahlen, um uns zu unterstützen.

Rauchmelder führen häufig zum Fehlalarm. Hat sich deren Einführung trotz allem bewährt?
Auf jeden Fall. Dadurch werden Menschenleben gerettet. Wir hatten erst vor kurzem den Fall, dass jemand den Herd angelassen hat und einschlief. Wir waren vor Ort, weil der Rauchmelder piepte. Ein Fehlalarm kann durch vernünftige Wartung meistens verhindert werden.

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erstellt am 31.Mär.2016 | 13:00 Uhr

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