160 Jahre Pinneberger Tageblatt : Pinnebergs Stadtbild im Wandel

Das historische Bild zeigt den Drosteiplatz im Jahr 1967. Das Rathaus war fast fertig gestellt.
Das historische Bild zeigt den Drosteiplatz im Jahr 1967. Das Rathaus war fast fertig gestellt.

Historie begann mit Märchenschloss. Weltkriege und ihre Folgen beeinflussen maßgeblich die Infrastruktur.

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27. August 2018, 00:36 Uhr

Pinneberg | Anlässlich des 160. Geburtstages des Pinneberger Tageblatts ruft der A. Beig-Verlag als Herausgeber unserer Zeitung eine Aktionswoche ins Leben, die auch redaktionell begleitet wird. Während der Geburtstagswoche rückt jeden Tag ein anderer Aspekte des Pinneberger Stadtlebens in den Fokus. Dieses Mal geht es um die Historie.

Der Schauenburger Graf Adolf VIII. reitet über grüne Wiesen und durch den Gerichtsort Thing – hin zu seinem prunkvollen Renaissanceschloss, in dem der feine Herr mit seinem Hofstaat lebt. Was im ersten Moment nach einem Märchen klingt, war in den 1370er Jahren Wirklichkeit in Pinneberg. Einzig die Ortsbezeichnung „Thing“ gibt einen Hinweis: Dahinter versteckt sich der vorläufige Name der heutigen Dingstätte, das Schloss wurde in den 1760er Jahren zur Drostei. Daraufhin siedelten sich Landwirte und Handwerker an. Es waren die Anfänge Pinnebergs. Die märchenhafte Kulisse veränderte sich durch den Handel.

Stadtrechte als ein Produkt des Zufalls

Mehr als 100 Jahre später erhielt der damalige Kreisflecken durch einen Streit während der Bürgermeisterwahlen 1875 aus Versehen die Stadtrechte. Einer der Politiker wollte seinen Konkurrenten Claus Gätjens bloßstellen, indem er eine erneute Entscheidung über die Stadtrechte anstieß. Er ging davon aus, dass die Versammlung dagegen stimmen würde und somit der Stadtbefürworter Gätjens die anschließende Wahl verlieren würde. Da sich die Mehrheit jedoch dafür aussprach, verlieh die königliche Regierung in Flensburg dem bisherigen Kreisflecken die Stadtrechte.

Das Kino „Schauburg“ zog ab 1928 zahlreiche Besucher aus Pinneberg und Umgebung an.
Foto: Stadtarchiv
Das Kino „Schauburg“ zog ab 1928 zahlreiche Besucher aus Pinneberg und Umgebung an.
 

Das wiederum stieß einen lebhaften Entwicklungsprozess im Gewerbe- und Industriebereich an. Der ursprüngliche Charakter eines Fremdenverkehrsortes blieb dennoch erhalten. Mit 29 Hotels, Gaststätten, Pensionen und zehn Tanzsälen bot Pinneberg ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm für die etwa 3000 Einwohner.

Um 1900 wichen zahlreiche Lokale den Fabriken. Es folgte ein Bevölkerungsanstieg. Zum einen durch das wachsende Angebot an Arbeitsplätzen, zum anderen durch die Eingemeindung des anliegenden Bezirks Pinnebergerdorf. Damit wuchs die bisherige Fläche auf mehr als das Doppelte an, nämlich auf etwa 1000 Hektar. Die Stadt wurde auch um 1500 Einwohner reicher.

Wirtschaftsboom bis zum Ersten Weltkrieg

Die Wirtschaft florierte, die Stadt wuchs – bis 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Vor allem die Umstellung auf Kriegswirtschaft machte den lokalen Betrieben zu schaffen. Überall, wo keine Waffen oder Kampfmittel produziert wurden, stagnierte der Absatz. Erst 1920 konnte die Zwangswirtschaft vollständig aufgehoben werden. Die Betriebe konnten jedoch nicht direkt in Gewerbe umgewandelt werden, so dass zahlreiche Menschen arbeitslos wurden. Auch die rückkehrenden Soldaten konnten nur teilweise in die Arbeitswelt eingegliedert werden. Leerstehende Betriebe, mangelnder Wohnraum, Diebstahl aus Existenzangst und Schwarzhandel prägten die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Exklusive Männerrunde: Die Emailieure der Wuppermanfabrik.
Foto: stadtarchiv
Exklusive Männerrunde: Die Emailieure der Wuppermanfabrik.
 

Die galoppierende Inflation von 1923 machte auch vor Pinneberg keinen Halt. Die Arbeitslosigkeit stieg weiter an und der vorhandene Wohnraum wurde unbezahlbar. Die Stadt errichtete daraufhin Neubau-Komplexe, verschaffte Bauwilligen Grundstücke und vergab Baudarlehen. Überall in Pinneberg schossen in kurzer Zeit Häuser in die Höhe. Da dies ohne einen konkret durchdachten Bebauungsplan erfolgte, entwickelte sich das Stadtbild in dieser Zeit unkontrolliert.

Mit der Eingemeindung Thesdorfs im Jahr 1927 wuchs das Stadtgebiet erneut um das Doppelte an, es kamen wieder 1500 Einwohner dazu. Die Infrastruktur inklusive neuer Straßen und einer erweiterten Kanalisation entwickelte sich weiter. In dieser Zeit erlebte Pinneberg wirtschaftlichen Aufschwung, der sein abruptes Ende 1929 im Zuge der Weltwirtschaftskrise hatte.

Links- und rechtsradikale Gruppierungen nutzen den Unmut der Bevölkerung aus, allen voran die Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Ihre Propagandastrategien fruchteten: Bei den Reichstagswahlen 1932 erhielt die NSDAP die absolute Mehrheit. Angeheizt durch die politischen Randgruppen wurden die Auseinandersetzungen radikaler mit Saalschlachten im Hotel am Fahltskamp oder bei Straßenkämpfen in der Dingstätte.

Flüchtlinge strömen in die Kreisstadt

Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war von Kampf und Zerstörung in Pinneberg zunächst nichts zu spüren. Doch mit jedem Kriegsjahr kamen immer mehr Flüchtlinge aus Richtung Hamburg und Verletzte nach Pinneberg. Das Kreiskrankenhaus wurde zum Lazarett. Nachbardorf Kummerfeld half bei der medizinischen Versorgung.

Gegen Ende des Krieges erreichte der über Hamburg tobende Luftkrieg indirekt auch das sonst verschont gebliebene Pinneberg. Bilanz: 1 500 Bombenopfer, zahlreiche Flüchtlinge und Verletzte. Bis 1945 explodierte Pinnebergs Einwohnerzahl, die sich erneut verdoppelte. Die Stadt bekam ein völlig neues Gesicht. Zwar musste sie kaum materielle Zerstörung hinnehmen, aber es blieben erhebliche Wohnungsprobleme und enorme Lebensmittelknappheit. Die Aufbaujahre waren schwer, in denen der rasche Bevölkerungswachstum bewältigt werden musste.

Auch nach dem Krieg strömten Menschen aus dem zerbombten Hamburg ins grüne Pinneberg. Nach und nach konnten in den 1950er und den 1960er Jahren neue Gewerbeflächen erschlossen und Schulen gebaut werden. Die Erdöl- und Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren bildete das Ende der Aufbauphase und den Schlusspunkt des Baubooms. Das hat Spuren hinterlassen: Bis heute prägt die Nachkriegszeit im Wesentlichen das Pinneberger Stadtbild. Über die Attraktivität dessen lässt sich streiten. So charakterisiert die Zeitschrift „Merian“ die Innenstadt bis dato als „unbarmherzig mit Beton übergossen“. Davon lässt sich die Stadtentwicklung nicht beeindrucken. Trotz bundesweiter Rezension siedelten sich immer mehr Firmen im Gewerbegebiet an. Im Zuge dessen wird die Fußgängerzone Dingstätte erweitert, die Rübekamphalle fertiggestellt, die Gesamtschule Thesdorf gebaut.

Der Bauboom hält bis heute an. Allein auf dem Eggerstedtgelände wurden 250 Wohneinheiten gebaut. Auf dem ehemaligen Ilo-Gelände sollen weitere 350 Wohneinheiten entstehen. Gewerbe sind für die Gebiet Gehrstücken und Müßentwiete geplant. Auch in der Innenstadt floriert es, nur acht Prozent Gewerbe stehen leer. Pinneberg ist weiter im Aufbruch.

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