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Aus dem neuen Stadtgespräch : Pinnebergs Bürgermeisterin über Leerstand in der City und viele neue Möglichkeiten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die vielen Baustellen überall in der Stadt zeigen, dass und was sich tut. Nach Jahrzehnten des lähmenden Stillstandes.

Pinneberg verändert sich. Wird schöner, schicker und vor allem sanierter. Die vielen Baustellen überall in der Stadt zeigen, dass und was sich tut. Endlich. Nach Jahrzehnten des lähmenden Stillstandes. Die Innenstadt zum Beispiel hat durch die vielen Neubauten ein neues Gesicht bekommen. Das hat sich auch auf die Einkaufssituation und den immer wieder beklagten Leerstand in der City ausgewirkt. Wie, erklärt Pinnebergs Bürgermeisterin Urte Steinberg (58) im In­terview.

Urte Steinberg ist seit Janu­ar 2013 Bürgermeisterin von Pinneberg. Sie gehört keiner Partei an, sondern ging als gemeinsame Kandidatin von CDU und SPD ins Rennen.

Frau Bürgermeisterin, es scheint, als würden Investoren Pinneberg neuerdings lieben. Vor wenigen Tagen hat bei­spielsweise die Hamburger Handelsimmobilien GmbH ver­kündet, mit „Elanza – Fashion & Home“ in die Strauss-Räu­me in der Rathauspassage zu ziehen. Was ist auf einmal los?
Oh, eine Menge! Wir haben seit 2016 in nur anderthalb Jah­ren 13 Neuansiedelungen in der Innenstadt begrüßen dür­fen, darunter zum Beispiel die Bäckerei Junge an der Bismar­ckstraße, Mister Lady an der Dingstätte oder Hunkemöller am Fahltskamp. Sechs weitere Firmen, beispielsweise das Keksbackstübchen oder die Tanz­schule Leseberg, haben sich vergrößert oder sind in neuerrichtete Gebäude gezogen. Außerdem wurde und wird an 14 Stellen rund um die Innenstadt gebaut, erneuert, renoviert, investiert und modernisiert. Bestes Beispiel dafür sind unter anderem das NeueGe­WoGe-Bauvorhaben am Von-Ahlefeldt-Stieg – ein Haus ist bereits fertig – oder das Kreishausareal an der Moltkestraße, dessen neue Bebauung bis Weihnachten abgeschlossen sein soll. In der Pinneberger City sind seit 2014 gut 100 Millionen Euro investiert wor­den. Und das sieht man.

Wie hoch ist der Leerstand aktuell?
Wir haben insgesamt 229 Objekte, die zum Innenstadtbereich gehören und die laut BBE-Einzelhandelsgutachten, das ich zu Beginn meiner Amtszeit 2013 in Auftrag gegeben habe, eine Verkaufsfläche von zirka 23 000 Qua­dratmeter vorhalten. Von diesen 229 Objekten werden aktuell lediglich 15 nicht genutzt. Das entspricht einer Leerstandsquote – und darauf sind wir sehr stolz – von 7,7 Prozent! Zum Ver­gleich: Bis 2014 lag die Leerstandsquo­te immer zwischen 15 und 20 Prozent, 2015 bei elf Prozent, 2016 bei neun Prozent. Gemeinsam mit dem Stadt­marketing und der Wirtschaftsgemein­schaft haben wir es geschafft, diese kontinuierlich und gegen den bundes­weiten Trend zu senken.

Warum läuft es gerade so gut?
Weil wir hier alle – die Kaufleute, die Vermieter, die Mieter, die Wirtschafts­gemeinschaft, das Stadtmarketing, die Politik und die Verwaltung einschließ­lich des Wirtschaftsförderers – an ei­nem Strang ziehen und es geschafft ha­ben, aus Pinneberg einen interessanten Standort zu machen. Es müsste bei uns keine H&M-Filiale geben. Tut es aber. Dadurch haben jetzt vom Fahltskamp bis zur unteren Dingstätte so etwas wie eine kleine Bekleidungsmeile geschaf­fen, die für jeden etwas bietet.

Warum ist Pinneberg auf einmal ein interessanter Wirtschaftsstandort?
H&M und auch Mister Lady zum Bei­spiel haben sich die Gutachten-Zahlen angeschaut und sich anschließend be­wusst für Pinneberg entschieden. Weil hier noch etwas geht! Der Kaufkraftin­dex in Pinneberg liegt bei hervorragen­den 106,3 Prozent. Das ist überdurch­schnittlich. Allein in der City gibt es 2 000 Arbeitsplätze, die mit Kaufkraft aufwarten. Wir sind das Finanz-, Ver­waltungs- und Gerichtszentrum des Kreises Pinneberg.

Es wird doch immer gemeckert, dass die Kreisverwaltung weggezogen sei.
Ja, habe ich auch gehört (lacht). Um es deutlich zu sagen: Vom Weggang der Kreisverwaltung, was nach wie vor schade ist, ist nichts mehr zu spüren. Das haben wir kompensiert. Komplett.

Viele beschweren sich nun über die sogenannten Billigläden.
Warum? Sie müssen in einer Innen­stadt für jeden etwas bieten. Wir sind ein sogenanntes Mittelzentrum. Das bedeutet: Hier leben auch Menschen, die vielleicht mehr rechnen müssen als andere. Diese kaufen dort gern ein. Wer anderes sucht, findet es bestimmt bei Aust, Esprit, Kunstmann oder Gerry Weber.

Was haben Sie konkret für diese Ent­wicklung getan?
Das, was ich immer mache, wenn es gilt, ein Problem zu lösen: Ich analy­siere die Situation, hole alle Beteiligten an einen Tisch und wir entwickeln eine Strategie und die dafür nötige Lösung. Nachdem wir die Zahlen auf dem Tisch hatten, haben wir die sogenannten Ci­ty-Gespräche eingeführt: Wir haben mit fast allen Eigentümern gesprochen, eine Bestandsaufnahme gemacht und die Bedürfnisse abgefragt. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass die Ci­ty-Mieten stark variierten – von fünf bis zu 30 Euro pro Quadratmeter. Wir ha­ben straßenweise Info-Veranstaltungen durchgeführt, bei denen sowohl das Bauamt, das Stadtmarketing, der Wirt­schaftsförderer und die Pinnau.com dabei waren. Im März 2017 haben wir die Einwohner befragt, im Herbst 2017 ist geplant, dass ich mich mit den Filia­listen wie zum Beispiel dm oder H&M treffe.

Und das hat geholfen?
Aber natürlich. Weil all diese vielen und intensiven Gespräche endlich ver­krustete, alte Haltungen aufgebrochen und Bewegung in die Sache gebracht haben. Und zwar so sehr, dass wir hier in Pinneberg eine Trendumkehr geschafft haben: Wir füllen unsere Leerstände – gegen den bundesweiten Trend. Die Gespräche entfalteten einen Dominoeffekt, und Investoren haben uns wiederentdeckt. Erste Ergebnisse sehen wir jetzt. Und das war erst der Anfang. Warten Sie noch einmal fünf Jahre. Dann werden Sie die Innenstadt von Pinneberg kaum noch wiederer­kennen (lacht).

Was wird noch kommen?
Am Fahltskamp und in der unteren Dingstätte/Ebert-Passage zum Beispiel wird sich in Sachen Einzelhandel viel tun. Dazu kann ich noch nicht mehr sagen. Ich rede nicht über Dinge, die noch nicht spruchreif sind.

Nichtsdestotrotz macht die Filiale von s.Oliver dicht. Wieso?
Das wissen wir nicht. Wir haben das auch mit Bedauern vernommen. Über die Gründe können wir nur spekulie­ren. Vielleicht steckt da eine konzern­interne Neuausrichtung hinter.

Bleiben 7,7 Prozent Leerstand. Wor­an hakt es noch?
Viele Objekte gehören Privatpersonen. Diese sind mit Pinneberg verbunden und engagieren sich. Manchmal sind die Eigentümer Fonds oder Aktienge­sellschaften, die weit weg sind und keine Bindung zu Pinneberg haben. Bei ihnen dauert es länger, sie für die Stadt zu begeistern. Bei Objekten, die vermietet sind, hakt es an einer unein­heitlichen Ausrichtung. Das beginnt mit unterschiedlichen Öffnungszeiten bis hin zur Fassadengestaltung.

Was für Geschäfte bräuchte die Stadt noch?
Viele Bürger wünschen sich ein Haus­haltswaren- oder Porzellangeschäft. Vielleicht so etwas wie Kerkamm in Elmshorn zum Beispiel. Unterrepräsen­tiert sind wir auch im Bereich Spielwa­ren, Herrenausstattung, Sportzubehör, Unterhaltungselektronik und Schuhe. Schön wären auch weitere Geschäfte für Jugendliche sowie Spezialgeschäfte wie zum Beispiel für Reitsportbedarf. Und uns fehlt noch weitere Gastrono­mie. Wir haben einen so schönen Platz vor der Drostei. Die Menschen wün­schen sich zwischen dem Einkäufen Orte zum Verweilen. Die fehlen uns noch.

Und was wünschen Sie sich?
Eine gesunde Leerstandsquote von vier oder fünf Prozent. Und ein Kino sowie mehr Angebote für Jugendliche. Gern hinter Kunstmann an der Elmshorner Straße. Einen Kino-Betreiber haben wir schon. Was fehlt, ist ein Investor. Aber am meisten wünsche ich mir, dass so manch Pinneberger die Innenstadt neu für sich entdeckt und voller Stolz sagt „Das ist meine Stadt“.

Noch mehr Noch mehr Geschichten und Hintergrundinformationen zu dem Thema Aufbruch in City lesen Sie im Stadtgespräch, dem Monatsmagazin des Pinneberger Tageblattes. Sie finden das Stadtgespräch am heutigen Freitag in Ihrem Pinneberger Tageblatt oder an allen bekannten Auslagestellen. 

 

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erstellt am 28.Jul.2017 | 12:00 Uhr

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