Neuer Blick auf Altbekanntes : Pinnebergs Bahnhof: Infrage gestellt– aber nie abgerissen

So sah es mal aus: Die Künstlerin malte den Bahnhof umgeben von Bäumen.

So sah es mal aus: Die Künstlerin malte den Bahnhof umgeben von Bäumen.

Empfangsgebäude am Pinneberger Bahnhof steht seit 174 Jahren, obwohl Pläne für neues Haus bereits existierten.

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08. August 2018, 12:00 Uhr

Pinneberg | Der Wasserturm, die Drostei, die Paasch-Halle, die Christuskirche an der Bahnhofstraße und der Bahnhof selbst – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist? Die Künstlerin Imke Stotz hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem Schwarz-Weiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Gelb-grüne Fassade, bröckelnde Farbe, teilweise verrammelte Fenster. Das historische Empfangsgebäude am Pinneberger Bahnhof, das 2019 seinen 175. Geburtstag feiert, hat schon bessere Tage gesehen. Und es macht in letzter Zeit eher Negativschlagzeilen. So musste es gesperrt werden, nachdem im April Schäden festgestellt wurden. Auch vorher war in dem denkmalgeschützten Haus meist Flaute: Der Ticketschalter und die Toiletten befinden sich noch dort. Die Gastwirtschaft, der Fahrradservice – lange weg. Dabei hat das Gebäude richtige Hochzeiten erlebt. Und auch beinahe seinen Abriss.

Das Antlitz des Bahnhofgebäudes wird sich bald verändern – 2019 wird saniert.
Helen Stotz

Das Antlitz des Bahnhofgebäudes wird sich bald verändern – 2019 wird saniert.

 

Gebaut wurde es vom Zimmerei- und Bauunternehmen Warncke im Jahr der Einweihung der „Christian-VIII.-Ostseebahn“ – 1844. Der Bahnhof lag umgeben von hohen Bäumen: Praktisch mitten im Fahlt, der damals noch etwas größer war als das kleine Stadtwäldchen, das er heute ist. Die heutigen Holzfenster im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes waren noch Strebentüren, die den Weg direkt ans Gleis freigaben. Laut dem Abfahrtplan von damals fuhr jeweils genau eine Bahn: Um 8.15 Uhr war in Pinneberg Abfahrt nach Kiel und um 17 Uhr war der Zug aus Kiel zurück in Pinneberg. Ein zweites Gleis wurde erst im Jahr 1884 gebaut.

In seinem Beitrag „Jugenderinnerungen an die Eisenbahn um 1914“ im Jahrbuch für den Kreis Pinneberg 1996 beschreibt Ernst Damman den Trubel, der einst im und um das Gebäude herum herrschte. Fahrdienstleitung und Bahnmeisterei waren demnach dort untergebracht – im oberen Geschoss waren sogar Wohnungen für das Personal. Auch die Fahrkartenausgabe und eine Gutabfertigung für Gepäck eine Gaststätte beherbergte der Pinneberger Bahnhof. Die Post wurde mit Karren zu den Zügen gezogen und auch das Pinneberger Tageblatt wurde per Zug transportiert.

Eigene Werksgleise

Der Bahnhof war jedoch nicht nur für den Personenverkehr gedacht: Die Firma Warncke hatte eigene Werksgleise genauso wie Herman Wuppermans Emaillewerk und das Union Eisenwerk. Schnell entstand ein eigener Güterbahnhof, der in den 1970er Jahren erst lahmgelegt wurde.

Das Bahnhofsgebäude überstand unbeschadet den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg. Gefährlich wurde ihm erst die Modernisierung. 1967 fuhr in Pinneberg die erste mit Blumengirlanden geschmückte S-Bahn aus Hamburg ein. Und etwas mehr als zehn Jahre später reichte die Gleiskapazität nicht mehr aus: Die Strecke zwischen Krupunder und Pinneberg sollte 1980 zweigleisig ausgebaut werden, damit Bahnen mit neun Wagen fahren konnten. Pinneberger Zeitungen berichteten, dass so ab 1982 ein Fünf-Minuten-Betrieb starten sollte. Für den erforderlichen Ausbau sollte das Bahnhofsgebäude weg, ein Neubau war geplant. Zu dieser Zeit standen die Wohnungen im Obergeschoss schon länger leer, nur die Gaststätte hielt sich im Erdgeschoss.

Das zweite Gleis kam auch – aber das Bahnhofsgebäude blieb. Die Überlegungen, es abzureißen, hielten sich bis in die 2000er Jahre. 2009 stellte die Stadt Pläne für ein Millionenprojekt vor: Neuer Bahnhofsvorplatz, Modernisierung auf den Gleisen und bei den Buslinien. Nach drei Jahren Verhandlung stand ein Konzept: Bis 2015 sollte unter anderem ein Busbahnhof an der Rockvillestraße gebaut werden – das dürfte den Pinnebergern bekannt vorkommen, steht er doch jetzt endlich. Fast. Ob das Bahnhofsgebäude bleibt oder nicht, stand damals zunächst nicht fest. Mittlerweile ist klar: Es bleibt. Immerhin ist es das älteste in Schleswig-Holstein, das noch in Betrieb ist.

6,8 Millionen für die Modernisierung

In Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde wird saniert, drumherum modernisiert. Erst im Februar dieses Jahres gab das Land dafür Fördermittel in Höhe von 6,8 Millionen Euro frei. Startschuss für das Bahnhofsgebäude ist offiziell 2019 – doch eine kleine Vorabsanierung blieb nicht aus, da eine Begehung vor etwa drei Monaten Schäden an der Decke zu Tage brachte. In der Zeit, in der das Gebäude gesperrt war, wurde die Decke mit Trägern stabilisiert. „Das ist erstmal provisorisch, aber das Empfangsgebäude wird eh neu gemacht“, sagt DB-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis. Anschließend soll unten wieder eine Gastronomie einziehen. Oben sind Funktionsräume geplant. Die Toiletten, die während der Sperrung von Fahrgästen schmerzlich vermisst wurden, gibt es übrigens erst seit 2007. Das erzählen Schautafeln der IG Bahnhofshalle, die das Gebäude zieren. Unsere Zeitung hatte bereits 2002 berichtet, dass die Klos am Bahnhof fehlten, seit die Gastwirtschaft leer stand.

Auch der Bahnhof selbst erhält ein neues Gesicht: Die Bahnsteige werden behindertengerecht umgebaut und der Tunnel unter den Bahngleisen wird verlegt sowie neu gestaltet. Die umfassenden Arbeiten starten nächsten Monat – dann beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Pinneberger Bahnhofs.

Zu der Serie gibt es fünf Postkarten jeweils mit den Motiven Ernst-Paasch-Halle, Wasserturm, Drostei, Christuskirche und der Bahnhof in der Geschäftsstelle des A. Beig-Verlags, Damm 9-19, zu kaufen. Eine Postkarte kostet 1,20 Euro, ein Satz mit fünf Karten fünf Euro.

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