Interview : Pinneberger Glaskünstler Hartmut Müller geht in den Ruhestand

Die Glasskulpturen von Künstler Hartmut Müller sind weiterhin in den Fenstern der Atelierräume zu sehen.
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Die Glasskulpturen von Künstler Hartmut Müller sind weiterhin in den Fenstern der Atelierräume zu sehen.

Seit 1976 arbeitet er in einer eigenen Werkstatt – jetzt ist Schluss mit „Tabernakel“. Ein Gespräch über Kunst, Glas und den Abschied.

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09. Mai 2018, 16:00 Uhr

Pinneberg | Glaskünstler Hartmut Müller hat sein „Tabernakel“ geschlossen. In den Fenstern der Atelierräume am Fahltskamp, werden zwar weiterhin Glasobjekte zu sehen sein. Und auch arbeiten wird Müller – immer, wenn ihm danach ist. Trotzdem wollte der 74-Jährige einen klaren Schlussstrich ziehen und offiziell in den Ruhestand eintreten. Am vergangenen Sonntag hat er sich mit einer Abschluss-Ausstellung in Pinneberg verabschiedet. 1976 begann Müller mit einer eigenen Werkstatt in Hamburg, zog nach Rellingen und schließlich nach Pinneberg. Seine regelmäßigen Ausstellungen, die er oft gemeinsam mit befreundeten Malern und Fotografen präsentierte, gehörten schnell zum kulturellen Leben der Stadt. Wir haben die Gelegenheit genutzt, den renommierten Glaskünstler in einem Gespräch zu fragen, was wird, und was war.

Frage: Was bedeutet Ihnen das Material Glas? Sie haben Ihre Ausbildung doch im Metallhandwerk begonnen. Wie kam es zu dem Wechsel?Hartmut Müller: Da konnte ich gar nichts machen. Als ich nach dem Industriedesign-Studium das Glas als Arbeitsmaterial entdeckt habe, ist es zu einer echten, dauerhaften Leidenschaft geworden. Und das ist bis heute so geblieben.

Und warum wollen Sie dann mit der Herstellung von Glasobjekten aufhören und haben Ihr Tabernakel offiziell geschlossen?
Ich werde auch älter. Mit Glas zu arbeiten, ist ein harter Job, das darf man nicht unterschätzen. Außerdem fehlt langfristig der kaufkräftige Nachwuchs. Auf gute Gläser oder schöne Glasobjekte wird heute nicht mehr so viel Wert gelegt. Das neue Handy ist wichtiger.

Sie haben als Künstler unterschiedliche Arbeitsphasen durchgemacht. Welche hat Sie am meisten inspiriert?
Eindeutig die 90er Jahre. Da begann ich mit den Entwürfen großformatiger Schalen aus klarem und farbigen Floatglas. Die Füße waren aus Knopfglas. Das war relativ neu, denn die Glasstangen wurden eigentlich für die Herstellung von Knöpfen und Schmuck benutzt. Designobjekte, Figuren und Vasen dieser Zeit gefallen mir im Rückblick am besten. Außerdem durfte ich auch in verschiedenen Studios auf Malta, in England und Frankreich arbeiten. Großartig.

Und welcher der Glaskünstler hat Sie am meisten beeindruckt?
Der ganz normale Glasmacher am Ofen beeindruckt mich am allermeisten. Denn erst durch seine Erfahrung, seine Routine und sein Können, bekommen die Glaskünstler optimale Ergebnisse. Glaskünstler arbeiten fast immer mit einem Glasmacher zusammen, weil sie die Routine am Ofen nicht haben. Glas ist ein sehr launisches Material. Damit muss man sensibel umgehen.

In Ihren Ausstellungen gab es immer ganz unterschiedliche Objekte zu sehen. Welche sind für Sie persönlich am wertvollsten? Die Paperweights? Die Gläser? Oder die Skulpturen?

Ehrlich gesagt habe ich die Paperweights und Gläser zwar auch sehr gemocht, aber doch mehr zum Geldverdienen benötigt. Die Figuren, Vasen und Skulpturen haben meine Kreativität herausgefordert. Und das ist für einen Künstler entscheidend.

Haben Sie lange mit dem Gedanken gespielt, Ihr Tabernakel aufzugeben?
Ja. Ich habe tatsächlich schon zwei Jahre hin und her überlegt.

Und jetzt ist die Entscheidung gefallen. Was wollen Sie zukünftig machen?
Das Leben genießen.

Warum haben Sie einige Ihrer Glasobjekte beim Verabschiedungs-Event im Sale angeboten? Wollten Sie Ballast loswerden?
Ja, unbedingt. Ich glaube, es ist ein natürliches Bedürfnis, wenn man älter wird. Ich möchte frei sein. Einige der Stücke habe ich bereits vor 20 bis 30 Jahren gemacht. Aber meine allerliebsten Objekte stehen noch in meiner Wohnung. Von denen konnte ich mich noch nicht trennen. Es kann aber sein, dass ich auch die später einmal verkaufe. Man weiß nie.

Sie behaupten, Getränke würden aus guten Gläsern besser schmecken. Ist das wirklich so?
Unbedingt. Jeder sollte einen Lieblingsbecher und ein gutes Lieblingsglas haben. Daraus schmeckt tatsächlich jedes Getränk besser.

Aber die meisten Haushalte verwenden billige industriell hergestellte Gläser. Schmerzt Sie das?
Das ist der Lauf der Zeit. Es geht ja immer noch schlimmer – dann doch lieber ein gut gestaltetes Pressglas als aus der Flasche zu trinken.
 

„Broken Ship“: Das Objekt von Hartmut Müller stellt ein instabiles Boot dar und knüpft an die Flüchtlingsproblematik an.
Sabrina Lincke
„Broken Ship“: Das Objekt von Hartmut Müller stellt ein instabiles Boot dar und knüpft an die Flüchtlingsproblematik an.
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