zur Navigation springen

Christoph Binöder : Pinneberger Fotograf porträtiert Menschen mit Demenz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ab 1. November stellt Christoph Binöder seine Bilder aus – im Seniorenheim an der Mühlenstraße.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2014 | 15:00 Uhr

Pinneberg | Christoph Binöder hat zwei Augen. Er hat ein Herz. Eine Kamera. Und, wie er selbst bekundet, keine Angst mehr vorm älter werden. Binöder ist gelernter Fotograf. Industriefotograf, um genau zu sein. Einer, der jahrelang Maschinen ablichtete. Und den es jetzt zu den Menschen treibt. Viele Tage hat der 48-Jährige Zeit im Seniorenwohnpark Bauernmühle verbracht. Mit Gesichtern, die vom Leben gezeichnet sind. Menschen, die zuweilen aus der Zeit zu fallen scheinen. Mit Demenzkranken. Ab 1. November stellt Binöder seine Bilder aus – im Seniorenheim an der Mühlenstraße.

Wir treffen den 48-Jährigen eben dort. Gebürtig in Franken, hatte es den Fotografen vor anderthalb Jahren in den Norden verschlagen. Die zündende Idee zu dem Fotoprojekt sei ihm gekommen, als er seine Frau von der Arbeit in einem Seniorenheim abgeholt habe. Dort hatte er sich mit Demenzkranken unterhalten. Nähe aufgebaut. Und festgestellt, wie viel Leben noch in diesen Menschen steckt. „Wir müssen uns mit unserer eigenen Endlichkeit auseinandersetzen“, sagt Binöder. „Es gibt einen übertriebenen Jugendwahn in der Gesellschaft.“

Bereits 2013 hatte der Fotograf Kontakt mit der Leitung des Pinneberger Seniorenwohnparks aufgenommen. Und war auf offene Ohren gestoßen. „Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden.“ Im August des Jahres kam er erstmals mit seiner Ausstattung ins Haus. „Ich habe zunächst eine ganz kleine Kamera benutzt. Es ging darum, Vertrauen aufzubauen.“ Wichtig sei ihm, weder den Ablauf zu stören, noch Ängste zu provozieren. „Ich begreife mich als ein stiller Beobachter.“ Binöder ist dabei, als Therapiehunde das Seniorenheim besuchen. Erlebt das Essen im Gemeinschaftsraum. Und wenn an der Mühlenstraße gefeiert wird. Er fängt Situationen ein. Das Lachen. Manchmal auch Traurigkeit. Momente und Situationen, die leben. Und Gesichter, die Geschichten erzählen.

Auf eine umfangreiche Nachbearbeitung der Bilder verzichtet der 48-Jährige bewusst. „Das wäre völlig fehl am Platze. Ich will authentisch bleiben“, sagt er. Für seine Ausstellung hat er einiges in Bewegung gesetzt. Einverständniserklärungen mussten eingeholt werden. Ein Info-Nachmittag für Angehörige wurde organisiert. Einige der Fotografien werden in der Schau Ölbildern desselben Motivs gegenübergestellt.

Christoph Binöder hat Demenz in der eigenen Familie erlebt. Sein Opa war daran erkrankt. Eigene Furcht vor der Krankheit hat der 48-Jährige abgelegt. „Früher hatte ich Angst, mittlerweile blicke ich gelassen in die Zukunft.“ Bei seiner Arbeit, seinen Gesprächen habe er festgestellt, dass verwirrte ältere Menschen Momente der Freude, des Glücks erleben. Dass das Leben auch für sie noch lebenswert sein kann. „Ich denke, das Anfangsstadium der Krankheit ist schwierig“, sagt er. Vor allem für Betroffene, die zuvor sehr aktiv gewesen seien. Sich mit dem Verlust geistiger Kräfte abzufinden – das sei eine große Herausforderung.

Für Binöder steht fest, dass Demenzkranke nicht abgeschoben werden dürfen. Teilhabe und Austausch seien von unschätzbarem Wert. Zu einigen seiner „Models“ habe er eine Bindung aufgebaut. Auf gemeinsamen Spaziergängen etwa. „Ich wurde unheimlich freundlich aufgenommen“, so der Fotokünstler.

„Für uns ist das Projekt eine tolle Erfahrung“, sagt Nadine Pekruhl, die den Seniorenwohnpark Bauernmühle leitet. Es sei eine schön, wie sich die an Demenz erkrankten Bewohner dem Fotografen geöffnet hätten. „Uns geht es auch um Aufklärung und den Abbau von Ängsten.“ Binöder hat Gefallen an der Arbeit mit Senioren gefunden. Er kann sich vorstellen, in einem Projekt mit älteren Menschen loszuziehen – um in der Stadt zu fotografieren. „Diese Arbeit beruhigt mich innerlich, man kann das Altern auch von der humorvollen, aktiven Seite her anfassen.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen