Finanzen : Pinneberg soll 2020 wieder kreditwürdig sein

Die Finanzexperten Jens Bollwahn und Ute Lutterberg bringen die Pinneberger Jahresabschlüsse auf Vordermann.
Foto:
1 von 2
Die Finanzexperten Jens Bollwahn und Ute Lutterberg bringen die Pinneberger Jahresabschlüsse auf Vordermann.

In zwei Jahren sollen alle von Kiel geforderten Jahresabschlüsse vorliegen. Die Stadt baut Defizite ab.

von
09. Januar 2018, 17:00 Uhr

Pinneberg | Licht am Ende des Tunnels: Das Drama um die von der Stadt Pinneberg verschleppten Jahresabschlüsse soll bald ein Ende haben. So sollen in zwei Jahren die von Kiel geforderten Bilanzen auf einem aktuellen Stand sein. Das ist das Fazit einer Pressemitteilung der Stadt. 

„Wenn im gleichen Tempo so weitergearbeitet wird, sind wir Ende 2019 mit Vorlage der Jahresabschlüsse 2016 bis 2018 endlich à jour“, fasst Bürgermeisterin Urte Steinberg zusammen. „Denn nur so erhalten wir unsere Kreditwürdigkeit wieder zurück und ab 2020 soll das Thema Teilgenehmigungen von Haushalten endlich Geschichte sein“, so Steinberg.

Hintergrund: Weil Pinneberg nicht mit den Jahresabschlüssen nachkam, hatte die Kommunalaufsicht in Kiel ein Ultimatum gestellt. Der jeweilige Haushalt werde nur dann genehmigt, wenn auch die Jahresabschlüsse zeitlich aufgearbeitet werden. Kehrseite der Medaille: Es gibt zunächst nur Teilgenehmigungen für Investitionen. Doch die Stadt zeigt Engagement: Die Bilanzen für 2009, 2010, 2011 und 2012 seien bereits abgehakt. Zum Monatsende April 2018 soll auch der Abschluss 2013 vorliegen, was die Bürgermeisterin freut: „Ich danke allen beteiligten Mitarbeitern. Es ist ein Kraftakt, der da bewältigt wird.“ Das Team des Fachdienstes Finanzen der Stadtverwaltung Pinneberg liege damit in puncto Aufgabenerfüllung gut im Zeitplan.

Jens Bollwahn und Ute Lutterberg aus dem Fachdienst sind dementsprechend auch zufrieden. Die Bürgermeisterin hatte sich den Kreis-Kämmerer Bollwahn extra ausgeliehen und Lutterberg zur Fachdienstleiterin erkoren, um den Altlasten-Berg von Jahresabschlüssen abzutragen.

Schwierigkeiten seit 2004

Finanzexperte Bollwahn nimmt kein Blatt vor den Mund. „Man hätte sicherlich das eine oder andere in der Vergangenheit anders machen müssen“, sagt er. Die Schwierigkeiten hätten bereits 2004 begonnen. Damals stand für die Verwaltung eine Zäsur an: die Umstellung der kameralistischen Buchführung auf die doppische Buchführung. Dieser Systemwechsel bedeutete für jede Kommune einen immensen Arbeitsaufwand, denn in den Eröffnungsbilanzen muss sich jeder Vermögenswert beziffert wiederfinden – jede Straße, jeder Kleingarten, jedes Auto, jeder Computer, jede Schule, einfach alles. Man beschloss, parallel zur Umstellung auch das Buchhaltungsprogramm fürs Computersystem zu wechseln, um die Bilanzen abzubilden. „Die Probleme beider Umstellungen wurden damals unterschätzt“, analysiert Bollwahn. 90 Prozent der seinerzeit alten Buchungen seien „nicht verwendbar“ gewesen.

Weil zunächst eine Eröffnungsbilanz vorliegen musste, damit alle folgenden Bilanzen auf sie und aufeinander aufbauen konnten, geriet die Stadt Jahr um Jahr stärker in Verzug. Die Eröffnungsbilanz habe dann endlich Mitte 2013 vorgelegen, so der Finanzexperte. Abstimmungsprobleme, Personalwechsel, der Einsatz von jenen Mitarbeitern, die sich normalerweise mit der Steuerveranschlagung beschäftigen, verschärften die Situation bei den Jahresabschlüssen, sodass teilweise Steuerbescheide verzögert erstellt wurden, führt Bollwahn aus. Kritiker sprachen damals von einem „Finanzskandal“ und befürchteten einen Schaden für die Stadt in Millionenhöhe. Doch in der Realität habe dieses Loch nur auf dem Papier und damit nur virtuell bestanden. Bollwahn: „Vieles wurde verzerrt dargestellt, denn das Geld war auf den Konten vorhanden, lediglich in den Bilanzen nicht abgebildet. Wir befanden uns gewissermaßen im haushaltstechnischen Blindflug.“

Zwei Notbremsen

Lutterberg ergänzt: „Einen Finanzskandal mit verschwundenen Millionen hat es nie gegeben, vielmehr entstand in der Vergangenheit beispielsweise durch Fehlbuchungen und Stornierungen lediglich der falsche Eindruck eines immensen Finanzlochs.“ Zwei Notbremsen wurden deshalb von der derzeitigen Verwaltungsleitung gezogen. Zunächst wurde die Entscheidung getroffen, die noch ausstehenden Jahresabschlüsse nicht weiter mit der neuen Finanzsoftware zu erstellen, sondern mit der alten, bewährten Finanzsoftware. Außerdem wurden die bereits erwähnten personellen Konsequenzen eingeleitet.

Parallel zu den Jahresabschlüssen gibt es auch weitere positive Entwicklungen, so Rathaussprecherin Maren Uschkurat: Durch die voraussichtlich positiven Jahresergebnisse ab dem Jahr 2012 konnte die Stadt Pinneberg ihr aufgelaufenes Defizit im Jahr 2015 abbauen.

Weiterhin tilgte Pinneberg in 2014 und 2015 mehr Schulden als die Stadt aufnahm. Damit wuchs das Eigenkapital weiter an. Rund 51 Millionen Euro stehen derzeit laut Jahresabschluss 2012 in der Bilanz und damit eine Eigenkapitalquote von rund 26 Prozent. „Im Vergleich zu anderen Kommunen kann sich dieser Wert sehen lassen“, so Uschkurat.

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen