Frotzeleien aus Hamburg : Pinneberg-Häme in der „Zeit“: Protest aus der Provinz

Hier gebe es nichts, nur Müll, zitiert der Autor Moritz Herrmann einen Einwohner. In seinem „Zeit“-Artikel kommt Pinneberg nicht gut weg. Zu Unrecht.
Hier gebe es nichts, nur Müll, zitiert der Autor Moritz Herrmann einen Einwohner. In seinem „Zeit“-Artikel kommt Pinneberg nicht gut weg. Zu Unrecht.

In einem Beitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“ wird Pinneberg als trostloser Ort beschrieben – eine Antwort.

shz.de von
19. Juli 2018, 16:00 Uhr

Pinneberg | PI als Chiffre für Dorfproleten und miese Autofahrer – vergangene Woche erschien im Hamburg-Teil der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Text über Pinneberger und ihre „verwundete Psyche“. Gezeichnet wird das Porträt einer Stadt – hässlich und öde – die scheinbar zu Recht die Frotzeleien der Hamburger zu spüren bekommt. Eine Antwort von unserer Volontärin Daniela Lottmann.

PI steht für Provinzidiot. Letzte Woche schrieb Moritz Herrmann im Hamburg-Teil der „Zeit“ darüber, wie ein Autokennzeichen Menschen zur Witzfiguren degradiert – und schaute dabei nur nach Pinneberg. Aber das Kennzeichen PI wird nicht nur in der Stadt Pinneberg, sondern im ganzen Kreis ausgegeben: Acht Städte, 41 Gemeinden, 312.351 Menschen sitzen in diesem Boot und fühlen sich von den Hamburgern ausgelacht. Und während die „Zeit“ ihren Reporter aus Hamburg für ein, zwei Tage auf Expedition in das Pinneberger Gefühlsleben schickt, sind sie schon lange da und wohnen, lieben, streiten. Ich bin eine von ihnen.

Ich zog 2015 nach Elmshorn, die größte Stadt im Kreis Pinneberg, und arbeite als Volontärin für die Lokalzeitung. Fast 50.000 Menschen leben hier in einer fast funktionierenden Infrastruktur. 30 Kilometer sind es von meinem Zuhause bis zum Hamburger Hauptbahnhof. 27 Minuten Zugfahrt. Startpunkt ist der Elmshorner Bahnhof, wo 15.000 Menschen täglich ein- und aussteigen.

Sylt-Touristen warten am Elmshorner Bahnhof. Mal wieder gibt es Probleme im Bahnverkehr.
Cornelia Sprenger
Sylt-Touristen warten am Elmshorner Bahnhof. Mal wieder gibt es Probleme im Bahnverkehr.
 

Unser Bahnhof ist einer der meist frequentierten im Land und so marode, dass ihn der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Bernd Buchholz als „eines der schlimmsten Bahnhofslöcher“ bezeichnete. Bald soll alles neu gemacht werden. Bahnhofsgebäude werden abgerissen, ein zusätzlicher Bahnsteig wird gebaut und endlich vielleicht, eventuell, hoffentlich auch ein drittes Gleis, das den fragilen, schon lange an der Kapazitätsgrenze weilenden Bahnverkehr entlasten soll. So wurde es in einem Ausschuss der Stadt Elmshorn erzählt. Beim Aufräumen in der Redaktion findet mein Kollege eine Pressemitteilung, die ebenfalls den Bau des dritten Gleises bejubelt. Sie stammt vom 13. Mai 1997. Gebaut wurde bisher nichts.

Wir im Kreis Pinneberg sind keine miesen Auto-, sondern verhinderte Bahnfahrer. Und was die Hamburger Langeweile nennen, ist in Wirklichkeit Geduld.

Ein unfairer Wettkampf

Letzte Woche schrieb Moritz Herrmann vor allem über die Hässlichkeit von Pinneberg. Ein Hamburger, der die Nase rümpft und dabei bestimmt nicht gerade unvoreingenommen urteilt. Denn Hamburger beschreiben ihre eigene Stadt immer als die schönste der Welt. Ein fairer Wettkampf ist das nicht. Und vielleicht, Kollege Herr- mann, haben Sie auch nur nicht richtig hingeguckt.

Viele versteckte Lampen in der Arboretumsanlage lassen bei Dämmerung die bunten Bäume mystisch leuchten.
Arboretum
Viele versteckte Lampen in der Arboretumsanlage lassen bei Dämmerung die bunten Bäume mystisch leuchten.
 

Fahren Sie zum Wedeler Strand, fahren Sie zum Arboretum nach Ellerhoop, feiern Sie zusammen mit 3000 Metalfans beim Headbangers Open Air in Brande-Hörnerkirchen, oder bummeln Sie durch das Industriemuseum in Elms- horn! Und überhaupt Elmshorn: Mitten im Stadtgebiet thront die Haferflockenfabrik Peter Kölln. Wenn hier Müsli gekocht wird, riecht es in der ganzen Stadt nach Schokolade. Olfaktorisch gewinnen wir.

Nein, die Hässlichkeit ist nicht unser größtes Problem. Wir schämen uns für die Langsamkeit, mit der es vorangeht, mit der Gebäude saniert, Straßen ausgebessert und Schulen geflickt wer- den. An der Theodor-Heuss-Schule in Pinneberg durfte jahrelang der Innenhof nicht benutzt werden, weil immer wieder Fassadenteile auf die Erde stürzten.

Verschiedene Bewältigungsstrategien

Die Pinneberger haben verschiedene Bewältigungsstrategien entwickelt, um mit der bleiernen Behäbigkeit und dem Hamburger Spott fertig zu werden. Eine ist die Verschleierung. Gerade wer jung ist und im Kreis Pinneberg lebt, gibt es der großen, weiten Welt gegenüber nicht gerne zu. Immer wieder entdeckt man Menschen aus dem Kreis, die im Internet als Heimatort Hamburg angeben. Wer ehrlicher ist, schreibt zumindest „Nähe Hamburg“. Gerüchteweise soll es Menschen geben, die ihr Auto über Verwandte, Bekannte oder Freunde in Hamburg anmelden, nur um beim Kennzeichen nicht mit PI gebrandmarkt zu werden. So zu tun, als wäre man Hamburger – es ist, als lebe eine ganze Generation aus Scham mit einer Identitätsspaltung. Zumindest sieht es von außen so aus. Denn vielleicht ist es in einer globalisierten Welt auch nur einfacher, Hamburg als Wohnort zu nennen, um nicht erklären zu müssen, wie man Klein Offenseth-Sparrieshoop schreibt. Und vielleicht ist das HH-Kennzeichen nur ein Überbleibsel eines verhinderten Hamburgers, der sich bei uns endlich Wohneigentum im Grünen leisten kann und nicht in einer Besenkammer leben muss.

Die zweite Strategie funktioniert genau andersherum: Widerstand. Immer wieder trifft man auf Menschen im Kreis, die ihren Ort für den Nabel der Welt halten. „Geh mir weg mit Hamburg“, sagen sie. „Alles nur Schickimicki.“ Nie würden sie nach Hamburg ins Theater fahren – dank Tourneetheater kommt das Schauspiel zu ihnen. Nie würden sie den Hafengeburtstag besuchen. Sie verfolgen das Spektakel vor dem Fernseher. Selbst die Nachbarorte liegen außerhalb ihres Interesses. Nein, man kaufe die Zeitung nicht, da stehe zu viel Pinneberg drin, hörte ich mehr als einmal, wenn ich mich als Volontärin der Elmshorner Nachrichten zu erkennen gab. Gemeint sind unsere Kreisseiten, ein oder zwei Stück täglich. Schon das ist den Menschen zu weit weg. Unser Verlag weiß um die Heimatfokussierung und leistet sich sieben verschiedene Tageszeitungen innerhalb eines Landkreises. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo sonst so kleinteilige Verbreitungsgebiete.

Der Pinneberger mag seinen Heimatort und gleich danach Hamburg

Doch der größte Teil der Pinneberger liegt irgendwo in der Mitte zwischen Verschleierung und Widerstand. Er mag seinen Heimatort und gleich danach Hamburg. Wir arbeiten da, verbringen dort unsere Freizeit, trinken ein Bier an den Landungsbrücken und stürzen ab in einer Kneipe auf dem Kiez. „Wir haben ja die S-Bahn, mit der ist man in 20 Minuten in der City“, zitierte uns Moritz Herrmann vergangene Woche und bemerkte, dass mit City nie unsere eigene gemeint sei. Aber das stimmt nicht. Hamburg gehört für die meisten von uns zum Leben dazu. Hamburg ist auch unsere City.

Nordish by nature: Die Mitglieder von Fettes Brot stammen aus Pinneberg, Halstenbek und Schenefeld.
Marc Müller, dpa
Nordish by nature: Die Mitglieder von Fettes Brot stammen aus Pinneberg, Halstenbek und Schenefeld.
 

Zugegeben, unsere Straßen sind Buckelpisten, der Kita-Ausbau stockt, und das Elmshorner Hallenbad ist seit 2015 geschlossen. Bei uns läuft nicht alles super. Aber dass Hamburger ihre Stadt für das gelobte Land halten, grenzt an Realitätsverweigerung. Elbvertiefung, Wohnraum, HSV – tut es genug weh? Vielleicht sollten wir den ganzen Quatsch einfach mal lassen und zusammen ein Bier trinken gehen. Pinneberger und Hamburger, vereinigt euch! Eine Party der Freundschaft. Wir bringen auch die Musik mit. Fettes Brot, wie ihr es mögt, denn von ihnen stammen Hymnen auf Hamburg, wie Moritz Herrmann vergangene Woche schrieb. Wir sagen: Gern geschehen. Denn die Mitglieder von Fettes Brot stammen aus Pinneberg, Halstenbek und Schenefeld – alles im Kreis Pinneberg.

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