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Die eigene Erfahrung weitergeben : Persönlichkeitsbildung als Seminar - Gezal Kawiar setzt auf Kommunikation

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Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Die Quickbornerin Gezal Kawiar setzt auf die Auseinandersetzung mit Problemen und Kommunikation.

shz.de von
erstellt am 31.Jul.2017 | 10:00 Uhr

Quickborn | Was sind deine Ziele? Wer sind die wichtigsten Menschen in deinem Leben? Welche Eigenschaften hättest du gern? Wie stellst du dir deine ideale Wohnsituation, Gesundheit und Beziehung vor? Es gab am Sonnabend viele Fragen, die Gezal Kawiar den Teilnehmern des Seminars zur Persönlichkeitsbildung im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Barmstedt stellte. „Ich möchte viel Input geben, an dem die Teilnehmer arbeiten können. Persönlichkeitsbildung ist sicherlich nicht mit einem Seminar abgeschlossen“, sagte die Quickbornerin.

Mobbing, eine Sprache, die man nicht beherrscht, neue kulturelle Einflüsse, Druck aus dem Elternhaus – die Probleme, die die Schüler während des Seminars vortragen ähneln sich. Kawiar hilft ihnen, diese zu visualisieren, in Worte zu fassen. „Viele reden über viele Dinge, kriegen das Problem aber nicht auf den Punkt. Das ist aber notwendig, um Lösungen zu finden“, erläuterte Kawiar. Sie setzt dabei auf „Design Thinking“. „Die Idee wurde für Unternehmen entwickelt, um komplexe Probleme zu lösen. Das funktioniert aber auch bei vielen privaten Problemen“, ist Kawiar überzeugt.

Kommunikation sei eines der zentralen Elemente, um beispielsweise Ausgrenzung in der Schule zu begegnen. „Da viele Angst haben, das Gespräch zu suchen, ignorieren sie das Problem einfach und reden nicht darüber“, weiß Kawiar von Seminarteilnehmern. Doch der Schritt sei wichtig, auch wenn er schwerfalle. „Oftmals lösen sich Konflikte bereits nach einem Gespräch, weil man sich vorher tatsächlich nicht verstanden hat“, sagte Kawiar. Das fange oft schon bei der Begrüßung an. „Ich bin oft gefragt worden, warum Deutsche so einen festen Händedruck haben. Ob sie zeigen wollen, dass sie stärker sind. In der arabischen Kultur ist der Händedruck schwächer. Es sind viele kleine Dinge, die anders sind“, erläuterte Kawiar. Daher riet sie, sich mit der neuen Kultur auseinanderzusetzen. „Ich sage immer: ‚Leben und leben lassen. Das ist das Wichtigste‘.“ Sie selbst werde häufig von jungen Muslimen angesprochen, wie sie Religion und die vermeintliche Freizügigkeit verbinde. „Man muss nicht alles gut finden, aber respektieren“, sagte Kawiar.

Die Schüler hingen an ihren Lippen, machten jede Übung mit. Selbst die Pausen wurden teils durchgearbeitet. Denn Kawiar weiß, wovon sie spricht. Im Jahr 2003 kam sie mit ihren Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Sie besuchte das Elsensee-Gymnasium und absolvierte in Hamburg das Abitur. Im Zuge eines Schülerstipendiums der Start-Stiftung für Kinder aus Migrationsfamilien besuchte sie Kurse zu interkulturellen Kompetenzen und Teammanagement. „Die Probleme, die Flüchtlinge heute haben, sind die gleichen, die ich vor zehn Jahren hatte“, so die Dozentin. „Ich habe viele Seminare besucht, interessante Leute kennengelernt und will meine Erfahrungen weitergeben. Denn wer kennt die Probleme besser als diejenigen, die das selbst alles erlebt haben?“ Kawiar ist Sprecherin des Alumni-Vereins Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern der Stipendiaten bei den Johannitern. Ihr Traumjob: Chirurgin. Derzeit absolviert sie die notwendigen Praktika. „Ich will meinen Eltern zeigen, dass die ganze Flucht richtig war, weil sie es ja vor allem für mich und meine beiden Geschwister getan haben“, sagte Kawiar. Ihre Mutter, studierte Juristin, arbeitet als Tagesmutter. Ihr Vater war Flugzeugbauer und ist im Vorruhestand. „Es ist hart zu sehen, dass sie nicht das machen können, was sie mal gelernt und geliebt haben“, sagte Kawiar. „Ich bin überzeugt, es ist ein Vorteil, Flüchtling zu sein, denn man kennt verschiedene Kulturen und Sprachen, mit denen man aufwuchs. Das will ich vermitteln.“

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