zur Navigation springen

„Luther wäre heute ein Influencer“ : Pastor Bernd Andresen spricht im Interview über 500 Jahre Reformation

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Mönch wusste die modernen Medien seiner Zeit zu nutzen.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Kummerfeld | Bernd Andresen, Pastor der Evangelischen-Lutheranischen Kirchengemeinde Kummerfeld, erklärt im Interview, wie Luthers Rolle als „Influencer“ ausgesehen hat, wo die Auswirkungen der Reformation auch heute noch deutlich spürbar sind und was die Gemeinde zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags geplant hat.

Frage: Wie würde Luther in der heutigen modernen Welt handeln?
Bernd Andresen
: Luther würde mit den Medien gehen. Er hat damals das Medium schlechthin genutzt, den Buchdruck. Die Welt des Buchdrucks lag bereit, aber es wurde nicht genutzt. Es fehlten zum einen die Leute, die lesen konnten, und zum anderen Leute, die investierten. Auch wenn Luther nicht direkt investiert hat, hat er es aber benutzt. Seine Schriften wurden den Buchdruckern, so sagt man, aus den Händen gerissen. Kaum war die erste Auflage gedruckt, war sie auch schon vergriffen. Dadurch kam der Buchdruck erstmals in Bewegung. Luther und seine Mitstreiter wussten dies zu nutzen. Vor allem mit Flugblättern wurden Luthers Ansichten schnell verbreitet. Ein Blatt Papier mit Bild und einem überschaubaren Text. Diese wurden verteilt und angeschlagen. Es scharten sich Leute um einen Vorleser und das Gehörte wurde verbreitetet. Ich glaube, man kann das mit den modernen Medien vergleichen. Also wie bei den Twitter-Geschichten von Politikern.

Also wäre Luther heutzutage eine Art Influencer, der seine Thesen über Facebook, Twitter und Co. verbreiten würde?
Ganz genau. Ich glaube, das liegt auf der Hand. Also ein Influencer in dem Sinne, dass seine Ansichten sich verbreitet haben und er dadurch bekannt geworden ist. Das hat ihn geschützt. Denn jemand, der bekannt ist, den kann man nicht so leicht beseitigen beziehungsweise nur unter Risiken. Es hat aber auch einige Konflikte gefördert. Als Luther in Worms ankam, um vor Kaiser Karl dem V. seine Thesen zu widerrufen, gab es dort schon Flugblätter mit seinen Ansichten. Eine ortsansässige Druckerei hatte seinen Inhalt produziert und weiterverbreitet. Luther war also noch vor seiner Ankunft bekannt. Und seine Gegner haben genau das sehr verflucht.

Was würden sie Luther gern fragen?
Ich kenne Luther relativ gut, deswegen fällt es mir schwer, nur eine Frage zu stellen. Je nachdem, in welcher Phase seines Lebens er sich befinden würde. Ich würde ihn fragen, ob er gemerkt hat, dass er auf ein Podest gestellt wurde und ob er das eigentlich gut gefunden hat. Oder eine Frage, die vielleicht auch sehr spannend ist: Wie sehr ihm sein Herz geklopft hat, als er dem Kaiser gegenüber stand und wusste, dass er eigentlich da nicht heil raus kommen kann.

Luthers Lehre, wie aktuell ist sie nach 500 Jahren?
Was immer noch aktuell ist, ist zum einen die bleibende Bedeutung der Freiheit eines Christenmenschen in Verbindung mit der Verantwortung für die Gestaltung des Lebens. Und zum anderen angesichts komplizierter Verflechtungen der wirtschaftlichen und politischen Welt und in unserer Gesellschaft einen Blick zu behalten, der es schafft, herauszutreten. Beteiligt zu sein und dennoch wahrzunehmen, wie die Welt wirklich aussieht. Sich nicht in ein Kloster zurückzuziehen, sondern in der Welt zu stehen mit beiden Beinen auf der Erde. Zu erkennen, wo Schwärmereien beginnen. Dafür hatte Luther einen Blick; also das, was man heute vielleicht Extremisten nennen würde.

Was planen Sie in Kummerfeld anlässlich 500 Jahren Reformation?
Im Januar hatten wir bereits eine ökumenische Bibelwoche. Menschen aus verschiedenen Konfessionen sind durch die Gemeinden gefahren und haben jeden Abend woanders über ein Thema aus dem Römerbrief – ein zentraler reformatorischer Rückbezug, wenn man so will – gesprochen. Das Besondere daran war, dass wir wirklich von Gemeinde zu Gemeinde gegangen sind. Nicht nur zu evangelischen Gemeinden, sondern auch zu katholischen und freikirchlichen. Die Reformation hat eine deutliche ökumenische Note bekommen. Und das auch deutschland- und europaweit. Das gab es so auch noch nie. In der Reformationswoche, die jetzt ja bald ansteht, sind wir Teil der Festwoche. Ich werde am Montag, den 30. Oktober, einen Abend gestalten zu Bildern von Luther. Ich möchte versuchen, mich mit diesen Bildern Luther zu nähern oder dem, was aus Luther gemacht wurde. Wie er vermarktet wurde sozusagen. Das ist besonders interessant, weil viele Menschen damals nicht lesen konnten und so eine bestimmte Bildsprache benutzt wurde, um Informationen zu vermitteln. Also sei es Luther als hagerer Mönch oder später als Patriarch und großer Übervater.

Wie nah stehen sich die Gemeinden der verschiedenen Konfessionen in Kummerfeld und Umgebung?
Kummerfeld hat wenig Katholiken. Aber in Pinneberg gibt es eine katholische und eine freikirchliche Gemeinde. Insofern gibt es in Pinneberg oder auch in Hamburg oder Wedel viele Berührungspunkte, wo viele Menschen unterschiedlicher Konfessionen zusammen leben. Das war vor 60 Jahren auf jeden Fall noch anders. Ich kenne eine katholische Frau hier in der Gemeinde, die hatte Schwierigkeiten bei der Trauung. Sie durfte ihren evangelischen Partner nicht kirchlich heiraten.

Und das nur, weil sie einer anderen Konfessionen angehört?
Ja, das war damals ein Grund, nicht kirchlich getraut zu werden. Das ist heutzutage anders. Also das funktioniert schon, wir sind im Gespräch. Aber das heißt nicht, dass im Großen und Ganzen das Gespräch mit Rom so vorangeschritten wäre, dass es dort eine Lösung gibt.

Was müsste denn passieren, damit beide Seiten sich wieder näher kommen?
Es müsste etwas geschehen, was nicht geschehen wird. Das Amtsverständnis der römisch-katholischen Kirche müsste sich verändern. Sie haben einen Bischof von Rom, den Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden ist und der dann per Hierarchie nach unten delegiert. Bei uns ist das anders, wir haben ein Amtsverständnis, dass jeder, der getauft ist, grundsätzlich ein geistliches Recht bekommt. Pastoren und Bischöfe werden aus der Gemeinde heraus gewählt.

Und was sollte die evangelische Kirche ändern?
Das sind vor allem theologische Spitzfindigkeiten im Bereich der Rechtfertigungslehre. Die protestantische Welt ist nicht einheitlich, sondern sehr bunt. Es gibt Reformierte, Unierte und Lutheraner. Die katholische Kirche hat den Vorteil, dass sie zentral organisiert ist und auch in der Sprachwelt relativ einlinig. Wir als Protestanten müssen also verschiedene Parteien, Anschauungen und konfessionelle Ausprägungen erstmal an einen Tisch bringen. Die Frage ist dabei eigentlich nur, ob es überhaupt nötig ist. Wichtig ist doch, dass man in den einzelnen Gemeinden eine Sprachregelung findet, die schmerzliche Risse vermeidet. Also wenn ein katholischer Mann zum Abendmahl gehen will, weil es ihm wichtig ist, darf seine protestantische Frau mit zum Abendmahl bei einer katholischen Messe gehen? Nein, darf sie nicht, und das ist das Problem. Obwohl beide Christenmenschen sind. Das wäre ja ein großer Schritt, der in die praktische Welt hineinreicht. In unserer Gemeinde spielt dieser Unterschied aber keine Rolle. Seit Jahren kommt eine Katholikin zum Abendmahl bei mir. Und das ist okay, denn wir laden ja ein. In anderen Orten ist das noch anders. In Deutschland wird das aber auch immer weniger, denn Deutschland ist ein anderer Fleck als zum Beispiel Italien und Spanien, wo die katholische Kirche noch ganz anders in die Gesellschaft hineinreicht. Wir sind hier deutlich liberaler und freier. Wenn es also nicht hier geschieht, wo dann?

Am 31. Oktober1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Der Thesenanschlag in Wittenberg gilt als Beginn der Reformation. 500 Jahre später  wird das Reformationsjubiläum 2017 in ganz Deutschland gefeiert. Seit 1515 vertrieb der Dominikanermönch Johannes Tetzel im Auftrag des Kardinals Albrecht von Brandenburg den sogenannten Petersablass. Mit den Einnahmen sollte die Fertigstellung des Petersdomes in Rom finanziert werden. Als Seelsorger sowie akademischer Lehrer fühlte sich Luther zum Handeln verpflichtet und begann bereits früh, die Predigten und Geschäftspraktiken Tetzels zu kritisieren. Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte er seine berühmten 95 Thesen wider den Missbrauch des Ablasses. Im Juni 1518 leitete die römisch-katholische Kirche gegen ihn eine Voruntersuchung ein – Vorwurf: Ketzerei. Luther musste sich verstecken. 1525 heiratete er die ehemalige Nonne Katharina von Bora.  Außer den Reformen im Kirchen-, Schul- und Sozialwesen gilt die Bibelübersetzung als Hauptwerk des  Reformators. (Quelle: Stiftung Luthergedenkstätten)
Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen