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Pinneberger Tageblatt

21. November 2017 | 17:02 Uhr

Ortstermin am Keller-Grab

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Tatort Ein Wirt hat einen Schutzgelderpresser in seinem Lokal erschossen / Richterin verlegt den Prozess ins „Casa Alfredo“

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2016 | 13:45 Uhr

Den Tatort umgibt ein modriger, strenger Geruch. Das Restaurant „Casa Alfredo“ liegt im Keller eines älteren, vierstöckigen Stadthauses, ganz in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Im Gastraum stehen nur fünf kleine Tische mit rot-weiß karierten Decken, zwei Bänke und fünf Stühle. An einem der Tische saß am späten Abend des 30. September ein 49 Jahre alter mutmaßlicher Schutzgelderpresser, der kurz darauf vom Wirt durch einen Kopfschuss getötet wurde. Eine Tür, tapeziert mit dem Motiv einer südeuropäischen Altstadtgasse, verbirgt den Nebenraum, in dem der Täter die Leiche in einer Grube verschwinden ließ.

Das Landgericht ist gestern zu einem Ortstermin in das Lokal gekommen. Die Richter, Schöffen, der Angeklagte, sein Verteidiger, Nebenkläger und Staatsanwalt drängen sich in dem Gastraum. Die Mustertapeten, die Einrichtung, die Farben, alles sieht nach einem halben Jahr Leerstand ein wenig heruntergekommen aus. Nur die Tische im Gastraum mit Kerzen und Weinflasche wirken einladend.

Im Stehen eröffnet der Vorsitzende Richter Joachim Bülter die Gerichtsverhandlung. Der wegen Totschlags angeklagte Wirt, der in dem Lokal kochte und zugleich seine Gäste bediente, erklärt und demonstriert bereitwillig den Tatablauf. Ein umfassendes Geständnis hat der 52-Jährige bereits zum Prozessauftakt abgelegt.

Der 49-Jährige habe an einem Tisch direkt vor der Tür zum Vorratsraum gesessen. Er habe wieder einmal Geld gefordert – etwa 25  000 Euro hatte der Wirt nach eigenen Angaben schon bezahlt – und habe seine Pistole drohend auf den Tisch gelegt. „Hier habe ich gesessen“, zeigt der Angeklagte. Als der Erpresser vorschlug, wenn er kein Geld habe, könnten doch seine Töchter „arbeiten“ – also auf den Strich gehen –, habe er den Tisch hochgerissen, sagt der Wirt. Dabei sei die Pistole auf den Boden gefallen. In dem folgenden Gerangel habe er sie gepackt und abgedrückt.

Die Leiche zog er den Angaben zufolge wenig später in den Vorratsraum und legte sie dort in eine Grube. Das Loch hatte der Wirt schon Wochen vorher gegraben, für einen neuen Fettabscheider, wie er sagt. Nach einer Vermisstenanzeige der Familie hatte die Polizei nach dem 49-Jährigen gesucht. Er war zuletzt im „Casa Alfredo“ gesehen worden. Am 18. November gingen die Ermittler mit Leichenspürhunden in das Lokal. Einer der Hunde schlug an.

Aber warum überhaupt ein neuer Fettabscheider an einem neuen Platz? Der Wirt erklärt beim Ortstermin, der alte Apparat in der Küche habe schlechte Gerüche verströmt. Der „Kloakengestank“ habe die Gäste belästigt. Keiner der Verfahrensbeteiligten hat dazu weitere Fragen. Eilig verlässt das Gericht das übelriechende Kellerlokal und setzt die Verhandlung im altehrwürdigen Hamburger Strafgerichtsgebäude fort.

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