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Uetersen : Opfer galt als „emotional instabil“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Uetersener vor Gericht. Psychologe berichtet von zwei Selbstmordversuchen. Zeugen bei Wortwahl des Angeklagten unsicher.

Uetersen | „Als sich die Partnerschaft anbahnte, haben wir beiden davon abgeraten“, sagte Rolf-Dieter Kanitz, leitender Oberarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Elmshorn, gestern als Zeuge während des zweiten Verhandlungstags gegen einen 48-jährigen Uetersener am Landgericht Itzehoe. Der Angeklagte soll eine 51-jährige Elmshornerin, die er während eines Alkoholentzugs im Klinikum Elmshorn kennengelernt hatte, in der gemeinsamen Wohnung mit einem Küchenmesser angegriffen haben. Die Frau habe dabei innere Blutungen erlitten, durch die sie starb. Erst zwölf Tage nach der Tat sei ihre Leiche von der Polizei gefunden worden.

„Sie hatten viel gemeinsam. Beide waren Spätaussiedler, beide waren geschieden und beide hatten ein Alkoholproblem“, stellte Kanitz fest, der Opfer und Angeklagten aus dem Alkoholentzug kannte. Vor der Visite am 15. Juni dieses Jahres habe er von mehreren Krankenschwestern seiner Abteilung und für „Innere Medizin“ erfahren, dass der Angeklagte, der zwei Tage zuvor mit einem Blutalkoholwert von 4,35 Promille nach einem Zusammenbruch auf der Straße ins Klinikum eingeliefert worden war, mehrfach gesagt habe, dass seine Freundin tot in der Wohnung liege. „Er wusste scheinbar gar nicht, was mit seiner Lebensgefährtin passiert ist“, sagte der leitende Oberarzt und ergänzte: „Mit seinem Einverständnis haben wir die Polizei alarmiert, um den Sachverhalt zu klären.“ Diese fanden die Frau, die in der Nacht vom 3.  auf den 4. Juni gestorben sein soll.

Kanitz bezeichnete die Elmshornerin als „emotional instabil“ und „affektlabil“: „Im alkoholisierten Zustand sind solche Menschen nicht in der Lage, ihre Affekte zu kontrollieren. Sie reagieren emotional ungesteuert, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.“ Zudem habe er bei dem Opfer neben körperlichen Beeinträchtigungen wie einer Leberstörung durch exzessiven Alkoholgenuss auch kognitive Schädigungen festgestellt. Er habe die Frau zweimal wegen Suizidversuchen behandelt. Einmal habe sie sich mit einem Messer in die Brust gestochen. Am ersten Prozesstag hatte der Angeklagte beschrieben, wie sich die Elmshornerin selbst mit dem Messer in den Bauch gestochen haben soll und ihm verboten habe, einen Krankenwagen zu rufen.

Auf die Frage des Verteidigers, ob „der Kontrollverlust dazu geführt haben kann, dass sie sich selbst erstochen hat“, antwortete Kanitz: „Das wäre reine Spekulation.“

Der Angeklagte berichtete von den Verletzungen an Handgelenken und dass er seine Lebenspartnerin gefragt habe, warum sie dies getan habe: „Sie sagte: ,Ich wollte nicht leben’. Das habe ich noch nie erlebt.“

Eine 57-jährige Krankenschwester hatte bei der Einweisung in die Klinik mit dem mutmaßlichen Täter gesprochen. „Als ich ihn nach der Adresse fragte, sagte er ganz ruhig auf Russisch: ,Nein, die stimmt nicht mehr. Ich habe sie umgebracht.“ Dies soll er auch gegenüber der 27-jährigen Kollegin später auf Deutsch wiederholt haben.

Weitere vier Zeugen aus dem Klinikum Elmshorn sagten gestern vor der Großen Strafkammer aus. Aufgrund sprachlicher Probleme waren sich die Zeugen nicht sicher, ob der mutmaßliche Täter gesagt habe „Ich habe sie getötet“ oder „Sie ist tot“.

„Als ich ihm gesagt habe, dass sie erstochen wurde, wirkte er erstaunt“, sagte der Kriminalbeamte, der den Angeklagten im Klinikum Elmshorn festgenommen hatte.

Bei der Begutachtung der Tatortfotos blieb der Angeklagte auf seinem Platz sitzen und schien nicht hören zu wollen, was die Polizeibeamten in der Wohnung gesehen hatten. Immer wieder wischte er sich mit dem Ärmel Tränen aus dem Gesicht.

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erstellt am 18.Dez.2015 | 00:32 Uhr

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