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Serie: Unser Glaube : Ohne Miniröcke und Heavy Metal

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Mennoniten: Mehr als 120 Gläubige gestalten das Elmshorner Gemeindeleben. Gründung durch überwiegend russische Aussiedler.

In dieser Serie stellt Ihnen die Redaktion Ihrer Zeitung jeden Mittwoch eine Glaubensgemeinschaft in der Region Pinneberg vor.

Sie haben große Familien. Ihre Frauen tragen ausschließlich Röcke. Sie leben getreu der Bibel und sind verwandt mit den weltabgewandten „Amisch People“ in Amerika: Das sind die Schlagsätze, die einem beim Wort Mennoniten einfallen. Doch dahinter steckt mehr, wie Gennadi Neufeld, (44), Leiter der mennonitischen Gemeinde Elmshorn, aufklärt.

Der Weg zum weißgetünchten Bethaus führt an der Robert-Bosch-Straße durch ein Gewerbegebiet. „Wir wollen nicht versteckt bleiben, aber sind nicht so geübt darin, Reklame zu machen“, so Neufeld. Seine Menoniten-Gemeinde ist die einzige im Kreis Pinneberg und existiert seit 1991. Mennoniten bilden eine evangelische Freikirche. Diese ist aus den Täuferbewegungen der Reformationszeit hervorgegangen. Praktiziert wird die Taufe im Erwachsenenalter ab 16 Jahren. Der Name leitet sich von dem römisch-katholischen Priester Menno Simons (1496–1561) aus Friesland ab, der der Täuferbewegung trotz ihrer Verfolgung in Deutschland beitrat und eine führende Rolle unter den Predigern einnahm. In Deutschland leben heute etwa 40.000 Mennoniten verteilt auf 190 Gemeinden, die seit ihren Ursprüngen Wert auf Unabhängigkeit von Staat und Kirche legen und sich durch Spenden ihrer Mitglieder finanzieren.

Die Kirche in Elmshorn steht seit 1997. Die Mehrheit der Mitglieder kam in den 1980er Jahren mit der Aussiedlerwelle aus Russland – derzeit sind es 80 Mitglieder aus dem Kreis Pinneberg, aus Norderstedt und Hamburg. „Inklusive Kindern und Jugendlichen sind es mehr als 120“, so Neufeld. „Wir haben viele große Familien. Das ist bei den Mennoniten so üblich. Man plant weniger, man schenkt mehr Leben. Mein Bruder hat 17 Kinder, ich selbst habe sieben.“ Gesundes Familienleben sei ein großer Aspekt. „Scheidung ist ein Fremdwort“, erläutert Neufeld.

Wie man den richtigen Partner findet? Neufeld sagt: „Wir lassen uns führen, haben einen Herrn. Man betet dafür.“ Mit Gott im Alltag zu leben, gehört zu den Grundüberzeugungen der Mennoniten. „Er gibt uns Weisungen für das ganze Leben.“

Neufeld traf mit 18 Jahren auf Gott. „Davor habe ich in einer Band gespielt, früh Alkohol getrunken und Mädchen kennengelernt“, berichtet er aus seiner Jugend in Russland nahe des Südurals in einem der mehr als ein Dutzend Dörfer, in denen ein plattdeutscher Dialekt eingewanderter mennonitischer Vorfahren verbreitet war. Auch heute wird dieser Dialekt noch in den meisten mennonitischen Gemeinden weltweit gesprochen – auch bei dem 44-Jährigen daheim.

 

Als Neufeld 1988 mit seinen Eltern nach Deutschland kam, sei die Familie über Verwandte zufällig mit einer mennonitischen Gemeinde in Kontakt gekommen. Er fand zum Glauben. Heute ist er einer von fünf ehrenamtlichen Predigern in Elmshorn.

Regelmäßig findet der Gottesdienst sonntags um 10 Uhr statt. Mittwochs steht um 19 Uhr eine Bibelstunde an. Freitags kommt die Gemeinde um 19 Uhr zusammen, um zu beten. An den Wochenenden treffen sich die 13- bis 16-jährige Jungschar sowie Jugendliche ab 16 Jahren in einer Jugendgruppe. Dann stehen Volleyballspiele, Spaziergänge, Quizabende oder aber auch Bibelbetrachtungen an.

Im großen zweigeschossigen Kirchengebäude gibt es auch einen Mehrzweckraum für Zusammentreffen zu Beerdigungen, Erntedank, Silvester und auch Hochzeiten. Alkohol fließt hier nicht. „Nein, getanzt wird hier auch nicht, auch nicht auf Hochzeiten“, sagt Neufeld. „Man bewegt sich beim Tanzen voreinander, übt körperliche Betonung aus.“ Einen Sinn sehen die Mennoniten darin nicht. „Wir singen Lieder, die einen Sinn haben. Der Rhythmus wird nicht zu sehr betont. Der Text soll mit lieblicher Musik untermalt werden.“ Auf die Frage nach der Vertretbarkeit von Heavy Metal winkt er ab: „Das hat sehr viel mit düsteren Mächten zu tun.“

 

Auch in der Kleiderfrage richten sich die Mennoniten nach der Bibel. Die Kleidung sollte geschlechtsorientiert und keusch sein, so Neufeld. Nicht immer sei das einfach für Jugendliche in der Schule. Die Mädchen tragen Röcke, sehen anders aus. „Es gibt Jugendliche, die sich als Außenseiter sehen“, weiß Neufeld. Ist das eine Einschränkung? Der Prediger verneint das: „Was verstehen Sie unter Freiheit? Sich der Gesellschaft anzupassen oder das zu machen, wovon man überzeugt ist?“

Unter den Mennoniten gebe es alles: von denen, die in einer Pferdekutsche fahren bis zu ganz Liberalen, so Neufeld. „Von den Leuten hier werden wir eher als konservativ eingestuft. Dabei haben wir keine Gesetze. Wir verändern uns. Wir entdecken.“ Er verdeutlicht: „Wir versuchen, bibeltreu zu sein, die Bibel so gut es geht kennenzulernen, so gut es geht umzusetzen, aber nicht losgelöst vom Sinn zu sehen.“

Verwandt sind die Mennoniten auch mit den Amischen, die in Nord- und Südamerika zu finden sind. Dabei handelt es sich um eine konservative Abspaltung der Mennoniten, Auswanderer mit deutschem Ursprung.

 

Insbesondere mennonitische Gemeinden mit russlanddeutscher Prägung unterstützen die Amischen, die immer noch dieselbe plattdeutsche Sprache sprechen, in der auch die Mennoniten kommunizieren, erklärt Neufeld. Zu einem Projekt, dass Neufeld in Belize selbst besuchte, sagt er: „Wir kommen nicht mit unserer Kultur dort hin, aber versuchen, einfache Dinge wie Schulbildung zu etablieren.“ Er verdeutlicht: „Die lesen die Bibel und verstehen sie nicht. Unter Beharrlichkeit im Gebet verstehen sie, dass man Haare, also Bärte, haben sollte. Sie merken, dass etwas schief läuft, kommen mit ihrer Jugend nicht mehr klar, haben Probleme mit Alkohol und Drogen, schreien nach Hilfe. Gummiräder sind beispielsweise nicht erlaubt, damit die Jugend nicht in die Stadt fährt“, so Neufeld. Sie seien sehr fleißig und produktiv in der Landwirtschaft, aber ungebildet. „Wir helfen dem ganzen Land, dass die mit denen klar kommen.“

Gibt es bei allem Engagement unter den Mennoniten auch Menschen, die einmal in einer Glaubenskrise stecken? Neufeld bestätigt: Das sei natürlich. Da gelte es, sich gegenseitig zu stärken. „Ich lese täglich in der Bibel, weil ich davon nicht weg will. Es ist für mich wie ein Kompass. Wer dem Gemeindeleben fern bliebe, behalte trotzdem Freunde oder Geschwister in der Gemeinde. Als Voraussetzung für ein glückliches Leben in einer Ehe seien gleiche Überzeugungen wichtig, glaubt Neufeld.

Ist Homosexualität unter Mennoniten erlaubt? Neufeld sagt: „Ich kann Ihnen sagen, was in der Bibel dazu steht.“ Allein die Passage gegen die Vermischung der Geschlechter spräche dagegen. „Ich spiele als Handballer ja auch nicht in einem Fußballverein mit.“

Die Geschichte der Mennoniten beginnt mit der Täuferbewegung, die um 1525 in Zürich im Umfeld der Schweizer Reformation entstand. Die Täufer übten Kritik am Zustand der etablierten Kirche und befürworteten die Gläubigentaufe, was sowohl die katholische Kirche als auch die lutherischen Reformatoren ablehnten. Regierende und Kirchen sahen in den Täufern eine Gefahr für die Autorität von Staat und Kirche, was zu umfassenden Verfolgungen in Europa  führte. Sie waren daher unter den ersten Deutschen, die nach Nordamerika auswanderten, wo bis heute ein Großteil der Mennoniten lebt.
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erstellt am 11.Mär.2015 | 11:00 Uhr

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