Oft könnte der Hausarzt helfen . . .

Rettungsdienst-Sprecher Christian Mandel appelliert, nicht ohne wirkliche Not einen Rettungswagen anzufordern.
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Rettungsdienst-Sprecher Christian Mandel appelliert, nicht ohne wirkliche Not einen Rettungswagen anzufordern.

Altersentwicklung, Sorge, Unsicherheit, Anspruchsdenken: Es gibt viele Gründe für den Anstieg der Rettungseinsätze

shz.de von
12. Mai 2018, 16:00 Uhr

An einem Mittwochnachmittag, 14.32 Uhr, in der Elmshorner Regionalleitstelle West an der Agnes-Karll-Allee. Der Schichtführer und die sechs Disponenten sitzen an ihren Arbeitsplätzen, vor sich hat jeder fünf Monitore. „Je vier davon sind für das Einsatzleitsystem, über einen läuft die Bürokommunikation“, erläutert der stellvertretende Chef der Leitstelle, Börje Wolfskämpf. Gerade kommt über die Notrufnummer 112 ein Anruf an. „Notruf Feuerwehr und Rettungsdienst, wo genau ist der Notfallort“, meldet sich Disponent Jan Sahlmann. Am anderen Ende meldet sich eine Frau aus der Osterholder Allee in Pinneberg und klagt über Kopfschmerzen. Sie leide häufiger darunter – besonders bei Wetterveränderungen. Ihr Hausarzt sei aber jetzt, am Mittwochnachmittag, nicht mehr zu erreichen. Jan Sahlmann rät ihr, sich unter der Rufnummer 11 61 17 an den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu wenden.

Minuten später scheint der Fall ernster: Eine junge Frau schildert aufgeregt, dass ihr 59 Jahre alter Vater über starke Schmerzen in der Brust klagt. Mit ruhiger Stimme stellt Sahlmann mehrere Fragen, um sich schnell ein Bild von der Situation machen zu können. Da er nicht ausschließen kann, dass es sich um einen Herzinfarkt handelt, alarmiert er noch während des Gesprächs mit Hilfe seines Einsatzleitsystems Notarzt- und Rettungswagen. Obwohl der Patient bei Bewusstsein ist, telefoniert der Leitstellendisponent weiter mit der Tochter, um ihr notfalls wichtige Erste-Hilfe-Hinweise geben zu können, bis der Rettungsdienst eintrifft. „Im Zweifel haben wir auch noch die Möglichkeit, über die ‚Retter-App‘ zusätzliche Helfer zum Einsatzort zu schicken“, erläutert er später. „Schneller kann ein Rettungsdienst nicht sein.“

Die Gründe für die starke Zunahme der Einsätze sind nach Ansicht der Retter vielfältig. Eine Rolle spielen demografische Faktoren: Die Menschen werden älter, mit zunehmendem Alter aber auch gebrechlicher und weniger mobil. „Öfters stellt sich beim Eintreffen des Rettungsdienstes aber heraus, dass der Patient auch von seinem Hausarzt hätte behandelt werden können. Oder er hätte eine der Anlaufpraxen besuchen können“, sagt Christian Mandel, Sprecher der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKISH). Darüber hinaus gibt es für Menschen außerhalb der Praxiszeiten einen Fahrdienst des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, wenn sie ihr Haus nicht verlassen können.

Darauf weist auch Dr. Marc Dupas, Bereitschaftsdienst-Beauftragter im Kreis Pinneberg, hin. Doch die bundesweite Rufnummer 11 61 17 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes scheint nach wie vor nicht hinreichend bekannt zu sein. Und auch die Wartezeiten, die sich beim fahrenden Bereitschaftsdienst ergeben, erscheinen offenbar vielen Patienten zu lang. Nach den Worten von Dupas, bemüht sich die 116 117-Zentrale, die Anrufe nach Dringlichkeit einzuordnen. Außerdem werde der Patient darauf hingewiesen, dass er bei einer Verschlimmerung der Beschwerden die 112 anrufen solle.

Wie Marco Dethlefsen, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, mitteilt, wurden im Jahr 2017 in den drei Anlaufpraxen im Kreis Pinneberg insgesamt etwa 16 500 Patienten behandelt und etwa 1450 Patienten vom fahrenden Dienst per Hausbesuch versorgt. Die Erfahrungen von Leitstelle und Rettungsdienst decken sich mit der Entwicklung in den zentralen Notaufnahmen der drei Regio-Kliniken. Auch hier sei eine Steigerung der Patientenkontakte zu verzeichnen. Dies sei sowohl dem demografischen Wandel zuzuschreiben als auch der Entwicklung, auch bei Erkrankungen und Verletzungen, für die zunächst der Besuch beim Hausarzt oder hausärztlichen Notdienst angezeigt wäre, in die Notaufnahme zu kommen.

Die Zahl der in den Notaufnahmen der Regio-Kliniken behandelten Patienten hat sich nach Angaben von Sven Hartmann, dem Standortübergreifenden Leiter der Zentralen Notaufnahmen in Pinneberg, Wedel und Elmshorn, seit 2015 im Durchschnitt um 10 bis 15 Prozent erhöht. Im vergangenen Jahr gab es demnach mehr als 60 000 Patientenkontakte. „Wir behandeln natürlich gemäß unseres Versorgungsauftrags jeden, der zu uns kommt“, betont Sven Hartmann. „Die Menschen sollten sich aber bewusst sein, dass sie mit vielen Erkrankungen und Verletzungen beim hausärztlichen Notdienst besser aufgehoben sind als in der Notaufnahme. In der Notaufnahme werden Menschen in lebensbedrohlicher Verfassung natürlich stets sofort versorgt, sodass andere Patienten gegebenenfalls Verständnis für längere Wartezeiten haben sollten.“ Natürlich sei es im Sinne schwer Erkrankter und Verletzter, für sie die Ressourcen von Notaufnahmen zu verwenden. Unterdessen mag RKISH-Sprecher Mandel nicht ausschließen, dass es in einzelnen Fällen auch eine überzogene Anspruchshaltung gibt, die Notruf, Rettungsdienst und Kliniken übermäßig belastet: „Mitunter sind es Beschwerden, die den Anrufer schon seit Tagen plagen, oft ist es aber auch eine Überforderungssituation, die es schwer macht, das Richtige zu tun. Und so wird beispielsweise eine Schürfwunde dann zu einem Notfall.“ Deshalb könne nur an den gesunden Menschenverstand appelliert werden, nicht ohne wirkliche Not einen Rettungswagen anzufordern, der dann möglicherweise an anderer Stelle fehle. Wichtig ist aber: Der Appell solle niemanden abhalten, in einer Notsituation anzurufen. Vor allem bei Krankheitssymptomen von Kindern seien die Eltern oft unsicher. „Fest steht: Wir sind immer erreichbar! Wenn die Leitstelle uns losschickt, dann kommen wir – getreu unserem Motto: ‚Hier, um zu helfen‘“.

Etwas schmunzelnd erinnert sich Mandel, selbst examinierter Notfallsanitäter, in diesem Zusammenhang an einen etwas länger zurückliegenden Fall: „Eine Mutter hatte uns alarmiert, weil ihr Säugling nicht schlafen könne und schreie. Als wir in der Wohnung ankamen, stellten wir schnell fest, was dem Kind fehlte: Statt mit Milch hatte die Frau das Baby mit Fruchtsaft versorgt. Der Säugling hatte einfach Bauchweh. In dem Fall war es sicher gut, dass wir gerufen wurden.“ Nach Ansicht von Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (VFDB), sind zur Lösung des bundesweiten Problems auch die Politik und die Kassenärztlichen Vereinigungen gefordert. „Die ärztliche Versorgung vor Ort müsste noch mehr gestärkt werden. Aber auch der Rettungsdienst muss weiter gestärkt werden. Denn die Alterung der Gesellschaft lässt sich kaum aufhalten.“ Er schlägt deshalb vor, per Gesetz den Bedarf jährlich neu zu analysieren und anzupassen und zudem bereitwilliger auch die Mittel zur Verfügung stellen. Gestärkt werden müsse auch die Selbsthilfe in der Bevölkerung.

Inzwischen gibt es vielerorts Initiativen, um das Problem in den Griff zu bekommen. In Hamburg beispielsweise existiert seit dem 1. Mai rund um die Uhr die Möglichkeit, bei Erkrankungen unter der Rufnummer 116 117 mit einem Arzt zu sprechen.

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