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Damit die Erinnerung nicht verblasst : Öffentliches Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Drostei

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus berichtet die Zeitzeugin Marianne Wilke in Pinneberg und warnt: Rassismus wird wieder stärker.

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erstellt am 29.Jan.2016 | 13:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Marianne Wilke ist gerade einmal sieben Jahre alt, als ein Spielkamerad sie und ihren Bruder auf ihren jüdischen Vater anspricht. Sie versteht nicht, was er meint. Ihr Vater fühlt sich als „guter“ Deutscher. Sie darf plötzlich nicht mehr einkaufen gehen. Ihre Mutter näht auf alle Jacken ein großes „J“. Im Musikunterricht in der Schule singen sie nur noch Marschmusik. Überall in ihrer Stadt hängt das „hässliche Juden-Gesicht“. Knapp drei Wochen vor Weihnachten im Jahr 1941 verliert sie ihre Großeltern. Sie werden nach Riga deportiert. Wilke hat sie nie mehr wiedergesehen.

In dem großen Saal der Drostei in Pinneberg ist es ruhig, als die Zeitzeugin berichtet. Ein paar Kerzen brennen. Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hatte Kreispräsident Burkhard Tiemann für Mittwochabend zu einer „nachdenklichen Stunde inmitten der Alltagsarbeit“ eingeladen. Kaum beginnt Oliver Rau, zweifacher Bundessieger von „Jugend musiziert“, auf seiner Violine zu spielen, erscheinen Bilder vor dem geistigen Auge. Die aufgestapelten Leichen. Der Stacheldraht. Abgemagerte Menschen. Lagerhallen. Klamotten- und Haarberge. Die Gaskammern.

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von Truppen der Roten Armee befreit. Allein in Auschwitz wurden etwa 1,1 Millionen Menschen von den Nazis umgebracht, die meisten davon waren Juden. Insgesamt wurden in den Konzentrationslagern etwa sechs Millionen Juden ermordet. „Es ist schwierig, sich diesen Bildern zu stellen“, sagte Tiemann und stellte die wohl drängendsten Fragen: „Wie konnte das geschehen? Warum sahen so viele tatenlos zu?“ Tiemann mahnte: Freiheit und Demokratie könnten ohne Achtung der Menschenwürde nicht überleben.

Dr. Andreas Tietze, Präses der Synode der Nordkirche, scheute den aktuellen Bezug in seiner Ansprache nicht. „Nehmen unsere Kinder die brennenden Flüchtlingsheime wahr? Wie reagieren sie, wenn sie die Pegida-Parolen hören? Wenn immer mehr Juden sich hier nicht mehr sicher fühlen?“ Das, was damals passiert sei, müsse immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden, mahnte Tietze. In seiner Rede stellte er einen Begriff in den Mittelpunkt: Berührtheit. Sie müsse vermittelt werden, für die wahrhaftige Auseinandersetzung.

Vom Holocaust-Gedenktag muss laut Tietze ein staker Impuls ausgehen. Um das Bewusstsein von damals in die Gegenwart zu transportieren, dürfe nicht an finanziellen Ressourcen gespart werden. Wilke warnte davor, dass der Rassismus wieder stärker werde. Fakten vermitteln helfe nicht aus. Es müssten Lehren gezogen werden. Tiemann brachte es auf den Punkt: „Nach Auschwitz ist nichts mehr wie vorher.“

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