Hamburg Airport : „Nie wieder Hamburg“: Die Folgen eines Stromausfalls

<p>Hoffnungsvolle Blicke: Immer wieder schauen Passagiere auf die Flugtafeln. Doch dort stand in Rot: „cancelled“. </p>

Hoffnungsvolle Blicke: Immer wieder schauen Passagiere auf die Flugtafeln. Doch dort stand in Rot: „cancelled“.

Tausende Fluggäste saßen nach Stromausfall am Flughafen fest. Ferienträume platzten. Für viele ein Desaster.

shz.de von
04. Juni 2018, 07:33 Uhr

„Das erleben wir hoffentlich nicht noch einmal!“ Jeanette und Elisabeth, zwei Freundinnen, beide Anfang 60, wollen für drei Tage nach Mallorca fliegen. Stattdessen sitzen sie gestern Nachmittag auf der Straße vor dem Terminal 1 des Hamburger Flughafens und warten darauf, abgeholt zu werden. Zurück nach Hause ins dänische Sonderburg. „Wir kriegen unsere Reisegesellschaft überhaupt nicht ans Telefon“, berichtet Jeanette, um Entspanntheit bemüht.

 

Doch die Enttäuschung über die verpatzte Mallorca-Reise ist den beiden Däninnen anzusehen. „Es ist das erste Mal, dass wir von Hamburg und nicht von Dänemark fliegen wollten“, macht Elisabeth ihrem Ärger Luft. Und setzt nach: „Und das letzte Mal. Nie wieder Hamburg!“ Ein Kurzschluss in der Hauptstromversorgung hat den Hamburger Flughafen gestern von 10 Uhr an komplett lahmgelegt.

Entspannt: Die Klasse des Ernst-Barlach-Gymnasiums in Kiel wollte nach Barcelona fliegen. Stattdessen ging es gestern in die Jugendherberge an den Hamburger Landungsbrücken. Die Klasse nahm’s gelassen: „Auch nicht schlecht.“
Entspannt: Die Klasse des Ernst-Barlach-Gymnasiums in Kiel wollte nach Barcelona fliegen. Stattdessen ging es gestern in die Jugendherberge an den Hamburger Landungsbrücken. Die Klasse nahm’s gelassen: „Auch nicht schlecht.“

Auch bei anderen Fluggästen liegen die Nerven blank − nicht wegen des Stromausfalls, sondern wegen des Krisenmanagements des Flughafens und der Reise- wie Fluggesellschaften. „Das geht so nicht!“, klagt eine ältere Dame über den spärlichen Informationsfluss. Versuche, telefonisch Auskünfte von den Fluggesellschaften zu erhalten, enden für die meisten in der Warteschleife.

Geduld erforderlich: Lange Warteschlangen bilden sich vor den Informationsschaltern in der Abfertigungshalle.
Geduld erforderlich: Lange Warteschlangen bilden sich vor den Informationsschaltern in der Abfertigungshalle.

Prinzip Hoffnung – bis zur Gewissheit

Doch das Prinzip Hoffnung gilt bis zum Schluss: Geduldig harren die meisten aus − auf und neben ihrem Gepäck und auf dem Fußboden sitzend; Flughafen-Mitarbeiter verteilen Wasserflaschen. Und immer wieder geht der Blick erwartungsvoll zu den Anzeigetafeln, doch der Hinweis „verspätet“ oder „cancelled“ bleibt.

Erst am späten Nachmittag kommt die enttäuschende Gewissheit: Der Flughafen teilt mit, dass der Betrieb für Sonntag komplett eingestellt wird. Um 16.53 Uhr gibt es auch das erste offizielle Statement des Flughafenchefs zu den Ausfällen: „Wir bedauern für alle Fluggäste und Abholer sehr, dass wir gezwungen waren, den Flugbetrieb einzustellen. Nun arbeiten wir mit Hochdruck daran, die Ursache des Kurzschlusses zu beheben und diese Ausnahmesituation für unsere Gäste so schnell wie möglich zu beenden“, sagt Michael Eggenschwiler, Vorsitzender der Geschäftsführung am Hamburg Airport.

 Adam ist das jüngste Mitglied einer Familie aus Flensburg. Sie wollte für zwei Wochen in ihre Heimat Beirut fliegen.
Adam ist das jüngste Mitglied einer Familie aus Flensburg. Sie wollte für zwei Wochen in ihre Heimat Beirut fliegen.

Von den Flugausfällen dürften nach Angaben des Flughafens mehr als 30 000 Passagiere betroffen gewesen sein. Insgesamt waren heute 200 Starts und 200 Landungen geplant. Der Hamburger Flughafen ist mit mehr als 17 Millionen Passagieren jährlich nach Angaben des Flughafenbetreibers der fünftgrößte in Deutschland.

100 Feldbetten für Gestrandete

Nach der Ankündigung, dass keine Flüge mehr starten, leert sich der Flughafen mehr und mehr. Die meisten machen sich auf den Heimweg oder auf ins Hotel. Der Flughafen stellt 100 Feldbetten auf.

Überfüllt: Draußen und drinnen ließen sich die gestrandeten Fluggäste nieder; das war auch für die Müllkörbe zu viel.
Überfüllt: Draußen und drinnen ließen sich die gestrandeten Fluggäste nieder; das war auch für die Müllkörbe zu viel.

Dabei ist auf den ersten Blick in der Flughafenhalle vom Chaos an diesem Sonntag am Hamburger Flughafen gar nicht so viel zu spüren. Die Rolltreppe funktionieren, die Hinweisschilder zu Gates und Terminals leuchten grell wie immer und die Sprecher der Durchsagen trällern ihre nichts sagenden Informationen, als sei nichts geschehen. Aufrecht erhalten wird der Betrieb durch die Notstromversorgung. Für einen sicheren Flugbetrieb aber benötige der Flughafen eine redundante Stromversorgung, also eine Hauptversorgung nebst Notstromaggregaten, erläutert Flughafen-Sprecherin Katja Bromm. Am Sonntag um 9.30 Uhr hatte es einen Kurzschluss in der Hauptstromversorgung gegeben. Wo und warum − dazu macht die Flughafen-Sprecherin gestern gegen 18.30 Uhr keine Angaben. Nur so viel: „Unsere Techniker arbeiten unter Hochdruck an der Lösung des Problems, das wir inzwischen lokalisiert haben“.

Polizisten helfen Flugreisenden, sich im Chaos zurechtzufinden.
Foto: dpa
Polizisten helfen Flugreisenden, sich im Chaos zurechtzufinden.
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