Nicht mehr vorn, aber stets dabei

„Diskussionen gehören zur Demokratie“, sagt Politiker Walter Lorenzen.
„Diskussionen gehören zur Demokratie“, sagt Politiker Walter Lorenzen.

Der Ex-SPD–Vorsitzende bringt sich weiter ein

shz.de von
31. August 2018, 15:59 Uhr

„Niemals geht man so ganz“, sang einst Trude Herr. Das trifft auch auf Walter Lorenzen zu. Der 70-Jährige war mehrere Jahrzehnte das Gesicht der Appener SPD, tritt nun aber in die zweite Reihe: Nach 20 Jahren an der Spitze hat er den Fraktionsvorsitz an Petra Müller abgegeben. Er habe sich schon in der vergangenen Legislaturperiode dazu entschlossen, nach der Kommunalwahl kürzer zu treten, berichtet Lorenzen. Seine Pläne sollen nicht mehr länger vom Sitzungskalender bestimmt werden, so Lorenzen. In Zukunft könne er ohne schlechtes Gewissen mit seiner Frau Gabi verreisen.

Gemeindevertreter, stellvertretender Bürgermeister, Bürgervorsteher, von 1992 bis 1994 und von 1998 bis 2018 SPD-Fraktionsvorsitzender, dazu noch die Arbeit in der Gewerkschaft Verdi – der pensionierte Post-Oberamtsrat hatte schon zahlreiche Ämter inne. Seine politische Laufbahn ist auch ohne die Arbeit an vorderster Front nicht vorbei. „Ich bin schließlich weiterhin Gemeindevertreter“, sagt der Sozialdemokrat. Wer ihn kennt, weiß, dass das nicht einfach so daher gesagt ist. Die „große“ Politik in Berlin, die Entwicklung in seiner Heimatgemeinde, die Zukunft seiner Partei – Lorenzen ist einer, mit dem man sich über ganz verschiedene Themen unterhalten kann, ernst, aber auch humorvoll.

Er hat keine Angst, seine Meinung zu sagen. Selbst, wenn er damit manchmal aneckt. „Diskussionen gehören zu einer Demokratie dazu“, sagt er. Genauso, Niederlagen und andere Mehrheiten zu akzeptieren. „Darin kennen wir Sozialdemokraten uns ja gut aus“, erklärt er schmunzelnd. Er trat 1976 in die Partei ein, weil er Willy Brandt bewunderte. Zum aktuellen Erscheinungsbild der SPD in Berlin mag Lorenzen nichts sagen. Auf den Ortsverein lässt er allerdings nichts kommen. „Hier in Appen sind echte Sozialdemokraten.“

Während seiner Zeit in der Gemeindevertretung war die SPD nur in einer Legislaturperiode die stärkste Fraktion, meistens zweite oder sogar nur dritte Kraft. Zu Lorenzens größten Enttäuschungen zählt, dass die Dana Senioreneinrichtungen GmbH ihre Pläne für betreutes Wohnen auf dem ehemaligen Schlecker-Gelände an der Hauptstraße nicht realisieren konnte. Als Erfolg verbuchte der Sozialdemokrat den Bau des Bürgerhauses und der Sporthalle, an dem die SPD großen Anteil habe.

Wenn jemand anderer Meinung sei, könne man trotz allem ein gutes Verhältnis zueinander haben, betont der 70-Jährige. So hält es der SPD-Politiker schon seit Beginn seines politischen Wirkens. Lorenzen genießt vor allem aufgrund seines großen Engagements parteiübergreifend Respekt. Selbst die, die mit seinen Vorstellungen nicht viel anfangen können, loben seinen enormen Einsatz für das Wohl der Gemeinde. Lorenzen ist nämlich nicht nur politisch aktiv: Heimatverein, DRK, Etzer Bund – der SPD-Politiker bringt sich in Appen vielfältig ein. „Ich sehe mich als Mittler zwischen Politik und Vereinen“, sagt er.


Sorgenvoller Blick auf Appens Entwicklung

Die Entwicklung Appens betrachtet Lorenzen jedoch mit Sorge. Mit Polizei, Nahversorgung, Post und Sparkassenfiliale habe die Gemeinde in den vergangenen Jahren einiges verloren. „Wir haben nicht einmal mehr einen Geldautomaten im Ort.“ Sicherlich sei die Gemeinde liebens- und lebenswert. Doch es reiche nicht aus, nur den Status Quo zu verwalten. Stillstand sei Rückschritt. Manchmal vermisse er den Mut, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. „Flickschusterei reicht nicht, wenn man die Gemeinde voran bringen will“, so der SPD-Politiker. Ein aktuelles Beispiel für kurzsichtige Planung sei die Sanierung der Schule, die weit mehr als die ursprünglich veranschlagten 1,7 Millionen Euro verschlinge. „Da stellt sich schon die Frage, ob ein Neubau nicht sinnvoller gewesen wäre.“ Lorenzen hätte sich gewünscht, dass diese Option zumindest geprüft worden wäre. Leider habe dieser Vorschlag der SPD keine Mehrheit gefunden.

Lorenzens emotionale Ausführungen zeigen, dass die Politik ihm nach wie vor am Herzen liegt. Auch wenn er in Zukunft nicht mehr an vorderster Front steht: Der SPD-Politiker ist weiter mittendrin.

>Nächste Woche im Freitagsgespräch: Der neue Vorsitzende des TuS Borstel-Hohenraden, Rüdiger Wüpper.

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