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Pinneberger Tageblatt

17. August 2017 | 00:33 Uhr

Nicht mehr fit für den Verkehr

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Fahruntüchtigkeit Pinneberger Rentner Dieter Staege gibt freiwillig seinen Führerschein im Kreisverkehrsamt ab

Das Kreisverkehrsamt in Pinneberg an der Flensburger Straße. 10.20 Uhr. Dieter Staege hat die Aufrufnummer 17 erhalten. Nach nur drei Minuten Wartezeit darf der Pinneberger ins Zimmer 16 eintreten. Der Vorgang dort dauert nicht einmal fünf Minuten. Die Unterschrift unter ein Formular gesetzt – eine Absichtserklärung –, dann ist es unwiderruflich. Der 80-Jährige wird nie wieder selbst ein Auto oder Motorrad steuern. Staege hat sich entschieden, seinen Führerschein – ausgestellt im Jahr 1976 – abzugeben. Bereits 1955 legte er die Prüfung für die Klasse eins ab. Ob er den Führerschein entwertet als Souvenir behalten wolle, möchte Verwaltungsangestellte Dagmar Froese wissen. Oder soll er geschreddert werden? Das Letztere ist dem Rentner lieber.

Schweren Herzens hat er seinen „Lappen“, wie die alten grauen Führerscheine im Volksmund heißen, abgegeben, obwohl er alle Klassen – eins, zwei, drei und vier – fahren durfte. Selbst Panzer bis 44 Tonnen. Vier Jahre war Staege bei der Bundeswehr. Fünf Autos hatte er im Laufe seines Lebens.

Doch der Rentner hält sich für fahrunfähig und zieht die Konsequenz. „Ich bin 80 Jahre alt und habe Diabetes und eine kaputte Wirbelsäule. Schon aus gesundheitlichen Gründen kann ich kein Auto mehr fahren“, sagt der ehemalige Postbeamte. Staege will Vorbild sein. Sein Vorschlag: „Alle alten Leute sollen den Führerschein abgeben. Spätestens ab 70. Ich habe selbst gemerkt, dass man verunsichert ist. Im fließenden Verkehr kann man nicht mehr so gut fahren. Oft kann es tödlich enden“, sagt der Pensionär.

Wie im vergangenen Jahr, als ein Autofahrer in Bad Säckingen einen folgenschweren Fehler beging. Daraufhin raste er mit seinem Wagen in eine Menschenmenge in der Fußgängerzone des Ortes. Ein Mann und eine Frau starben. Er hatte offenbar Gas und Bremse seines Automatikautos verwechselt.

Uneinsichtig zeigte sich auch jüngst ein „Rüpelrentner“ in Wedel. Vorige Woche versperrte ihm ein Rettungswagen die Durchfahrt, worüber sich der Senior (86) so aufregte, dass er die Sanitäter erst anpöbelte, dann handgreiflich wurde und schließlich ihren Einsatzwagen rammte. Schlimmeres hätte passieren können.

Solche Vorfälle lösen immer wieder Debatten über die Fahrtüchtigkeit von Senioren aus. Die Unsicherheit am Steuer – Staege hat sie schon vor Jahren gespürt. Tatsächlich setzt sich der 80-Jährige schon seit 1996 nicht mehr hinters Steuer. Anlass war ein Unfall. „Ich bin vor der Post in Pinneberg auf ein Auto gefahren“, sagt er. Blechschaden. „Wer auffährt, hat immer Schuld.“ Doch Staege ließ sein Auto, an dem ein Schaden von 6000      DM entstanden war, nicht mehr reparieren, obwohl seine Frau, die keinen Führerschein hat, das nicht so ganz verstanden habe. Zwar habe er sich immer noch die Möglichkeit offengelassen, sich vielleicht wieder ans Steuer eines Autos zu setzen, doch mit seiner Gesundheit ging es weiter bergab.

Und wie kommt er ohne Auto zurecht? „Gut“, sagt Staege. „Bei schweren Einkäufen lasse ich mich von meiner Tochter fahren. Sonst nehme ich den Bus oder fahre mit dem Zug“, sagt er. Das gehe immer ganz gut.

Eine Statistik, wie viele Menschen insgesamt ihren Führerschein freiwillig abgeben, führt der Kreis Pinneberg nicht. „Dies dürften jedoch nicht mehr als eine Handvoll sein“, bestätigt Kreissprecher Oliver Carstens auf Nachfrage unserer Zeitung. „Vermutlich verzichten aber viele Menschen zum Beispiel aus Alters- oder Krankheitsgründen freiwillig auf das Autofahren, geben aber ihren Führerschein nicht offiziell ab“, so Carstens. Genauere Zahlen habe der Kreis über die Führerscheinverzichte, die aus einer Fahreignungsüberprüfung herrühren: Vom 1. Januar 2017 bis 31. Mai 2017 haben 32 Personen auf eigenen Wunsch auf ihren Führerschein verzichtet, um einer drohenden Entziehung zuvorzukommen. Dabei liegen unterschiedliche Gründe diesem Verzicht beziehungsweise der drohenden Entziehung vor, beispielsweise zu Tage kommende körperliche oder geistige Einschränkungen, welche die Personen ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeuges werden lassen.


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erstellt am 03.Jun.2017 | 16:00 Uhr

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