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Urlaub auf Kreta : „Nicht, dass Sie mir ins Essen spucken“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Nach kontroverser Debatte hat der Bundestag gestern dem neuen Griechenland-Hilfsprogramm zugestimmt. Doch wie ist die Stimmung in dem krisengebeutelten Mittelmeerstaat? Ein Reisebericht von Volontärin Felicitas Mertin.

von
erstellt am 20.Aug.2015 | 12:00 Uhr

Kreta | Jeder Vierte ist arbeitslos, Griechenland hat mehr als 300 Milliarden Euro Schulden – trotzdem gibt es den Raki nach dem Essen immer noch kostenlos. Die Griechen wissen, was ihren Gästen wichtig ist. Dennoch stieß ich auch auf Verzweiflung und Resignation. Doch dazu später mehr.

Ich gebe zu: Kurz vor der Abreise will ich meinen Urlaub absagen. Es ist der Tag, an dem das Land es zum ersten Mal nicht schafft, eine Kreditrate über 1,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu überweisen. Danach stehen die Verhandlungen mit den internationalen Partnern still. Der Grexit ist in aller Munde. Der Kollaps gefährlich nahe. Die Bilder in den Medien machen mir Angst. Die Schlangen vor den Geldautomaten. Die Griechen auf den Straßen, die ihre Wut gegen die Deutschen richten. Mir graut es davor, Bargeld für zwei Wochen mitzunehmen. Und was, wenn ich als Deutsche beschimpft würde? Denn ich suche im Urlaub nicht Konfrontation, sondern einfach eine Auszeit.

Ich fliege trotz der angespannten Situation. Oder gerade deshalb. Ich bin Journalistin. Die Neugierde siegt. Die Wahl des Ferienortes fällt auf Kreta. Als Jugendliche war ich dreimal auf den griechischen Inseln – und hatte mich verliebt. Nicht nur in die kleinen Dörfer mit den typischen blau-weißen Häusern, den Duft von Thymian am Straßenrand und die Oliven-Haine, sondern auch in die griechische Lebenskultur – die Gelassenheit, das leichte Essen und die traditionellen Tänze.

Zwei Wochen lang suche ich in einem kleinen Hotel in der Mirabello-Bucht nahe Agios Nikolaos, eine etwa 12  000 Einwohner zählende Stadt im Nord-Osten der beliebten Ferieninsel, Entspannung. Und ich finde sie, auch das sei vorab gesagt. Auf dem Mountainbike, am Strand, bei den zahlreichen Restaurantbesuchen.

Doch diesmal ist mein Blick schärfer. Schon auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel fallen mir die leer stehenden Geschäfte und unfertigen Häuser auf. Aber waren die nicht früher auch schon da? Das mitgebrachte Bargeld reicht vier Tage, dann muss ich einen Automaten aufsuchen. Keine Schlange. Die 400 Euro spuckt er sofort aus. Lebensmittelknappheit? Die Regale sind voll. Die Müllabfuhr beseitigt die Abfälle vor den Häusern. Busfahrer, Kellner, Ladenbesitzer – sie alle sind überfreundlich. So wie ich es von vorherigen Besuchen kenne. Von einer Krise ist nichts zu spüren.

Bis zum siebten Tag. Nach der ersten Hälfte meines Urlaubs ist es, als hätten die Griechen beschlossen, dass ich nach der schönen Zeit nun doch hinter die Kulissen des Paradieses, in dem ich gelandet bin, schauen sollte. Dort sieht es düster aus.

Meine Freundin und ich beschließen an diesem Tag, die Umgebung auf Rollern zu erkunden. Der Besitzer der Mietwagenfirma holt uns am Hotel ab. Ein beiläufiger Satz meiner Freundin reicht aus, um den freundlich lächelnden Südeuropäer auf die Palme zu bringen. Dabei schmunzelt sie nur über die Coolness der vorbeifahrenden Polizisten, die mit Pilotenbrillen auf ihren Motorrädern unterwegs sind. „Ja, wir haben hier immer noch Polizisten“, raunt der griechische Unternehmer. „Sogar die Krankenhäuser sind in Betrieb“. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Es stimmt nicht alles, was in euren Medien gebracht wird.“ Einmal angefangen, verliert er sich in seiner Wut über die Europäische Union. Er wolle nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft sein, weil nicht Solidarität und Zusammengehörigkeit im Vordergrund stünden, sondern wirtschaftliche Interessen einzelner Länder. Das schmerzt.

Ich bin weniger Deutsche als Europäerin. Meine Generation kennt es nicht anders. Die Krise höhlt die Idee eines gemeinsamen Europas aus, für die ich stets einstehe. Doch es ist nicht nur Brüssel, die meiste Wut richtet der kretische Unternehmer gegen seine eigene Regierung. Er habe so viel Hoffnung in das Referendum gelegt, bei dem Ministerpräsident Alexis Tsipras über die Reformvorschläge der Gläubiger abstimmen ließ. Den Abstimmungszettel hat er aufgehoben. Er zeigt ihn mir. Und betont die großen Erwartungen, die er in das Stück Papier gesetzt hatte. „Doch ich wurde enttäuscht“, sagt er. Natürlich habe er sein Kreuz bei „Oxi“ („Nein“) gemacht. Mit ihm haben knapp 61 Prozent seiner Landsleute Nein gesagt. Für den kretischen Unternehmer ist es nicht zu begreifen, dass sein Regierungschef dennoch für Verhandlungen nach Brüssel fuhr. „Ich sehe inzwischen kein Licht mehr am Ende des Tunnels.“

Nur wenige Kilometer weiter begrüßt ein griechischer Wirt seinen zweiten Gast. Die Terrasse ist leer, dabei hat man von hier aus einen fantastischen Blick auf das kretische Meer. Das Gebäude ist frisch renoviert. Neue Tapeten, Möbel, draußen steht ein großer Barbecue-Grill. Das Restaurant erzählt von besseren Zeiten. Von vollen Tischen, lauten Festen mit viel Raki und Tänzen. Jetzt verdreckt der Grill. Die meisten der Stühle bleiben leer.

Woher wir kommen, will der Wirt wissen. Aus Deutschland, sage ich. Mit gesenkter Stimme. Ich versuche es mit einem Witz: „Aber nicht, dass Sie uns jetzt ins Essen spucken.“ Er lacht und setzt sich. Reibt sich die Augen. Stöhnt. Er habe den Fehler gemacht, kurz vor der Krise zu renovieren. Nun müsse er noch mehr Steuern zahlen. Auch auf Getränke. Die Abgabe sei so hoch, dass er sie manchmal nicht mit auf die Rechnung schreibe. Am Ende des Monats bleibe fast nichts vom Geld übrig. „Ich will die Drachme zurück“, sagt er.

Seine Mutter erscheint an der Tür. „Sie ist krank, aber die Kosten für die Behandlung sind schwer aufzubringen“, sagt der Grieche. Wir reden über Arbeit, Politik und seine deutschen Freunde. Darüber, dass wir unsicher sind, ob wir mit Griechen frei über die Schuldenkrise sprechen können. Er sagt, es gehe ihm genauso. Nicht mit allen Deutschen könne man reden. Wir erzählen ihm, dass es auch in Deutschland große Diskussionen über die Griechenland-Hilfen gibt. Dann berichtet er etwas, das mich schockiert: Deutsche Urlauber hätten sein Restaurant verlassen, ohne ihre Rechnung zu begleichen. „Wir bezahlen schon genug für euch“, hätten sie ihm zugeraunt.

Hoffentlich ein Einzelfall. Zurück in Deutschland kann ich sagen: Ich habe während meines gesamten Urlaubs nicht einmal Ablehnung, dafür sehr viel Freundlichkeit erlebt. Ich habe Menschen getroffen, die für keinen Lohn arbeiten oder überqualifiziert sind für ihre Tätigkeit. Ihnen liegt sehr viel daran, das Bild der „faulen Griechen“ aus den Köpfen ihrer Gäste zu bekommen. Ich kann nur jedem Reisewilligen ans Herz legen, einmal in dieses tolle Land zu fahren. Jetzt erst Recht.

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