Nicht alle Kinder sind hochbegabt

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18. Juni 2019, 13:09 Uhr

Wolfi Mozart, Stevie Wonder und Pippi Langstrumpf. Kindliche Genies waren früher eigentlich eher die Ausnahme. Heute halten Eltern ihre ungewaschenen Gören jedoch immer häufiger und auch sofort für uneingeschränkt hochbegabt und überdurchschnittlich talentiert in allem, nur weil sie nicht stumpf grinsend mit Erde nach Katzen schmeißen oder wintertags den Frost von der Straßenlaterne ablecken wollen.

Kaum meldet ein vierjähriges Nachwuchstalent seinen unmittelbaren Harndrang bei den Erziehungsberechtigten an und macht nicht mehr gemütlich in die Hose oder eine Sechsjährige kann sekundenlang freihändig auf einem Beim stehen und fällt dabei nicht sofort hilflos um, was zugegeben heutzutage eine Seltenheit bei Kindern ist, dann wähnen die entzückten Eltern zweifellos eine wahre Intelligenzbestie auf dem geistigen Niveau eines Einstein im häuslichen Kinderzimmer wohnen. Wer schon vor der Einschulung seinen Namen schreiben kann, ist nicht der neue Goethe, sondern einfach nur normal. Nur in Elmshorn ist er supernormal. Aber sicherlich nicht hochbegabt.

Wenn mich ein Achtjähriger im Beisein der stolzen Eltern (also seiner, nicht meiner) wie auswendig gelernt und monoton stundenlang über flugfähige Kleinsaurier in der Kreidezeit oder Planeten außerhalb unseres Sonnensystems vollquatscht (obwohl es mich nicht die Bohne interessiert), und dabei mehr Fremdwörter und Fachausdrücke gebraucht als jährlich in der Tagesschau fallen, dann ist das kein Zeichen besonderer Intelligenz, sondern einfach nur Klugscheißerei. Aber das nur nebenbei.

Eltern, die in jedem feuchten Pups, der aus dem Kinde entweicht, sofort eine außergewöhnliche Leistung erkennen und den Helikopter starten, sind kaum noch zu stoppen. Das schlumpfschlaue Kind ist neben dem türgroßen Fernseher und dem gewaltigen Protzgrill das neue Prestigeobjekt unserer Gesellschaft. Bedenklich, früher genügte dafür ein großes Auto oder saufen können wie ein Ochse.
Wie herrlich angenehm sind da solche Eltern, die Ihr Kind nicht sofort in intellektuell höchste Sphären hieven und einfach mal mit der eigenen Erbmasse ehrlich auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Wie die Mutter etwa, die von ihrer schätzungsweise siebenjährigen Tochter beim Passieren eines Zirkus gefragt wurde „Mami, glaubst Du, dass ich mal Seiltänzerin werden kann?“, und die einfach mal mit einem entschiedenen „Nein, ganz sicherlich nicht!“ antwortete. Das Ausrufezeichen konnte man sogar hören. Das macht doch irgendwie Hoffnung.


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