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Ein Scientarium für Helgoland : Neues Konzept für das ehemalige Inselaquarium

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Forschungsinstitut präsentiert die Pläne. Die Investitionen kosten 11,5 Millionen Euro. Das Vorbild befindet sich in Dublin.

shz.de von
erstellt am 31.Mär.2016 | 10:00 Uhr

Helgoland | Das neue Konzept für das Helgoländer Aquarium ist fertig. Jetzt präsentierte das Alfred-Wegener-Institut (AWI), Betreiber der seit Januar 2015 geschlossenen Einrichtung, während einer Bürgerversammlung auf Helgoland Ideen für eine interaktive Ausstellung. Der Großteil der alten Becken wird zwar verschwinden. Es sollen aber weiterhin auch lebende Tiere zu sehen sein.

 Helgoland hat sich in den vergangenen Jahre von einem Tagesausflugs- zu einem Urlaubsziel entwickelt: 312.000 Übernachtungen gab es im vergangenen Jahr auf der Hochseeinsel. Gemeinsam mit der Tourismusdirektion möchte die Gemeinde die Zahl der Helgoland-Besucher jedoch noch weiter steigern. Einige Projekte, die die Hochseeinsel attraktiver machen sollen, stehen bereits fest und werden in den kommenden Jahren fertig.  Dazu gehört etwa ein Welcome Center für Touristen, das im Jahr 2017 oder 2018 eröffnet werden soll. Zudem sollen die historischen Bunkeranlagen erweitert, der Binnenhafen ertüchtigt und die Marina umgestaltet werden. In der vergangenen Woche hat zudem ein Literatur-Hotel auf der Insel eröffnet, das neben Autorenzimmern auch regelmäßig Lesungen für die Besucher der Hochseeinsel anbieten möchte.

„Großes Vorbild ist die Science Gallery im irischen Dublin“, sagte Professorin Karen Wiltshire, Vizeverwaltungsdirektorin des AWI. In der Science Gallery will das Trinity College wissenschaftliche Themen einem breiten Publikum präsentieren. Bis 2020 soll es weltweit weitere acht Wissenschaftsausstellungen geben, etwa in London und im australischen Melbourne. „Wir wollen hier in unserer neuen Einrichtung die Meeresforschung des AWI und den Naturraum Helgoland präsentieren“, sagte Wiltshire.

Kern werde ein Raum mit im Boden versenkbaren Exponaten. „So kann er bei Bedarf zum Vortragssaal werden. Aus diesem Grund kann es dort auch keine Wasserbecken mehr geben“, sagte Wiltshire. Trotzdem sollen lebende Tiere nicht ganz verschwinden. „Im ehemaligen Seehundbecken werden wir ein Felswatt nachbauen. Dort entsteht auch Platz für Becken mit Meeresbewohnern.“ Derzeit würden die Tiere, etwa die großen Störe, umgesiedelt. Bis die Bauarbeiten fertig sind, finden sie Unterschlupf im Multimar Wattforum in Tönning und im Naturgewaltenzentrum auf Sylt.

Für die Wissenschaftspädagogik bekomme die Einrichtung unter dem Arbeitstitel Scientarium ein Schülerlabor. Klassen und Jugendgruppen könnten dort unter Anleitung experimentieren. Wer sich für die Geschichte Helgolands interessiert, werde seinen Wissensdurst in der Schensky-Lounge mit großen Fenstern zur Meerseite stillen können. Dort sollen Fotos des berühmten Helgoländer Fotografen Franz Schensky, der von 1871 bis 1957 lebte, zu sehen sein. Seine Bilder zeigen das Leben der Menschen, die Naturgewalten und historische Momente wie die Übergabe der Insel an das deutsche Kaiserreich. „Wir arbeiten seit Langem erfolgreich mit dem Museum Helgoland zusammen. Es ist für uns ein unschätzbares Archiv“, sagte Wiltshire.

Demokratisch: Im Parlament der Ozeane können Besucher über Meeresthemen diskutieren, die sie besonders interessieren.
Demokratisch: Im Parlament der Ozeane können Besucher über Meeresthemen diskutieren, die sie besonders interessieren. Foto: AWI

Ein weiteres Element des Scientariums sei das Parlament der Ozeane. „Besucher können dort computergesteuert über Themen wie Klimawandel diskutieren. Mit Umfragen lassen sich Meinungsbilder zu verschiedenen Themen einholen“, sagte Wiltshire. Auch Fragen an die Meeresforscher ließen sich so formulieren. Einen Namen für das Scientarium gebe es noch nicht. „Atlantis 4.0 wird es aber nicht. Die Namensfindung wollen wir Profis überlassen“, sagte Wiltshire. Atlantis 4.0 ist der Arbeitstitel für ein Bündel von Zukunfts-Projekten auf Helgoland, für das die Gemeinde Fördergeld der EU beantragt hat.

Im Mai 2018 soll ein Teil des ehemaligen Aquariums wiedereröffnet werden. „Im Eingangsbereich gibt es dann einen Info-Point“, sagte Karsten Wurr, Verwaltungsdirektor des AWI. Im Mai 2019 soll alles fertig sein. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 11,5 Millionen Euro. 7,5 Millionen Euro steuert der Bund bei. Das Geld ist für die Sanierung des maroden denkmalgeschützten Gebäudes gedacht. Etwa die Hälfte der verbleibenden vier Millionen Euro sollen aus einem EU-Programm fließen. Mit dem Geld würde die Ausstellungseinrichtung finanziert. Den Rest müssten die Gemeinde und Sponsoren tragen, wie Wurr sagte.

Wer die Betriebskosten tragen wird, ist laut Wurr noch nicht geklärt. „Wir verhandeln mit der Gemeinde. Denkbar wäre eine gemeinsame Trägergesellschaft.“ Was der Betrieb kostet, hänge vom Angebot ab. „Mann kann das mit minimalem Personalaufwand und eingeschränkten Öffnungszeiten machen – oder mit umfangreichem Service. Es kostet auf jeden Fall dreistellige Beträge“, sagte Wurr. Der Umfang der Erträge hänge nicht nur von der Besucherzahl, sondern auch von staatlichen Zuschüssen und einem denkbaren Verkauf von Souvenirs ab. Wurr sagte: „Wir wollen zehn bis 15 Prozent der Gäste auf Helgoland in die Ausstellung bekommen. 80.000 Leute pro Jahr wären super, bei 25.000 wird es knapp.“

INFO Das ist das Alfred-Wegener-Institut

Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) mit Hauptsitz in Bremerhaven ist Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Es gehört zu den renommiertesten deutschen Forschungseinrichtungen in seinem Fach. Ein Arbeitsschwerpunkt ist der Klimawandel. „Schon immer war die Polar- und Meeresforschung eine faszinierende wissenschaftliche Herausforderung. Heute ist sie auch ein Stück Zukunftsforschung“, beschreiben die Wissenschaftler auf der Homepage des Instituts ihre Arbeit.

Die Forscher arbeiten an vier festen Standorten in Deutschland: in Bremerhaven, Potsdam, auf Sylt und auf Helgoland. Auf Helgoland betreibt das AWI seit 1998 die Biologische Anstalt Helgoland (BAH). Die BAH hat allerdings eine deutlich längere Tradition. Sie existiert bereits seit 1892.

Im Fokus der Wissenschaftler stehen Lebensgemeinschaften in der Nordsee. Das Felswatt und die über 35 Quadratkilometer große unterseeische Felslandschaft beherbergen laut AWI die reichste marine Tier- und Pflanzenwelt der deutschen Küste. „Mit über 1000 Arten, davon rund 400 Tier- und 600 Pflanzenarten, ist Deutschlands einzige Hochseeinsel ein Hotspot der Biodiversitätsforschung und das ‚Galapagos der deutschen Bucht‘“, so das Forschungsinstitut.

 
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