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Zukunftsfragen : Neue Studie: So ticken die Hamburger

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Professor Ulrich Reinhardt hat Vorlieben und Hoffnungen analysiert. Menschen im echten Norden sind zufriedener.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2017 | 12:00 Uhr

Hamburg | Angst vor der Zukunft? Kaum! Glück durch Reichtum? Fehlanzeige! Vater, Mutter, Kind als ideales Lebensmodell? Vorbei! Die Hamburger ticken eben ein bisschen anders als der Rest der Republik. Jedenfalls laut Professor Dr. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Mit 77 Fragen hat er der Bevölkerung auf den Zahn gefühlt und ihre Antworten genauestens analysiert. Herausgekommen ist sein neues Buch „So tickt Hamburg“, das einen tiefen Einblick in Gegenwart und Zukunft von Hamburg gibt.

Herausforderungen der Großstadt

Sie sind glücklich, die Hamburger. Lediglich die Älteren schauen etwas ängstlicher in die Zukunft: „Sie haben mehr Angst vor Veränderung, glorifizieren auch deutlich stärker die Vergangenheit als die mittlere und jüngere Generation“, so Reinhardt. Doch ohnehin reichen die Hamburger nicht an die Schleswig-Holsteiner heran, die noch hoffnungsvoller und deutlich optimistischer auf das Leben schauen. Schließlich gelten sie bekanntermaßen als die glücklichsten Bundesbürger. Es mag laut Prof. Reinhardt daran liegen, dass die Familienstrukturen dort intakter sind, es mehr Kinder, weniger Scheidungen und weniger Single-Haushalte gibt. In Hamburg dagegen müssen sich die Menschen den Herausforderungen einer Großstadt wie steigende Mieten, Anonymität und Verkehrsprobleme stellen.

Vater-Mutter-Kind – ein Auslaufmodell?

Rund ein Drittel aller Hamburger Singles und kinderlosen Paare im Alter von 25 bis 49 Jahren zweifeln an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Sie haben schlichtweg Angst vor der Familiengründung“, sagt der Freizeitforscher. „Als Ursache führen sie finanzielle Gründe an.“ 48 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass es sich bei der klassischen Familienstruktur aus Vater-Mutter-Kind um ein Auslaufmodell handelt.

Legen die Schleswig-Holsteiner mehr Wert auf die Work-Life-Balance, steht in der Single-Stadt die Arbeit mehr im Mittelpunkt. „Man darf aber auch nicht vergessen, dass in Hamburg das Angebot an Arbeitsplätzen größer ist, da es mehr Industrie und mehr Unternehmen gibt“, so Reinhardt. „Doch mehr Möglichkeiten führen nicht automatisch dazu, dass die Arbeit positiver eingeschätzt wird, denn auch hier liegen die Schleswig-Holsteiner vorn.“ Allerdings lautet selbst bei Hamburgern die Bitte, mit der sie früher zum Chef gingen: „Kann ich mehr Geld haben“, heute stattdessen: „Kann ich weniger arbeiten?“

Vater-Mutter-Kind – ein Auslaufmodell?

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Keine Statussymbole mehr

Zufrieden sind die Hamburger auf jeden Fall mit ihren Politikern. „Das ist nicht nur der derzeitigen Regierung zuzusprechen. Solange es gut läuft und es keine großen Skandale oder einschneidenden Erlebnisse gibt, sind die Bürger nicht in Wechselstimmung.“ Was die Bildung anbelangt, hat Hamburg in den letzten Jahren einen Riesensprung gemacht. Mit 68 Prozent will weit über die Hälfte aller Schüler Abitur machen. „Die meisten Befragten glauben, dass unser Bildungssystem gut auf die Zukunft vorbereitet.“

Zufrieden ist man in Hamburg auch, weil man sich nicht mehr so stark über Symbole des finanziellen Aufstiegs definiert. So wird das Auto kaum noch als Statussymbol wahrgenommen sondern als Transportmittel, das uns von A nach B befördert. „Wir haben ja schon alles – Kleidung, Auto, Fernseher und sind nicht glücklicher, je mehr Geld wir besitzen“, lautet die Erkenntnis.

Freizeit im Schnelldurchlauf

Und wie verbringen die Hamburger ihre Freizeit? Für die reine Freizeit verbleiben von 8760 Stunden im Jahr 2591 Stunden, also etwa 30 Prozent der jährlichen Lebenszeit – für die Freizeit. Obwohl die Erwerbstätigen im Vergleich zur 50-Stunden-Woche noch in den Sechziger Jahren heute nur zwischen 35 und 40 Stunden arbeiten, herrscht bei vielen Hamburgern das Gefühl, sie hätten zu wenig freie Zeit. Weil sie durch die fast unendlichen Möglichkeiten und den Druck, möglichst viel in der zur Verfügung stehenden Zeit zu schaffen, in Stress geraten. Also wird kombiniert, um Zeit zu sparen: Der Besuch von Freunden mit dem Abendessen oder der Haushalt während des Fernsehens. Der Preis für diese Schnelllebigkeit ist oftmals Oberflächlichkeit – denn für Liebe zum Detail oder Ruhe für eine langfristige Beschäftigung nimmt man sich nur noch selten Zeit.

Partnerschaft nur übers Internet?

Für die Zukunft sei ein Gegentrend zu erwarten, prophezeit der Freizeitforscher. „Zunehmend mehr Bürger reduzieren ihre Aktivitäten und verpassen bewusst bestimmte Dinge. Zumindest im Moment noch wird jedoch keine Freizeitaktivität in Hamburg mehr ausgeübt als das Fernsehen“, sagt Reinhardt. Bei 97 Prozent läuft im Durchschnitt das Gerät über dreieinhalb Stunden pro Tag, wobei der TV-Konsum mit dem Alter steigt. Doch trotz all der Möglichkeiten, in der Freizeit jemanden kennenzulernen, glaubt 66 Prozent der Befragten, in den nächsten 20 Jahren werde jede dritte Partnerschaft über Internet-Dating-Netzwerke entstehen.

„Eins ist sicher“, glaubt der Forscher. „Das Leben in der Zukunft wird besser sein als in der Vergangenheit, wir werden uns weiter entwickeln, und wir werden Antworten auf die Fragen der Gesellschaft finden.“ Und das gilt nicht nur für Hamburg.

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