Neue Wochenserie : Neue Heimat Kreis Pinneberg: Von Syrien nach Schenefeld

Mitbewohner haben gekocht: Mohammad (l.) und Mohannad aus Syrien sitzen in der Küche ihrer Unterkunft. Sie teilen sich den Raum mit zwölf anderen Flüchtlingen.
Mitbewohner haben gekocht: Mohammad (l.) und Mohannad aus Syrien sitzen in der Küche ihrer Unterkunft. Sie teilen sich den Raum mit zwölf anderen Flüchtlingen.

Zwei junge Männer kommen nach einer langen Odyssee im Kreis Pinneberg an. Sorge um ihre zurückgelassenen Familien ist quälend.

shz.de von
27. Juli 2015, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Zwei Betten. Ein Metallspind. Ein Tisch und vier Stühle. Auf etwa 15 Quadratmetern. Das ist das neue Zuhause für Mohammad und Mohannad. Die beiden syrischen Cousins leben seit Mitte Mai in Schenefeld. Ihre Familien haben sie zurückgelassen.

Manchmal macht Mohannad nachts kein Auge zu, sitzt bis sechs Uhr morgens in der Küche. „Ich mache mir unendlich viele Sorgen um meine Frau. Sie ist allein in der Türkei“, sagt der 29-Jährige. Die Dolmetscherin Jumana Husseini aus Elmshorn übersetzt. „Das macht mich fertig. Dann überkommt mich das Gefühl: Egal was passiert, ich muss zurück in die Türkei“, sagt Mohannad während eines Treffens in der vergangenen Woche.

Die beiden sind zufrieden mit ihrer Unterkunft. Der Schenefelder Flüchtlingsbeauftragte helfe, wo er könne. Aber die beiden klagen über so viele Versprechungen, die ihnen von Behörden gemacht würden, ohne dass etwas passiere. „Die kleine Küche teilen wir uns mit zwölf anderen Bewohnern des Hauses. Für fünf bis acht von uns gibt es einen kleinen Kühlschrank“, sagt Mohammad. Sie hätten bei der Stadtverwaltung in Schenefeld auch um einen zusätzlichen Herd gebeten. Passiert sei nichts.

Zweieinhalb Monate zuvor, ein Morgen Mitte Mai: In Pinneberg regnet es in Strömen. Elf Grad Celsius zeigt das Thermometer, als sich um 9.45 Uhr ein kleines Team der Diakonie mit einem Kleinbus auf den Weg nach Elmshorn macht. Am Steuer sitzt Marita Schlichting. Die Pinnebergerin kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge. Sie wird heute mit Jumana Husseini Neuankömmlinge aus Elmshorn abholen, sie zu den Behörden und in ihre Unterkünfte bringen. Mit dabei sind der Wedeler Hüseyin Inak und andere Helfer.

In der Elmshorner Ausländerbehörde, die Teil der Kreisverwaltung ist, herrscht geschäftiges Treiben. Menschen mit Plastiktüten und Reisetaschen betreten den blauen Linoleumboden im Warteraum. An den Tischen mit hellem Furnier sitzen Menschen und warten. Sie warten darauf, dass die Nummern der kleinen Zettel in ihren Händen auf einer blinkenden Anzeigetafel erscheinen. Die schweren Bürotüren sind verschlossen. Sie haben Spione und Briefschlitze.

Treffen wird zum Ratespiel

Schlichting, Husseini und Inak warten auf „ihre“ Flüchtlinge. Sechs sollen es heute sein. An anderen Tagen waren es auch schon mal 20. Das erste Treffen wird zum Ratespiel. Name, Alter, Geschlecht und Herkunftsland kennt das Diakonie-Team. Mehr nicht. Fotos gibt es keine.

Es ist 11.30 Uhr. Die ehrenamtlichen Helfer schauen ungeduldig auf die Uhr. Mitarbeiter deutscher Behörden gehen pünktlich in die Mittagspause. Und bevor die Ankömmlinge in ihre Unterkunft gebracht werden, sind noch etliche Ämter abzuklappern. „Der Erstkontakt ist sehr wichtig“, sagt Inak. Die Diakonie-Leute wissen nicht, ob sie die Flüchtlinge nach dem ersten Treffen jemals wiedersehen werden. „Aber wir wollen zeigen, dass wir bei Problemen helfen können“, sagt Inak.

Zwei junge Männer kommen in den Warteraum. Der eine, Anfang 30, kurzrasierte Haare, hat Schultern wie ein Gewichtheber. Auf dem Rücken trägt er einen blauen Kinderrucksack und im Gesicht ein gewinnendes Lächeln. Sein Begleiter ist etwas jünger, schmächtig. Seine dunklen Haare sind schulterlang, die Stimme nasal. Seine Habe hat er in die Plastiktüte eines Discounters gestopft. Es sind Mohammad (31) und Mohannad (29). Die beiden Syrer sind Cousins. Es sind zwei von sechs, auf die Schlichting, Husseini und Inak warten.

Husseini ist als Dolmetscherin dabei. Ihre Eltern sind in den 1980er-Jahren aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Die 24-Jährige ist in Elmshorn geboren. Sie ist Deutsche. Nun geht sie zu Mohammad und Mohannad, begrüßt die beiden auf arabisch, bringt sie zu einem der Tische, wo sie mit ihren Nummern warten. Jetzt hat Schlichting ein paar Minuten, mit Husseinis Hilfe den Diakonieverein Migration vorzustellen. In den kommenden fünf Stunden werden die Syrer mit Informationen abgefüllt.

Am Schalter der Elmshorner Ausländerbehörde geht es um Ausweispapiere, Zuweisungsverfügungen, Aufenthaltsgestattungen, Asylanträge. Die Mitarbeiter der Verwaltung sind freundlich bemüht. Doch die Gruppe der Wartenden ist groß. Es bleibt keine Zeit für lange Erklärungen. Mohammad und Mohannad überfliegen ein Din-A4-Blatt mit Belehrungen auf arabisch und zeichnen reihenweise Dokumente ab. Sie machen nicht den Eindruck, als verstünden sie, was sie dort unterschreiben. „Es ist unfassbar, wie viele Zettel die vorgelegt bekommen“, sagt Schlichting. Zack, zack, weiter gehts.

Schlichting steuert den Wagen auf die Autobahn in Richtung Süden. Ziel ist die Stadtkasse. Dort bekommen die Syrer 138 Euro Taschengeld für die nächsten zwei Wochen. 300 Euro monatlich müssen danach zum Leben reichen. Das Geld gibt es jedoch nicht in bar. Die beiden Syrer bekommen eine Art Scheck, den sie bei der Pinneberger Sparkasse einlösen sollen. Für den Scheck gibt es am Bankschalter eine Einweg-EC-Karte. Damit gehen sie zum Automaten, der die Karte schluckt und Bares spuckt. Wer dabei keinen Dolmetscher an der Seite hat, ist aufgeschmissen.

Von Amt zu Amt: Wettlauf gegen die Zeit

Schlichtings Handy klingelt. Die Stadtverwaltung Schenefeld ist dran. „Wo bleiben Sie?“, fragt jemand. Die Gruppe ist spät dran, weil Mohammad und Mohannad am Morgen auf ihrem Weg vom Erstaufnahmelager in Neumünster versehentlich bis nach Hamburg gefahren sind, statt in Elmshorn auszusteigen. Für das Einwohnermeldeamt in Schenefeld ist es nun zu spät. Die Gruppe muss bis zum Nachmittag warten. Es bleibt Zeit für einen kurzen Einkauf. Fladenbrot, Datteln, Tee und Oliven kaufen die beiden Syrer in einem türkischen Geschäft. Das schmeckt nach Heimat. In einem Supermarkt wandern ein paar Toilettenartikel in den Einkaufswagen.

Mohammad und Mohannad reden wenig. Auf dem Weg nach Schenefeld erzählen sie etwas von ihrer langen Reise nach Deutschland. Sie kommen aus Deir ez-Zur, einer 200.000-Einwohner-Stadt im Osten Syriens. Etwa 170 Kilometer sind es von dort bis zur türkischen Grenze. Von der Türkei sind sie über das Mittelmeer nach Griechenland geflohen. Schlepper brachten sie dann mit dem Auto bis nach Deutschland. Mit dem Zug fuhren sie Richtung Norden, bis sie von der Bundespolizei aufgegriffen und nach Neumünster gebracht wurden.

Im Büro des Schenefelder Flüchtlingsbeauftragten dudelt leise Musik aus einem schlichten Radio. Kakteen stehen auf der Fensterbank, das Wohngeldgesetz und ein Stempelkarussel auf dem Schreibtisch. Von dem Flüchtlingsbeauftragten bekommen sie ihre neue Adresse. Nächste Ziele sind Sozialamt und Bürgerbüro. Dort geht es etwa um gelbe Säcke und Mülltrennung. Es sind die ersten Eindrücke von der deutschen Lebensweise.

Am späten Nachmittag kommen sie endlich in ihrer Wohnung an: Zwei Betten. Ein Metallspind. Ein Tisch und vier Stühle. Auf etwa 15 Quadratmetern. Das ist das neue Zuhause für Mohammad und Mohannad.

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