Die Schauspielerin im Interview : Neda Rahmanian: „Ruhe ist mein größter Stärkepol“

Ab 7. Juni im Kino zu sehen: Die Hamburger Schauspielerin Neda Rahmanian.
Ab 7. Juni im Kino zu sehen: Die Hamburger Schauspielerin Neda Rahmanian.

Die Hamburgerin über ihren neuen Film und die Kroatien-Krimis, über Heimat und persönliche Sehnsüchte.

shz.de von
02. Juni 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Es ist eine ganz andere Neda Rahmanian, die demnächst im Kino bewundern ist: Nicht die durchsetzungsstarke, mit allen Wassern gewaschene TV-Kommissarin aus den Kroatien-Krimis, mit denen der ARD neben „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ ein neues Erfolgsformat gelungen ist, sondern eine willensstarke, aber sensible Filmregisseurin spielt die persisch stämmige Hamburgerin in dem Film von Shirin Neshat.

Als Regisseurin Mitra versucht sie in dem Film den Erfolg der ägyptischen Kultsängerin Oum Kulthum zu ergründen, die zwischen 1920 und 1970 zu einem Mythos in der arabischen Welt wurde. Gefeiert als Maria Callas des Orients, verglichen mit dem Kult um die Beatles, umjubelter weiblicher Star in einer männerdominierten islamischen Gesellschaft, in der die Regisseurin bei den Dreharbeiten allerdings an ihre Grenzen kommt.

Brücken bauen ist ihr ein Anliegen

Entspannt und bester Stimmung sitzt Neda Rahmanian (39) im jüdischen Café Leonar am Hamburger Grindel. Es ist einer ihrer Lieblingsplätze in dem Quartier, in dem sie sich besonders zuhause fühlt. Bunt, entspannt, gelassen. Sie mag das Viertel rund ums Abaton-Kino am Rande der Universität. Irgendwann möchte sie hier leben. Vielleicht, um sich nach ihrer Karriere als Schauspielerin doch noch ihren heimlichen Wunsch zu erfüllen:, die Eröffnung eines eigenen Restaurants? „Ich weiß nicht, ob meine Zeit in diesem Leben noch dafür reicht,“ sagt sie und lacht laut, „aber ich könnte mir das sehr gut vorstellen“. Wenn das jemals passieren würde gäbe es dort „Neda-Essen“, so viel ist sicher: „Alles das, was Neda richtig lecker findet, europäische Küche mit sehr starken Einflüssen aus der persischen Küche.“ Dann wird sie wieder eine Spur ernster: „Eine Brücke zwischen den Kulturen kann es auch im Kulinarischen geben“. Und Brücken bauen, ist ihr ein Anliegen. Deshalb hofft sie, dass viele Menschen ihren Film sehen: „Auf der Suche nach Oum Kulthum“, Kinostart 7. Juni.

Sie ermitteln zur Zeit eigentlich als eine der beliebtesten TV-Kommissarinnen, sind aber demnächst im Kino auf ganz anderer Fährte. Da spielen Sie eine iranische Filmregisseurin auf der Suche nach den Geheimnissen einer ägyptischen Kultsängerin aus den dreißiger bis sechziger Jahren. Was hat Sie an der Rolle gereizt?
Die Zwiespältigkeit dieser Figur, die Ratlosigkeit der Regisseurin Mitra in einer Situation, in der sie Beruf und Privatleben fast zermürben, ihr Spagat zwischen Kampf und Niederlage in einer männlich dominierten Welt. Und dann natürlich auch die Auseinandersetzung mit der Sängerin Oum Kulthum, die bis heute eine Ikone der arabischen Welt ist. Die Tatsache, dass diese Figur, mit der ich in meiner Kindheit ein Stück weit aufgewachsen bin, überhaupt in einem Film in Europa auftaucht, fand ich sehr spannend.

Der Film ist kein so genannter Blockbuster, sondern ein stiller, aber eindringlicher Arthouse-Film für Programmkinos, und keine ganz einfache Kost. Warum sollte man sich in Deutschland einen Film über eine arabische Sängerin aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts anschauen?
Warum nicht? Dass man hier bislang überhaupt keinen Bezug zu dieser außergewöhnlichen Frau hat, könnte genau der Anreiz sein. Zudem ist es vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatte über die Rolle der Frauen, den weiblichen Heldinnen und Vorbildern, auch ein Blick über den eigenen Tellerrand, zu entdecken, was es für eine weibliche Heldin und Ikone in den sechziger Jahren in der arabischen Welt gab. Das sind und bleiben Frauen, denen wir in der Gegenwart einiges zu verdanken haben, auch wenn es momentan in der arabischen Welt leider ganz anders aussieht. Das während der Dreharbeiten noch einmal vergegenwärtigt zu bekommen, fand ich unglaublich.

 

Es ist nicht nur ein Film über einen Mythos, sondern ebenso über die Regisseurin Mitra, die sich gegen eine männliche Geschichtsschreibung durchsetzen muss, die sich gegen Chauvinismus in der Filmbranche behaupten und zugleich mit ihren Emotionen gegenüber der eigenen, iranischen Heimat klar kommen muss. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?
Ich würde jetzt nicht den Chauvinismus der Männerwelt als Reibungspunkt in meiner Vita bezeichnen, ich komme mit der Welt um mich herum, egal wie sie gepolt ist, mit Männern und mit Frauen, ganz gut klar. Sich durchsetzen in einer männlich dominierten Film- und Theaterbranche müssen sich alle Frauen, das ist jetzt erst mal nichts Außergewöhnliches. Aber natürlich ist das kein biografischer Film über eine großartige Künstlerin, sondern ein Film über zwei Frauenfiguren, bei dem die Regisseurin Mitra in einem ganz persönlichen Zwiespalt mit ihren Ansichten in dieser „Produktions-Männerwelt“ steckt, zwischen ihren eigenen Wahrheiten und den Realitäten, denen sie sich anpassen soll. Das hat diese Figur für mich besonders spannend gemacht.

Haben Sie während der Dreharbeiten viel an Ihr Geburtsland denken müssen?

Nein, an mein Geburtsland musste ich tatsächlich nicht viel denken, dazu fand ich es viel zu aufregend, in Marokko zu drehen. Ich war nie zuvor in Casablanca, und es war für mich ein Debut, auf Farsi, meiner ersten Muttersprache, zu spielen. Eine wirklich fantastische Erfahrung, die mir große Freude gemacht hat. Ich finde, man klingt in jeder Sprache anders, und man ist auch irgendwie ein wenig anders.

Sie sind mit Ihren Eltern 1983 nach Deutschland gekommen als Sie viereinhalb Jahre alt waren. Warum?
Ein Teil meiner Familie, die Brüder meiner Mutter, lebte schon seit 40, 50 Jahren in Deutschland. Die politische Situation im Iran war kritisch, also sind wir auch geblieben.

Sie werden öffentlich oft als Perserin vorgestellt. Fühlen Sie sich so?
Ich bin ja Perserin, eine deutsche Schauspielerin mit persischen Wurzeln, das ist in Ordnung. Ich sehe so aus, bin im Iran geboren und habe persische Eltern. Ich finde die Bezeichnung „Perserin“ oder wirklich auch „Ausländerin“ viel echter und klarer als „ Migrationshintergrund“. Ich mag dieses Wort nicht und den Anteil an „Hintergrund“ überhaupt schon gar nicht.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist sehr ein abstraktes Wort geworden. Für mich bedeutet Heimat Liebe, Wärme und Verbundenheit. Heimat bedeutet Geborgenheit, die kann überall sein. Ich kann sie in der Musik haben, die ich höre, wenn ich Heimatgefühle bekomme, ich kann sie mit Freunden haben, sogar in einem Telefonat mit meiner Familie.

Was ist dann also Hamburg?
Hamburg ist mein Zuhause. Wenn ich unterwegs bin für Dreharbeiten bleibe ich dennoch immer verbunden mit meiner „Basisstation“. Gott sei Dank gibt es Telefon und noch andere Möglichkeiten, die das Fernsein erheblich erleichtern, ein gewinn unserer Zeit.

In dem Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ spielt Neda Rahmanian Mitra. Der Film - hier in einer Szene mit Kollegin Najia Skalli Oum Kulthum kommt am 7. Juni in die deutschen Kinos.
RazorFilm/NFP/dpa

In dem Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ spielt Neda Rahmanian Mitra. Der Film - hier in einer Szene mit Kollegin Najia Skalli Oum Kulthum kommt am 7. Juni in die deutschen Kinos.



Macht es Sie manchmal heilfroh, dass Ihre Eltern nicht in Aschaffenburg geblieben sind, Ihrer ersten Station in Deutschland?

Ja, doch (lacht). Aber ich bin auch dankbar. Aschaffenburg war eine extrem coole Zeit, und wenn ich da nicht gewesen wäre, könnte ich jetzt auch nicht hessisch babbeln. Ich finde es echt super, dass ich so Deutsch gelernt habe, und es gibt darüber immer wieder Momente zum Lachen.

Zwischen Teheran und Hamburg liegen Welten. Was schätzen Sie an Hamburg im Vergleich?
Sie werden lachen, das Wetter: Ich mag das Hamburger Wetter, inklusive Regen und Nebel, das ganze Schietwetter. Die meisten Menschen denken, nur weil ich aus dem Iran bin, müsste ich Sonne, Hitze und all das super finden. Ich mag Sonne, gar keine Frage, aber ich muss es nicht permanent und auch nicht so heiß haben. 

Und sonst?

Diese beiden Städte kann man wirklich überhaupt nicht miteinander vergleichen. Ich liebe Hamburg mit seiner handfesten, hanseatischen Art, wo es immer ein Feingefühl für das Schöne gibt. Teheran ist Rock‘ Roll, Zuckerbrot und Peitsche, und vieles mehr, dass ich nicht in Worte fassen kann. Hamburg fühlt sich richtig an, das Indigoblau und die Ruhe des Wassers paaren sich gut mit meiner Temperatur.

Im Frühsommer haben Sie zwei weitere Folgen des Kroatien-Krimis um die taffe Kommissarin Branka Maric abgedreht. Was gefällt Ihnen an dieser Figur besonders?

Bei Branka Maric ist immer Alarm (lacht). Sie ist mit Leib und Seele Kommissarin, liebt ihre Arbeit und hat tatsächlich auch so einige Männer in ihrem Umfeld, gegen die sie sich aber einfach durchsetzt, da wird nicht lang gefragt. Schwieriger ist es mit den Männern in ihrem Privatleben, da gibt es mehr als einen, die Kommissarin ist wundervoll unkorrekt, da sind so viele Baustellen auf einmal zum Spielen, herrlich.

Was davon würde Neda Rahmanian gut gefallen?

Ach, frech und vorlaut, das überlasse ich gern der Branka. Mir gefällt es, so einen Charakter zu spielen, damit meine Temperatur und Unruhe zu katalysieren. Gott sei Dank ist in meinem eigenen Leben, vielleicht auch gerade als Kontrast, die Ruhe mein größter Stärkepol. Klar, meinen sehr eigenen Kopf in vielen Dingen habe ich auch, das bringt genug Schwung in mein Leben.

Der taffen Kommissarin wurde schon mal der Stempel „weiblicher Schimanski“ verpasst. Mögen Sie den Männervergleich?

Och, ich empfinde das als Kompliment, ich lasse das einfach so stehen. Schimanski ist Schimanski, eine historische Institution in unseren Krimi-Formaten, ein Ur-Urgestein, und wenn man sagt, Branka Maric ist die weibliche Schimanski, warum nicht?

Sie haben mal gesagt, schöne Männer finde ich toll, gutes Essen macht mich schwach. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Was wäre erste Priorität?

Die gibt es nicht, da entscheide ich mich nicht. Wo kämen wir denn da hin. 

Neda Rahmanian persönlich

Alster oder Elbe? Alster, weil ich am Alsterlauf  in Poppenbüttel groß geworden bin und sehr gern an der Außenalster sitze.

Grindel oder Winterhude? Grindel ist bunt, ich mag die Vielfalt, die schöne Lässigkeit, auch mit der Universität und dem Abaton-Kino, dem Zentrum des Hamburger Filmfestes.

Gulasch oder Tschelo-Kebab? (lacht) Tschelo-Kebab, wenn ich wählen müsste. Ich bin damit aufgewachsen, habe es aber noch nie selbst gemacht, das macht mein Vater. Das ist die Meisterdisziplin. Das kocht man nicht einfach so, das muss man können.

Sport oder Couch? Sport, von Chigong bis Leichtathletik und Kraftsport. Für meinen Geist muss ich meinen Körper fit halten und pflegen, das heißt aber nicht immer nur Kraft und Ausdauer, sondern auch in den Fluss kommen, meine Mitte finden, zur Entspannung kommen.

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