Michael Stich im Interview : „Nächster Top-10-Spieler ist irgendwo da draußen“

Michael Stich: Nach dem Turnierdirektor am Rothenbaum ist in Elmshorn auch die neueste Sporthalle benannt worden.
Michael Stich: Nach dem Turnierdirektor am Rothenbaum ist in Elmshorn auch die neueste Sporthalle benannt worden.

Der Wimbledonsieger von 1993 ist heute Direktor des Hamburger Rothenbaum-Turniers. Für das kriselnde deutsche Herrentennis sieht er Hoffnung, aber keine Patentlösung.

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14. Juli 2014, 16:00 Uhr

Hamburg | Michael Stich (45) ist in Elmshorn aufgewachsen, machte als Tennisspieler eine Weltkarriere und ist inzwischen Turnierdirektor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum, das noch bis zum 20. Juli stattfindet. Im Gespräch äußert sich Stich über das deutsche Tennis und spricht über seinen Bezug zum Kreis Pinneberg sowie seine Stiftung.

Was macht den besonderen Reiz Ihrer Arbeit als Rothenbaum-Chef aus?
Es ist vor allem die Vielschichtigkeit der Aufgabe, die mich reizt. Meine Tätigkeit umfasst alle Bereiche des Turniers. Von der Akquisition und Betreuung der Spieler bis hin zu Marketing und Sponsoring. Und genau das ist, was mir Spaß macht.

Sie kennen das Turnier seit Jahrzehnten. Was hat sich verändert? Was ist besser und was schlechter geworden?
Das Turnier hat sich in der Vergangenheit immer weiterentwickelt. In den letzten fünf Jahren haben wir die Atmosphäre auf der Anlage kontinuierlich verbessert und stellen den Tennisfan jetzt wieder stärker in den Vordergrund. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Veränderungen. Die Qualität des Tennissports und das Rahmenprogramm waren immer auf einem sehr hohen Niveau.

Deutsche Spieler sind in der absoluten Weltspitze selten bis gar nicht vertreten. Woran liegt das?
Da fehlen häufig nur Kleinigkeiten. Das war schon vor einigen Jahren so, als wir mit Haas, Kiefer und Schüttler ja noch drei Top-10-Spieler hatten. Das Niveau war da. In den entscheidenden Momenten fehlten nur die mentale Stärke und der absolute Wille, auch den letzten Schritt zu tun.

Welche Voraussetzungen muss jemand erfüllen, der nach oben will?
Wichtig sind Fleiß, Zielstrebigkeit, Talent und der unbedingte Wille, das Ziel zu erreichen. Nur so kann man es bis ganz nach oben schaffen.

Gibt es deutsche Talente, die das Zeug zum Weltklassespieler haben, zum Beispiel Alexander Zverev?
Das ist in jungen Jahren immer schwer zu sagen. Der nächste Top-10-Spieler ist mit Sicherheit irgendwo da draußen. Alexander Zverev hat sehr gute Anlagen, ist aber trotz allem erst 17. Man muss abwarten, wie er sich in den nächsten Jahren entwickelt.

Sie sind in Pinneberg geboren und Ihre Karriere startete beim LTC Elmshorn. Haben Sie noch Bezug zum Kreis Pinneberg?
Ich bin in Elmshorn aufgewachsen und ein Teil meiner Familie lebt immer noch dort. Deshalb habe ich die Verbindung zu meiner alten Heimat auch nie verloren. Außerdem lebe ich in Hamburg ja nicht weit vom Kreis Pinneberg weg.

Mit Angelique Kerber, Mona Barthel, Julia Görges und Tobias Kamke kommen zahlreiche deutsche Spitzenspieler aus Schleswig-Holstein. Woran liegt das?
Das kann ich im Detail nicht beurteilen. Aber wahrscheinlich liegt das an dem Fördersystem im Landesverband Schleswig-Holstein, das Früchte trägt.

Die von Ihnen 1994 gegründete Michael-Stich-Stiftung setzt sich für an HIV-infizierte und -betroffene Kinder ein. Wieso ist dieses Engagement Ihnen so wichtig?
Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt, deshalb ist es mir wichtig, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Mit der Stiftung möchte ich Menschen helfen, denen es nicht so gut geht und die aufgrund ihrer Krankheit ausgegrenzt werden.

Geht unsere Gesellschaft aus Ihrer Sicht angemessen mit dem Thema „AIDS“ um?
Nein, das ist leider nicht der Fall. Es ist immer noch ein Tabu und wird für mich viel zu selten thematisiert. HIV mit der Folge Aids ist noch immer eine tödliche Infektion, auch wenn sie inzwischen zum Teil verharmlost wird. Für viele hat die Krankheit noch immer etwas Schmutziges, da die meisten einfach zu wenig über HIV wissen. Deshalb sind Aufklärung und Prävention neben der Soforthilfe auch ein wichtiger Aspekt unserer Stiftungsarbeit.

Turnier am Rothenbaum

Weltklassetennis erwartet die Besucher derzeit am Hamburger Rothenbaum bei den bet-at-home Open. Insgesamt zehn Profis aus den Top 30 der Weltrangliste starten noch bis zum 20. Juli bei dem ATP-Turnier. Eintrittskarten für  die bet-at-home Open sind telefonisch unter der Rufnummer 040-238804444 oder per E-Mail an tickets@bet-at-home-open.com erhältlich. Tagestickets gibt es ab 29 Euro.

Zur Person Michael Stich

Michael Stich (45) ist in Pinneberg geboren und in Elmshorn aufgewachsen. Er erlernte das Tennisspielen im Alter von sechs Jahren und begann seine Karriere beim LTC Elmshorn, für den er 1986 die deutsche Jugendmeisterschaft gewann. Als Profi gewann Stich insgesamt 18 Turniere im Einzel, darunter das Turnier von Wimbledon und die ATP-Weltmeisterschaft, sowie zehn Doppeltitel. Außerdem wurde er Olympiasieger und gewann den Daviscup. Seit Anfang 2009 ist Stich Direktor des Tennisturniers am Rothenbaum.

 
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