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Die „guten Zeiten“ sind vorbei : Nachtclubs, Bordelle, Appartementsex: Ehemalige Kiezgröße spricht über das horizontale Gewerbe im Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Etwa 30 Frauen bieten im Kreis Pinneberg sexuelle Dienstleistungen an – die meisten in Appartements. Weniger Kunden sorgen für mehr Konkurrenzkampf.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2016 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Die Reeperbahn gilt als die sündigste Meile der Welt. Nachtklubs grenzen an Bars und Bordelle und auf der Straße bieten Frauen ihre Körper für Geld an. Doch auch im Kreis Pinneberg ist Prostitution kein Fremdwort. Etwa 30 Frauen präsentieren sich auf einschlägigen Internetseiten. Mit dem „Club 195“ in Pinneberg und dem Nachtklub „Rendezvous“ in Barmstedt gibt es zwei Sexklubs in der Region. Der Rest passiere oft privat.

„Im Kreis Pinneberg ist Prostitution kein Schwerpunktthema für polizeiliche Arbeit und kein ,Problem“, so Sandra Mohr, Pressesprecherin der Polizeidirektion Bad Segeberg, mit. Konkrete Einzelfälle von Zwangsprostitution gebe es im Kreis Pinneberg nicht. „Es gab keine Umstände, die beispielsweise Bordelldurchsuchungen gerechtfertigt hätten“, sagt Mohr und ergänzt: „Im dem Milieu ist allerdings immer von einem Dunkelfeld auszugehen.“

„Die meisten bieten Appartementsex an“, sagt Thomas Müller (Name von der Redaktion geändert). Das größte Angebot gebe es in Rellingen, wo vier bis sechs Frauen ihre Dienstleistungen anböten. „Die Frauen haben alle gerechte Mietverträge und zahlen für eine Woche im Voraus. Was und wann die Frauen es machen, ist ihr Bier. Auch die Werbung“, sagt die ehemalige Kiezgröße. Warum im Kreis Pinneberg und nicht in Hamburg? „Wenn einer gesoffen hat oder schnell mal will, warum sollte er dann weit fahren?“, lautet die Gegenfrage. „Teilweise sind die nur zum Saufen in den Klubs. Ab 24 Uhr ist auf dem Land ja alles dicht. Und hier gibt es genug reiche Bauern.“

Dreimal saß Müller im Gefängnis. Immer wegen Drogen. „Ich habe dann im Knast überlegt, was ich mache. Ich kam raus und hatte Nichts. Da habe ich die Marktchancen abgeschätzt“, sagt der gebürtige Rumäne. Er wollte Frauen aus seiner Heimat holen. „Heute finden Sie kaum noch einen Laden, in dem keine Rumänin arbeitet“, sagt Müller. Der Grund: „Es geht denen zuhause noch schlechter als hier. Sie müssen teilweise für eine Packung Zigaretten ficken.“ Während die Frauen früher geschleust wurden, könnten sie heute durch die EU-Osterweiterung problemlos zum Arbeiten nach Deutschland reisen. „Die Frauen, die hierher kommen, um zu arbeiten, wissen genau, was sie tun“, sagt er. Die EU sei nur in den Großstädten angekommen. „Auf dem Land sieht es noch aus wie vor 100 Jahren ohne Sozialsystem. Einige arbeiten für 100 Euro im Monat“, sagt er. Viele hätten das Ziel den Familien zu helfen. Und erfänden Geschichten über ihre Tätigkeit. „Warum die Frauen kommen? Hier geht es ihnen selbst mit Prügel besser als zuhause.“

Müller hat nach eigener Angabe nie Zwang angewendet. Vier bis sechs Frauen hat er gleichzeitig betreut. „Ich habe ihnen Arbeit vermittelt“, sagt er. Das Wort Prostitution nennt er ebenso wenig wie Zuhälter. „Die Frauen haben mit mir abgerechnet. Nicht ich mit ihnen. Das ist ein gewaltiger Unterschied“, sagt Müller. Die Frauen hätten ihn aufgrund seines Rufs direkt angesprochen. Manchmal habe er einen Fahrer beauftragt, der Frauen aus Rumänien mitbrachte. „Ich habe ihm 500 Euro für den Transport gezahlt“, sagt Müller Menschenhandel sei es nie gewesen. „Sicherlich gibt es Zwangsprostitution, aber was ist Zwangsprostitution? Wenn nicht genug Geld reinkommt, gibt es auf die Schnauze. Das suchen sie sich doch selbst aus“, sagt Müller und ergänzt: „Die Frauen sind doch nicht blöd. Sie verdienen ihr eigenes Geld und können darüber bestimmen. Wer in Abhängigkeit gerät sucht sich das doch so aus.“

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„Wenn einer gesoffen hat oder
schnell mal will, warum sollte er dann weit fahren?“

Thomas Müller
Ehemalige Kiezgröße
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„Wenn eine Frau nicht arbeiten wollte, habe ich sie zu nichts gezwungen“, sagt Müller. Ein Urteil seiner letzten Verhaftung lobt seinen „vorbildlichen Umgang“ mit seinen Damen. Umsatzvorgaben gebe es nicht. Nicht mehr. „In den 1980er-Jahren gab es Vorgaben. Wenn der Umsatz nicht stimmte, mussten sie zur Frühschicht ins Eros Center“, berichtet er. Um wach zu bleiben, sei Captagon verabreicht worden, eine Alternative zu Amphetaminen, die seit 1986 auf die Liste der gefährlichen Drogen stehen. „Wir haben mal eine Frau zwei Tage stehen lassen, weil sie nichts verdient hat. Dann haben wir einem Geld gegeben, damit sie was verdient.“ Auch bei Neulingen seien die Freier teilweise bezahlt: „Um das Eis zu brechen.“

Der Einstieg in die Prostitution sei einfach. „Vier Dinge sind erforderlich: Über 21 Jahre alt sein, Gewerbeschein, Wohnanschrift und Steuernummer des Finanzamts“, sagt Müller ganz geschäftsmännisch. Dabei habe sich der Markt verändert. „Heute ist es nicht mehr wie früher“, sagt er. Die Begleiter dürften Frauen nur an der Tür absetzen und abholen. „Sie bekommen auch kein Geld mehr von den Klubbetreibern. Heute kriegen ausschließlich die Frauen ihr Geld. Was sie mit ihren Männern machen, ist ihr Ding“, erläutert die ehemalige Kiezgröße. Aber die „guten Zeiten“ seien vorbei.

400.000 Menschen leben von Sexarbeit

Wie viele Menschen in Deutschland ihr Geld mit Prostitution verdienen, ist unklar. In einem Protokoll des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2013 wird von 400.000 Frauen und Männern ausgegangen. Die Zahl soll von der Prostituierten-Interessenvertretung Hydra aus Berlin stammen und wurde vom Statistischen Bundesamt übernommen.

In Bordellen, zu denen das Bundesamt Bars, Klubs, Bordelle, Massagesalons und Partytreffs zählt, sollen 89.500 Frauen tätig sein. 71.600 verdienten auf Straßenstrichs ihr Geld und 60.000 Frauen und Männer bei Hostessendiensten. Der Bereich sonstige Prostitution betreffe etwa 179.000 Menschen und reiche von privaten Dienstleistern über Table-Dance-Bars bis Telefonsex. Auch Kinderprostitution fällt in diese Kategorie.

Auch für den Kreis Pinneberg oder Schleswig-Holstein liegen keine validen Zahlen vor. „Ich glaube, das weiß keiner“, sagt Claudia Rabe von der Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein. Anders als die Polizei berichtet sie allerdings von Problemen im Kreisgebiet. „Wir von der Fachstelle Contra beraten Frauen, die von Gewalt und Ausbeutung in der Prostitution bis hin zu Menschenhandel betroffen sind. Im Rahmen dieser Arbeit hatten wir in den letzten Jahren mit einzelnen Frauen aus dem Kreis Pinneberg zu tun, die Gewalt und Ausbeutung bis hin zu Menschenhandel in der Prostitution erlebt haben“, sagt Rabe. Konkrete Zahlen und Fälle nennt sie nicht.

Der Jahresumsatz der Prostituierten in Deutschland wird auf zwischen 14 und 15 Milliarden Euro geschätzt. Das Statistische Bundesamt geht derzeit von Etwa 14,6Milliarden Euro aus, die sich wie folgt unterteilen: 5,475 Milliarden Euro in Bordellen, 2,738 Milliarden Euro in der Straßenprostitution, 3,65 Milliarden Euro bei Hostessendiensten, 2,738 Milliarden Euro sonstige Prostitution.

Die Zahl der täglichen Freier wird übrigens je nach Quelle auf 1 bis 1,2 Millionen geschätzt. Das Statistische Bundesamt setzt folgende Preise für seine Berechnungen an: 50 Euro für den Geschlechtsverkehr in Bordellen, 25 Euro auf dem Straßenstrich und 100 Euro für Hostessendienste.

 

„Es gibt zu wenig Gäste. Viele machen es sich am Telefon oder vor dem Internet“, sagt Müller. Zudem hätten FKK-Läden viele Kunden abgegriffen. „Einmal Eintritt, Getränke, Wellness, Essen, 50 Frauen zur Auswahl – was will man mehr?“, fragt er. „Früher musste man in Klubs schon Nummern ziehen, um eine Nummer zu schieben.“ Der Konkurrenzkampf sei nun größer. „Die Frauen machen mehr“, sagt er und meint Verhütung. Sex ohne Kondom sei verbreitet: „Ich finde es nicht schlecht, wenn Gummis Pflicht werden. Der Freier wird bestraft, wenn er nicht will.“ Sein Fazit: „Die Zeiten sind vorbei, als gute Gäste kamen.“

Hat er Angst vor der Polizei? „Nein. Warum?“, fragt Müller als verbiete sich die Frage: „Ich habe versucht, mich über Anwälte schlau zu machen, dass ich nie mehr als eine Geldstrafe riskiere.“ Seine Tätigkeit wäre nur ein Verstoß gegen das Ausländerrecht gewesen. „Eine kleine Bewährungs- oder Geldstrafe“, sagt er. „Meine Verurteilungen waren alle wegen Drogen.“

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