Kreis Pinneberg : Nach verschiedenen Vorfällen feilen öffentliche Einrichtungen an Sicherheitskonzepten

Beim Sicherheitscheck im Amtsgericht Elmshorn: Wachtmeister Michael Clausen und Geschäftsleiter Thies Holm.
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Beim Sicherheitscheck im Amtsgericht Elmshorn: Wachtmeister Michael Clausen und Geschäftsleiter Thies Holm.

Aufrüstung am Arbeitsplatz: Nach diversen Vorfällen feilen öffentliche Einrichtungen an Sicherheitskonzepten.

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23. Januar 2015, 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Die Tür öffnet sich. Eine Kamera nimmt jeden Besucher ins Visier. Der Wachtmeister überblickt den Eingangsbereich aus sicherer Entfernung durch ein Glasfenster und öffnet die Eingangsschleuse. Dann der Gang durch den Metalldetektor, ein Gefühl wie am Flughafen. In stich- und schusssicherer Weste nimmt der Wachtmeister – wenn nötig – Leibesvisitationen vor. Niemand kann unbemerkt das Gebäude betreten oder verlassen – durch keine der Außentüren. Das ist kein Film. Das ist Alltag im Amtsgericht Elmshorn.

Ob Gerichte, Jobcenter, Finanzämter oder Kreisverwaltung: Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Konfliktsituationen, in denen Bürger ausrasteten – bis zum totalen Kontrollverlust. Erst vor fünf Monaten wurde in Rendsburg ein Mitarbeiter des Finanzamts erschossen. 2013 schlug ein aufgebrachter Behördenbesucher einem Mitarbeiter des Barmstedter Sozialamts ins Gesicht.

Im Jobcenter des Kreises Pinneberg käme es häufiger zu Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen, so Pressesprecher Jörg Kregel. „Sachbeschädigungen sind leider auch keine Ausnahmeerscheinung.“ Diese Vorfälle haben dazu beigetragen, dass auch im Kreis Pinneberg in Sachen Sicherheit in den vergangenen Jahren aufgerüstet wurde. Alarmknöpfe am Arbeitsplatz gehören in vielen Abteilungen der Amtsgerichte, Jobcenter, Arbeitsagenturen, Finanzämter, der Kreisverwaltung und der Stadtverwaltungen Elmshorn, Pinneberg und Wedel zum Standard. Ebenso Schulungen zu Konfliktsituationen. Schreibtische werden als Barrieren eingesetzt, Fluchtwege definiert und Experten der Polizei als Sicherheitsberater hinzugezogen.

Während es aus den Stadtverwaltungen Elmshorn, Wedel und Pinneberg keine Berichte zu Übergriffen oder erhöhtem Aggressionspotenzial gibt, sagt Oliver Carstens, Sprecher der Kreisverwaltung in Elmshorn: „Wir haben einige publikumsintensive Bereiche, wo das Klientel schwierig werden könnte. Zum Beispiel, wenn Fahrverbote sowie Bußgelder erteilt werden oder jemandem die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wird.“ In der Ausländerbehörde sei im Sommer 2013 eine Kollegin bedroht worden, sodass die Sicherheitsvorkehrungen für einige Tage verstärkt worden seien.

Anmeldung hinter Glas: Kreissprecher Oliver Carstens zeigt die Räume der Ausländerbehörde. (Foto: Jankowski)
Anmeldung hinter Glas: Kreissprecher Oliver Carstens zeigt die Räume der Ausländerbehörde. (Foto: Jankowski)
 

Im kinderfreundlich gestalteten Wartebereich der Ausländerbehörde fällt zudem auf, dass sich die Türen der Mitarbeiter von außen nicht öffnen lassen und es von den Büros Möglichkeiten gibt, die Warteräume zu überblicken. „Verschließbare Türen zwischen den Büros sind in bestimmten Abteilungen in Planung“, so Carstens. Dennoch stellt er klar: „Wir haben den Anspruch, ein offenes Haus zu sein und zu bleiben.“

Der Elmshorner Amtsgerichtsdirektor Harm Behnke sagt: „Dass jemand ein Messer oder eine Pistole zückte und über den Tisch sprang, haben wir noch nicht gehabt.“ Taschenmesser, Nagelfeilen sowie in vielen Fäller Cuttermesser würden den Besuchern am Eingang abgenommen. Behnke und Geschäftsleiter Thies Hollm wissen, dass den Entscheidern Fälle unterlaufen, in denen sich Menschen in die Ecke gedrängt fühlen. „Das kocht auch mal hoch“, so Behnke.

Bei Großverfahren mit Bezug zu einem politisch radikalen Bereich halte das Land die Mobile Einsatzgruppe (MEG) vor – speziell ausgebildetes Sicherheitspersonal. „Wir bemühen uns, den Spagat zwischen Sicherheitsvorkehrungen und Bürgerfreundlichkeit hinzubekommen. Die Resonanz in der Bevölkerung ist sehr positiv“, so Behnke. „Es gibt keine Beschwerden, kein Murren, sondern die Bürger fühlen sich sicherer.“

Sicherheitsdienst mit „deeskalierendem Auftreten“

„Nach dem tragischen Vorfall im Jobcenter Neuss im Jahr 2012, bei dem eine Mitarbeiterin tödliche Verletzungen davongetragen hat, hat das Jobcenter Kreis Pinneberg sein Schutz- und Sicherheitskonzept weiter ausgebaut“, so Jörg Kregel, Sprecher des Jobcenters. „Die Kunden, die das Jobcenter besuchen, sind im Verhalten nicht besonders auffällig. Jedoch darf nicht ausgeblendet werden, dass es sich oftmals um die Sicherung der Existenz dreht“, so Kregel. Teilweise seien die persönlichen Erwartungen nicht in Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen zu bringen. „Da ist es vereinzelt schon so, dass Emotionen überkochen.“ Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen kämen häufiger vor, 27 Hausverbote seien in den vergangenen zwei Jahren ausgesprochen worden. „Häufig bedauern die Personen im Nachhinein jedoch ihr Verhalten“, so Kregel.

Mittlerweile gebe es einen Mitarbeiter für  Kundenbeschwerden, Schulungen zur Kommunikation sowie zu Deeskalationsstrategien in Kooperation mit der Polizei. Fluchtwege würden regelmäßig überprüft. Für den Notfall gebe es an jedem Arbeitsplatz Alarmrufmöglichkeiten. Ein Sicherheitsdienst sei mit „deeskalierendem Auftreten“ präsent. In den Geschäftsstellen der Agentur für Arbeit im Kreis Pinneberg zeichnet sich ein etwas anderes Bild. Von zwei bis drei Hausverboten in den vergangenen Jahren ist die Rede.

Zwar gebe es ähnliche präventive Vorkehrungen wie in den Jobcentern. Sprecher Gerold Melson bestätigt, dass jedoch weder der Einsatz von Sicherheitsdiensten, Einlasskontrollen oder Glasscheiben im Kundenkontakt als praktikable Möglichkeiten angesehen werden. „Die Agentur für Arbeit bietet soziale Dienstleistungen für Menschen an. Ein offener Zugang und vertrauensvolle Gespräche müssen dafür möglich sein.“

Neue Konzepte nach Mordfall im Finanzamt

Er machte die Behörde für seine finanzielle Misere verantwortlich und wurde zum Todesschützen: Fast fünf Monate ist es her, seitdem ein Steuerberater mit einer Pistole  einen 57-jährigen Beamten des Finanzamts Rendsburg erschoss. Vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft Kiel die Anklage wegen Mord aus Heimtücke erhoben. In den Finanzämtern Schleswig-Holsteins wird derweil in Sicherheitsangelegenheiten aufgerüstet.

„Finanzministerin Monika Heinold hat das tragische Ereignis  zum Anlass genommen, eine Arbeitsgruppe im Finanzministerium einzurichten, die derzeit ein umfassendes Sicherheitskonzept für die Finanzämter erarbeitet“, heißt es von Christoph Hermann, Sprecher des Ministeriums. Bisher existieren bereits in allen Finanzämtern – so auch in Elmshorn und Pinneberg – in einigen Arbeitsbereichen Möglichkeiten für die Mitarbeiter, bei Gefahr Alarm auszulösen. Für Strafsachen und Fahndungsstellen erfolge in Elmshorn eine Unterbringung in räumlich getrennten Bereichen, so Herrmann.

Nun wolle die Arbeitsgruppe das bestehende Alarmsystem erweitern, ein Schulungskonzept zum Thema Eigensicherung entwickeln und Bauempfehlungen der Polizei bei allen anstehenden Baumaßnahmen berücksichtigen. Hermann betont: „Die Steuerverwaltung des Landes Schleswig-Holstein bleibt aber trotz des tödlichen Angriffs auch in Zukunft eine offene und bürgerfreundliche Verwaltung.“

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