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Druck auf den Vorstand wächst : Nach Kindesmissbrauch durch einen Vereinstrainer steht der TuS-Holstein Quickborn unter Beschuss

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ein Gründungsmitglied des Vereins fordert Rücktritte. Die Klubführung äußert sich vorerst nicht. Die Beratungsstelle Wendepunkt wehrt sich gegen die Vorwürfe.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2016 | 10:00 Uhr

Quickborn | Es ist der 1. Februar, als Uwe Langeloh kopfschüttelnd über den Flur des Landgerichts in Itzehoe schleicht. „Dass ich das noch erleben muss“, sagt der 80-Jährige. In Saal 11 ist soeben der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen einen Ex-Trainer des TuS Holstein Quickborn zu Ende gegangen. Er hatte von Frühjahr 2013 bis Sommer 2015 drei Schützlinge aus seiner Mannschaft sexuell missbraucht. Vor Gericht sagen zwei Betreuer aus, die Vereinsführung bereits 2013 über einen Verdacht informiert zu haben. Der 42-jährige Ex-Trainer wird am vergangenen Montag zu 22 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Nachdem ein Ex-Trainer des TuS Holstein Quickborn wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs von 2013 bis 2015 zu 22 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, hat die Staatsanwaltschaft entschieden in Revision zu gehen. Die Ankläger hatten drei Jahre Gefängnis ohne Bewährung gefordert.

Langeloh ist ein Urgestein des Vereins. 1947 tritt er dem Vorgängerclub FC Holstein Quickborn bei und wird 1955 Gründungsmitglied des TuS. Jetzt redet er Klartext: „Der Vorstand muss weg. Dass unser Vereinschef Jürgen Sohn und sein Stellvertreter Hartmut Leutner so früh davon gewusst und nichts getan haben, ist unfassbar“, sagt der ehemalige Bezirksliga- und Altherren-Kicker, der heute ehrenamtlicher Kassenwart der Fußballer ist. Bereits während der nächsten Mitgliederversammlung dürften die beiden nicht mehr auf ihren Posten sitzen, fordert Langeloh.

Sein Vorwurf:  Der Vorstand habe versäumt, den damaligen Trainer frühzeitig von seinen Aufgaben freizustellen. Das hätte er tun und danach den Verdacht klären müssen, so Langeloh. „Die Richterin hat es nach ihrem Urteil ja gesagt: Vieles hätte verhindert werden können. In der Vorstandsetage rührt sich bis heute niemand. Die denken, sie hätten alles richtig gemacht. Jetzt hilft nur noch ein Neuanfang.“

Die Missbrauchsvorwürfe machte der Verein erst im September 2015 öffentlich, nachdem die Mutter eines betroffenen Jungen im Juli Anzeige erstattet hatte. Doch wann genau erfuhr der Vorstand erstmals von Verdächtigungen? Wann informierte er die Polizei? Wie will der Verein in Zukunft ähnliche Fälle verhindern? Hat der Vorstand Fehler gemacht? Diese und etliche weitere Fragen stehen im Raum. Antworten darauf geben Sohn und Leutner vorerst nicht. Sohn sagt stattdessen: „Wir  haben uns bewusst während des Prozesses nicht geäußert, um nicht in das Verfahren einzugreifen. Das Statement wird noch zwei, drei Tage dauern, und ich will dem nicht vorgreifen. Aber wir möchten den Vorwurf entkräften, dass wir von den Vorfällen gewusst, aber nicht gehandelt hätten.“

Leutner sagt: „Wir werden Stellung nehmen, aber in Zusammenarbeit mit unserem Rechtsanwalt. Der Rechtsanwalt muss Einblick in Prozessakten nehmen, um zu prüfen, was genau gesagt worden ist. Wir müssen Aufklärung betreiben. Es muss einiges geradegerückt werden, und das werden wir tun.“

Kritik am Wendepunkt

Außer den beiden TuS-Vorstandsmitgliedern geriet auch die Beratungsstelle Wendepunkt in Elmshorn in die Kritik. Sie soll Hilfesuchenden geraten haben, nicht zur Polizei zu gehen. Während der Verhandlung sagten die beiden Betreuer, die als Zeugen geladen waren, dass sie den damaligen Trainer mit einem der Jungen im Duschraum erwischt hätten. Das Kind habe später bestätigt, dabei am Geschlechtsteil angefasst worden zu sein. Richterin Isabel Hildebrandt und Staatsanwältin Dagmar Staack fragten die Betreuer daraufhin ungewohnt vehement, warum sie nicht die Polizei über den Verdacht des Kindesmissbrauchs informiert hätten. Einer der Zeugen sagte, dass er damit einer Empfehlung des Wendepunkts gefolgt sei.

Dirk Jacobsen,  Leiter der Traumaintervention, Beratung und Erziehungshilfen im Wendepunkt, weist die Kritik zurück: „Es hat im Mai 2013 ein Beratungsgespräch gegeben, an dem auch ein Betreuer beteiligt war. Die Vorwürfe waren aber nicht so konkret, wie sie scheinbar im Gericht geäußert wurden. Deswegen haben wir nicht zur Anzeige geraten. Man muss auch aufpassen, niemanden zu verleumden.“ Seine Einrichtung bietet unter anderem Hilfe für sexuell missbrauchte Kinder an. In dem konkreten Fall hätten betroffene Kinder aber nicht an dem Gespräch teilgenommen.

Jacobs äußert sich mit Hinweis auf seine Schweigepflicht nicht zu Details des Gesprächs. „Es wurde aber protokolliert.“ Mit den Ratsuchenden sei damals vereinbart worden, dass sie offene Fragen klären und sich wieder beim Wendepunkt melden. „Das ist nicht passiert. Wir haben stattdessen selbst nachgehakt. Es war seitens der Ratsuchenden keine Bereitschaft zu erkennen, der Sache weiter nachzugehen.“

Warum der Wendepunkt nicht die Behörde informierte? „Wir können nicht eigenständig tätig werden, weil wir wie Ärzte der Schweigepflicht unterliegen“, sagt Jacobsen. Grundsätzlich werde Ratsuchenden in klaren Fällen empfohlen, Anzeige zu erstatten. „Einzige Ausnahme: Das Opfer möchte es nicht.“

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