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Pinneberg : Nach dem Fahrstuhl-Drama: Die Mieter haben Angst

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Kriminalpolizei Pinneberg leitet ein Todesermittlungsverfahren ein. Der Vermieter Vonovia SE weist die Schuld zurück: Der Fahrstuhl war intakt.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 12:30 Uhr

Pinneberg | Der rot-weiße Plattenbau am Hindenburgdamm in Pinneberg ragt mit seinen elf Etagen am Rande der Banswiesen hoch empor. Im Eingangsbereich des Gebäudes, in dem knapp 100 Parteien leben, blättert langsam die Farbe ab. An einigen Stellen sind die Fliesen gebrochen. Türen am Laubengang auf dem Dach rosten Wind und Wetter bedingt vor sich hin. Schimmel wuchert auf dem Dachboden über die Wände. Das Treppenhaus ist mit Graffitis überzogen.

Doch das war nicht immer so. „In den 1970er Jahren war die Anlage bestens. Wir hätten es uns nicht besser vorstellen können“, erinnert sich Mieter Klaus Panje. Mittlerweile schämten seine Frau Inge und er sich für die Anlage, wenn sie Besuch empfingen. Die beiden Senioren wohnen seit der Fertigstellung des Gebäudes im obersten Stockwerk.

Der sprichwörtliche Zahn der Zeit hat nicht nur an der Gebäudesubstanz genagt, sondern auch an der Technik – etwa an den Aufzügen. „Es klappt gar nichts mehr in diesem Haus. Angefangen von den Wänden bis hin zu den Fahrstühlen“, beschwert sich Mieter Hermann Nieber über den Zustand. Da die Lifte oft defekt seien, sei er froh, nur im dritten Stock zu wohnen.

Schlimmer ist es indes für Mieter Dieter Rase. Der Senior wohnt wie Panje unterm Dach. „Im letzten halben Jahr musste ich zwangsweise mindestens viermal zu Fuß in den elften Stock laufen, da beide Aufzüge nicht funktionierten. Das war eine reine Strapaze für mich“, sagt er. Ihm sei es besonders schwer gefallen – zumal er an der Hüfte operiert wurde.

„Eigentlich leben wir hier echt toll: Die Lage ist einmalig. Auf der einen Seite liegt die Pinnau mit ein bisschen Natur drum herum, auf der anderen Seite können wir direkt das Stadtzentrum fußläufig erreichen. Das hält mich hier“, fügt Rase an. Angenehm sei der Zustand dennoch nicht. Das Verdikt der Anwohner könnte nicht klarer ausfallen: Als „miserabel“ und „katastrophal“ beschreiben sie den Zustand des Plattenbaus, insbesondere den der Aufzüge.

Graffitis: Diese „Hirntot“-Schmiererei ist im Treppenhaus des Gebäudes zu sehen. (Foto: Marciniak)
Graffitis: Diese „Hirntot“-Schmiererei ist im Treppenhaus des Gebäudes zu sehen. (Foto: Marciniak)
 

Wie schlecht dieser nach Einschätzung der Mieter ist, habe jüngst eine Tragödie gezeigt, die sich in dem Haus ereignete: Am 14. Oktober fiel eine 79 Jahre alte Mieterin aus einem der Fahrstühle und brach sich den Oberschenkelhals. Drei Tage später starb sie im Krankenhaus. Die Kriminalpolizei Pinneberg hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, um zu prüfen, ob der Sturz aus dem Lift zum Tod führte. Nach Informationen dieser Zeitung sollen sich die Türen zu früh geöffnet haben – etwa 30 Zentimeter, bevor der Aufzug auf Höhe des Bodens angekommen war.

„Der Schock sitzt bei allen wirklich tief“, sagt Inge Panje. Sie, ihr Mann und weitere Anwohner hätten nun Angst vor dem Fahrstuhl. So viel Furcht, dass eine Mutter ihren Kindern verboten haben soll, den Lift zu benutzen.

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„Der Schock
sitzt bei allen wirklich tief.“

Inge Panje
Anwohnerin
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Der Aufzug wurde direkt nach dem Unglück stillgelegt – und war es gestern immer noch. Der Vermieter, die Vonovia SE, informierte die Anwohner mit einer Zettelbotschaft darüber. „Arbeiten am Aufzug“, lautet der Text des inzwischen zwei Wochen alten Papiers, das am Fahrstuhl hängt. Laut Mieteraussagen seien jedoch noch keine Handwerker gesehen oder gehört worden.

Besonders gefährlich: Bei dem stillgelegten Lift handelt es sich um den Lastenaufzug. Dieser werde für Notfälle wie etwa Krankentransporte genutzt, erläutert Klaus Panje. Bei dem Fahrstuhl könne die Rückwand herausgenommen werden, um Tragen darin zu verstauen. „Was aber passiert jetzt, wenn ganz oben jemand stürzt oder ins Krankenhaus muss? Wie soll man diese Person nach unten bekommen?“, fragt der verärgerte Anwohner – obwohl er die Antwort kennt.

Die Wohnungstür der toten Frau wurde versiegelt. (Foto: Marciniak)
Die Wohnungstür der toten Frau wurde versiegelt. (Foto: Marciniak)
 

Nach Angaben des Vermieters, dem Unternehmen Vonovia SE, existiert kein Problem. „Wir haben keinen Hinweis darauf, dass der Fahrstuhl nicht sachgemäß funktioniert hat, da im Vorfeld alle Wartungen durch unseren Dienstleister im Rahmen eines Vollwartungsvertrags ordnungsgemäß durchgeführt wurden und der Aufzug vor und nach dem Unfall ohne Einschränkungen funktionierte“, teilt Vonovia-SE-Sprecherin Nina Henckel auf Anfrage dieser Zeitung erneut mit. Die entsprechenden Unterlagen habe das Unternehmen auch schon an die Kriminalpolizei übergeben.

Henckel weist zudem den Vorwurf zurück, Vonovia SE würde sich nicht um ihre Objekte kümmern: „Wir investieren in diesem Jahr mehr als 650 Millionen Euro in unseren Immobilienbestand, um seinen Wert zu erhalten und zu steigern.“ Von Vernachlässigung könne keine Rede sein. Ob von der Summe auch der Plattenbau am Hindenburgdamm profitiert, ließ Henckel offen.

Fest steht: Der Lift wird vorerst nicht wieder in Betrieb genommen. Vonovia SE wolle erst einmal die polizeilichen Ermittlungen abwarten. Henckel sagt: „Nach Abschluss der Prüfung werden wir den Aufzug, den wir vorsorglich vorübergehend stillgelegt haben, unverzüglich wieder in Betrieb nehmen. Nach unserem aktuellen Stand sind keine Reparaturen erforderlich.“

HINTERGRUND Der Betrieb eines Aufzugs

Die Betriebssicherheitsverordnung regelt, wie ein Aufzug – umgangssprachlich auch Lift oder Fahrstuhl genannt – zu betreiben ist. Die überwachungsbedürftige Anlage  ist demnach ständigen Prüfungen und Instandhaltungen durch den Betreiber zu unterziehen. Überwacht werden diese Schutzvorkehrungen durch die staatliche Arbeitsschutzbehörde der Unfallkasse Nord.

Laut Verordnung müssen Aufzüge alle zwei Jahre einer Hauptprüfung unterzogen werden. Dazu sind nur zugelassene Prüfstellen wie der Tüv Nord oder die Dekra berechtigt. Alle zwölf Monate sind zudem kleinere Überprüfungen vorgesehen.

Nach der Verordnung muss ein Aufzug immer auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden. Dazu ist der Betreiber, also der Vermieter, verpflichtet. Das Credo lautet: Kein Benutzer soll während einer Fahrt zu Schaden kommen können.

Wenn der Vermieter regelmäßige Kontrollen einhält , handelt er rechtens. Es gibt nach Angaben der Unfallkasse Nord keine gesetzliche Vorschrift, die die Arbeitsschutzbehörde berechtigt, einen Vermieter zur Erneuerungen von Aufzügen zu zwingen. 

Nach Tüv-Angaben gibt es jedoch eine  große Dunkelziffer an nicht gemeldeten Aufzügen, deren regelmäßige Wartungen und Überprüfungen die Unfallkasse nicht überwachen kann. Der Tüv geht davon aus, dass etwa 150.000 Aufzüge bundesweit nicht ordnungsgemäß kontrolliert werden.

 
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