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Esther Bejarano in Quickborn : Musik rettete ihr Leben in Auschwitz

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Esther Bejarano überlebte das Konzentrationslager. Lesungs-Veranstalter: „Wir müssen uns mit der Vergangenheit beschäftigen“.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Quickborn | Mucksmäuschenstill war es am Sonnabend im Arthur-Grenz-Saal, als die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano aus ihrem Leben berichtete. „Die Luft in den Wagons war stickig und stinkig“, erinnerte sich die 90-Jährige, die in Saarlouis geboren wurde, an den Transport aus dem Zwangsarbeiterlager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree in das Konzentrationslager Auschwitz „Am 20. April 1943 hielt der Zug endlich und wir durften aussteigen“, berichtete Bejarano.

„So, ihr Saujuden. Jetzt werden wir euch mal zeigen, was Arbeit heißt“, hätten die SS-Offiziere die Neuankömmlinge begrüßt. „Ich erhielt die Nummer 41  948. Namen wurden abgeschafft“, sagte Bejarano und ergänzte: „Als wir die Sträflingskleidung erhielten, wussten wir, dass wir in einem Konzentrationslager sind. Solche Kleidung trägt man nicht zum Arbeiten.“ In der Baracke schlief sie auf Holzbrettern. Es gab weder Decken noch Stroh gegen die Kälte. Am Tag musste sie außerhalb des Lagers Steine auf einem Feld einsammeln. „Wenn ich nicht Glück gehabt hätte, aus dieser Kolonne rauszukommen, wäre ich zugrunde gegangen“, ist sich die Antifaschistin sicher.

Als eine Akkordeonspielerin gesucht wurde, meldete sie sich. „Ich hatte vorher nie ein Akkordeon in der Hand. Irgendwie traf ich aber genau die richtigen Akkorde.“ Sie wurde in die Funktionsbaracke verlegt, wo es echte Betten und Kleidung für die Häftlinge gab. „Das Essen war dasselbe. Morgens gab es Brot, mittags eine Suppe, die wir nur wegen der Kälte aßen. Das war Wasser mit Kartoffelschalen, Brennnesseln und anderen ungenießbaren Kräutern.“ Das Schlimmste sei aber der psychische Druck gewesen: „Niemand wusste, ob und wann er ins Gas geschickt wird.“

Als das Lager im Januar 1945 geräumt wurde, flüchtete sie zusammen mit sechs anderen Häftlingen. Auf der Flucht traf die Gruppe auf amerikanische Panzer. „Ich habe für alle Akkordeon gespielt. Ein Bild werde ich nie vergessen: Die Soldaten und wir Mädchen tanzten um ein brennendes Portrait von Adolf Hitler herum. Das war für mich keine Befreiung, sondern eine zweite Geburt.“

„Ich freue mich, dass wir so einen großen Zuspruch erfahren. Wir bieten ja heute keine leichte Kost“, sagte Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Trägervereins Henry-Goldstein-Haus, der die Lesung von Bejarano organisiert hatte. „Wir müssen uns mit der Vergangenheit beschäftigen, um die Gegenwart zu verstehen und für die Zukunft gerüstet zu sein“, mahnte Nuckel. Und ergänzte: „Der 9. November 1938 darf nicht vergessen werden. Nirgendwo. Auch nicht in Quickborn.“

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