Tävsmoors : Moorerhaltung bedeutet Klimaschutz

Der Verein betreibt Renaturierung: Teckt man eine Weidenrute so weit zurück in den Boden, wächst daraus ein neuer Baum nach.
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Der Verein betreibt Renaturierung: Steckt man eine Weidenrute so weit zurück in den Boden, wächst daraus ein neuer Baum nach.

Unser Reporter Hans-Uwe Buck hat den Vorsitzenden des Vereins zum Schutz des Tävsmoors, Johann Behnke, bei einem Spaziergang durchs Moor begleitet.

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10. März 2014, 06:00 Uhr

Der kleine Birkenschössling ist noch jung, erst wenige Monate alt. Doch sie wollen ihn hier nicht. Er muss raus. Sie, das sind die selbsternannten Schützer des Biotops, um das es geht. Und hier, das ist das Naturschutzgebiet Tävsmoor am Flugplatz Uetersen, genau an der Gemeindegrenze zwischen Appen und Heist gelegen.

„Entkusseln“ nennen die Landschaftspfleger das Befreien der Moorwiesen von jungen Gehölzen. Würde man sie stehen lassen, würden daraus neue Wälder entstehen. Und das will man nicht. Warum, erklärt mir auf einem Spaziergang der erste Vorsitzende des Vereins zum Schutz des Tävsmoors, Johann Behnke. Wir wollen zusammen das Naturschutzgebiet umrunden. Meine Gummistiefel hätte ich zu Hause lassen können, denn Behnke, den alle nur Jan nennen, kennt sich hier bestens aus. Schon als Kind hat er hier mit seinem Vater Torf gestochen und nun ist er mindestens einmal in der Woche hier und sieht nach dem Rechten.

„Ja, warum müssen Moorwiesenflächen von Kusseln bereinigt werden? Wo Bäume sind, ist Schatten. Und wo Schatten ist, kann sich kein Torfbewuchs entwickeln und das Moor nimmt Schaden. Dagegen wollen wir was tun“, erklärt er mir ausholend. Er geht mit mir auf eine Moorwiese und zupft ein Stück Moosflechte aus.

Der schwammige Boden schmatzt unter unseren Füßen. Für einen Moment bin ich doch froh, in Stiefeln hier zu stehen. „Das Moor schwimmt auf. Die ganze Fläche ist wie ein schwimmender Teppich“, sagt Behnke lachend und erläutert, warum Moorschutz für unsere Umwelt so wichtig ist.

„Moore wandeln das atmosphärische Kohlendioxid in Torf um. Dadurch binden sie den natürlichen Kohlenstoff und können ihn speichern. Ein Drittel des weltweit im Boden befindlichen Kohlendioxids befindet sich in Torfmooren. Das ist die billigste Art und Weise, um den Treibhauseffekt einzudämmen und Klimaschutz voranzubringen“, bringt es Behnke auf den Punkt.

Nachdenklich geworden, gehen wir weiter. „Unser Verein macht schon viel. Aber alles können wir auch nicht allein stemmen“, sinniert der Landwirt aus Heist. „Wir sind beispielsweise sehr froh über die Schulklassen und Jugendgruppen, die uns regelmäßig mit ihren Lehrern besuchen und bei der Moorpflege helfen.“

Im letzten Sommer war die letzte große Aktion. Da war eine Gruppe mit rund einem Dutzend Jugendlichen aus Russland, Südkorea, Italien und Deutschland über den Jugendgemeinschaftsdienst hier und hat eine Fläche von beträchtlichem Umfang über mehrere Tage bearbeitet. Und jetzt gerade im Februar hat Behnke mit einer Crew aus zwölf Vereinsmitgliedern selbst für den Kopfweiden-Schnitt im südwestlichen Bereich gesorgt. „Zweimal im Jahr müssen wir vom Verein mindestens raus. Sonst schaffen wir den drei- bis vierjährigen Turnus nicht, den wir brauchen, um den Weidenbestand gesund zu halten.“ Solche Aktionen sind nicht nur für das Gelände wichtig. Sie fördern auch den Zusammenhalt in der Gruppe der Aktiven. „Einer bringt duftend-frischen Kaffee mit und andere lecker belegte Brötchen. So lässt sich arbeiten“, sagt Behnke lächelnd. Er zeigt mir, wie weit die Weiden herunter geschnitten werden müssen. „Würde man eine von den abgeschnittenen Weidenruten hier wieder in den Boden stecken, würde daraus ein neuer Baum nachwachsen.“

Mein für Fauna und Flora wacher werdender Blick schweift nach links und rechts ins Gehölz. Es riecht erdig-feucht nach Zersetzung – der typische Moorgeruch. Als ich nicht aufpasse, stolpere ich fast über eine in den Weg ragende Baumwurzel. „Da müssen Sie aufpassen“, mahnt mein Begleiter, „alles kriegen wir hier auch nicht weg.“

Neben der Renaturierung hat sich der Verein auch die Instandhaltung und Pflege der Wanderwege rund ums Moor auf seine Fahne geschrieben. Rund 3000 Menschen suchen jährlich das Biotop rund um den großen Moorsee, der von manchen auch gern „Moorkuhle“ genannt wird, auf. Wie passt denn das zusammen, einerseits die Natur erhalten zu wollen und andererseits die Wege Rollator-tauglich zu machen? „Wir wollen dieses Gebiet doch nicht für uns allein haben. Das Moor ist für alle da. Und wenn wir wollen, dass die Leute auf den Wegen bleiben, müssen diese auch gut zugänglich sein“, so seine Logik.

Über uns ertönt auf einmal Fluggeschnatter. Zwei V-Formationen Wildgänse mit Flugrichtung Osten ziehen über unsere Köpfe hinweg. Ein schöner Anblick, gerade heute unter dem strahlend blauen Himmel. Ein paar Minuten später wird die Idylle durch das gurgelnd-schnarrende Motorengeräusch einer startenden Cessna gestört. „Daran nehmen manche Moorwanderer ordentlich Anstoß. Gerade die am Wochenende. Da hab ich mir schon einiges anhören müssen. Aber das das können wir nicht verhindern. Der Flugplatz war schon vor uns hier.“ Langsam verklingt das Motorengeräusch des Sportflugzeugs leise in der Ferne.

In direkter Nachbarschaft zum Naturschutzgebiet liegt das Gelände des Flugplatzes Uetersen-Heist, noch etwas weiter nördlich die Marseille-Kaserne. Von hier aus startet eine private Flugfirma ihre Flüge nach Helgoland, Rügen, Usedom und den ostfriesischen Inseln. Er ist mit 60 000 Flugbewegungen pro Jahr einer der meistfrequentierten Flugplätze Deutschlands.

Am Weg vor uns ist eine Reihe alter Pappeln. Von Menschenhand gepflanzt, in Reih und Glied. Aus dem Wurzelgewirr einer von ihnen wächst eine besenstieldicke Buche. Hier, wo sonst nur Birken, Eichen und eben Pappeln stehen. „Die gehört hier eigentlich gar nicht her“, sagt Behnke und lächelt. „Haben die Vögel wohl mal eine Buchecker fallen gelassen. So ist das eben. Die Natur holt sich den Platz, den sie braucht, wieder zurück.“

Das Tävsmoor. Mehr als 750 verschiedene Schmetterlingsarten haben darin ihre Heimat. Nicht nur Frösche, Kröten und Molche bewohnen das Feuchtgebiet, sondern auch Kreuzottern und Ringelnattern haben hier ihr Domizil. Unzählige Pflanzenarten wie die süßlich-sauer schmeckende Moosbeere, die krautige Moorlilie, das hochblättrig-gefleckte Knabenkraut, die strahlend-gelbe Sumpfdotterblume oder der fleischfressende Sonnentau kommen hier zur Blüte. Auf dem etwa 150 Hektar großen Gelände findet sich eine Artenvielfalt, die ihresgleichen sucht.

Ab Mitte April sind die Burenziegen wieder da. Die afrikanischen Allesfresser kauen bis auf 30 Zentimeter über dem Boden alles ratzekahl ab, was im Wege ist, um Luft und Licht an die Bodenvegetation zu lassen. Die Tiere helfen auf natürliche Weise, der Verbuschung entgegen zu wirken und das Tävsmoor am Leben zu erhalten. Und in ein paar Monaten sind auch sie wieder da, die Moorschützer. Mit Bügelhacke und Handsäge, Buschmesser und Baumschere, Trecker und Anhänger. Und machen sich wieder auf die Suche nach jungen Schösslingen. Für das Moor.

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