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Krach im Amtsgericht : Mitarbeiter leiden unter den Sanierungsarbeiten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schwangere dürfen nicht zum Dienst. Ohrenbetäubender Lärm in vielen Gebäudeteilen. Besucher müssen durch Flure mit Baumaterial.

shz.de von
erstellt am 13.Jun.2015 | 15:00 Uhr

Pinneberg | Mitarbeiter des Pinneberger Amtsgerichts schlagen Alarm. Sie haben Angst um ihre Gesundheit, weil ihnen Staub und Lärm zusetzen. Seit April wird das Gebäude an der Bahnhofstraße 17 bei laufendem Betrieb saniert. In einem Brandbrief an die schleswig-holsteinische Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) haben sie nun einen sofortigen Baustopp gefordert. Die Beschreibungen in dem Brief sind dramatisch.

Das Amtsgericht versteckt sich hinter einem Baugerüst. Arbeiter hämmern, bohren, flexen. Sie zertrümmern Fassadenteile. Kabel hängen aus der Decke im Inneren, Baumaterial steht herum. An vielen Stellen Dreck. Durch geöffnete Bürotüren wird der Blick frei auf mit Plastikplanen abgedeckte Schreibtische und auf Arbeiter, die Fenster herausgerissen haben. Hinter anderen Bürotüren geht der Betrieb derweil weiter.

In einem Raum, auf dessen Schild „Kasse“ steht, sitzt eine Dame. Sie hat Ohrschützer auf dem Kopf, wie sie gewöhnlich Bauarbeiter an lauten Maschinen tragen. Die Frau reagiert erst auf ein sachtes Winken, zieht die Schultern hoch und lächelt gequält. „Wo geht es zur Verwaltung des Gerichts?“ Die Dame antwortet freundlich: „Drittes Obergeschoss.“ Und zeigt zur Unterstützung mit dem Finger nach oben, während draußen ein Trennschleifer heult. Eine andere Mitarbeiterin, die anonym bleiben will, sagt: „Die Zustände sind unzumutbar. Hier herrscht ohrenbetäubender Lärm. Normales Arbeiten ist nicht möglich – und ein Ende nicht abzusehen.“ Bis in den November soll die Sanierung dauern.

Der Brief an Spoorendonk, den mehr als 80 der 130 Mitarbeiter unterschrieben haben und welcher der Redaktion dieser Zeitung vorliegt, ist fünf Seiten lang. Die Beschreibungen darin sind extrem. Sollten sie zutreffen, ist die Gesundheit vor allem von Allergikern und Schwangeren in Gefahr. Doch auch für andere Mitarbeiter ist demnach die Arbeitssicherheit nicht gewährleistet. Ein Betriebsarzt gehe von einem „Lärmpegel über weite Phasen oberhalb von 85 dB“ aus. Messungen von Mitarbeitern hätten Werte von mehr als 100 dB ergeben.

Die Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH) mit Sitz in Kiel ist für die Organisation der Bauarbeiten am Pinneberger Amtsgericht verantwortlich. Die GMSH „nimmt die staatlichen Bauherren- und Planungsaufgaben für Land und Bund in Schleswig-Holstein wahr“, heißt es auf ihrer Internetseite. Die GMSH schreibt etwa die Aufträge aus, um sie an private Unternehmen zu vergeben.

Während Arbeiter Fassadenplatten abreißen, ist ein Teil der Fenster zum Schutz verbrettert. Tageslicht sehen etliche Beschäftigte deswegen nicht. Die Verbretterung einfach wegzulassen, ist keine Lösung. In einem Büro durchschlug ein Trümmerteil die Scheibe. „Die in dem Büro arbeitenden Mitarbeiterinnen kamen mit dem Schrecken davon“, heißt es in dem Schreiben. Doch es geht noch schlimmer. Eine Mitarbeiterin berichtet von offen herumliegenden Dämmstoffen. Laut dem Schreiben an Spoorendonk hat der Betriebsarzt festgestellt, dass „schwangere Mitarbeiterinnen in dem Gebäude nicht arbeiten sollten.“

Die Bauarbeiter ersetzen auch Fenster. Durch die großen Löcher in den Wänden dringt unablässig Staub ins Innere und rieselt in den Büros und Fluren nieder. Selbst die alten Fenster seien so undicht, dass Staub eindringe. „Wir müssen morgens erstmal unsere Bildschirme abwischen“, sagt eine Beschäftigte. In dem Brief an das Justizministerium steht: „Erschreckend waren auch die Aussagen des Betriebsarztes, dass aufgrund der Belastung, unter anderem mit Zementstaub, Mitarbeiter mit Allergien, gegebenenfalls auch Mitarbeiter mit Atemwegserkrankungen, nur mit entsprechenden Schutzmaßnahmen oder gar nicht in dem Gebäude arbeiten sollten.“

Die Einheit für den Lärmpegel ist Dezibel (dB). Zum Vergleich: Ein Auto in zehn Metern Entfernung verursacht bis zu 80 dB, ein Drucklufthammer in einem Meter Entfernung bis zu 100 dB, ein Kampfflugzeug in 100 Metern Entfernung 120 dB. Gehörschäden sind bei langfristiger Einwirkung direkt am Ohr ab etwa 85 dB zu erwarten.

Die Lobby, der Treppenaufgang zu den Verhandlungssälen und die Wartebereiche dort sind dunkel. Trotzdem gibt es im Gebäude Publikumsverkehr. Warnschilder sind nicht vorhanden oder schlecht zu sehen. Kein Flatterband versperrt den Weg zu den verwaisten Büros, in denen Handwerker mit schwerem Werkzeug hantieren.

Die Gewerkschaft (Verdi) in Elmshorn weiß von den Missständen. Verdi-Sekretär Jens Festersen, zuständig für den öffentlichen Dienst, sagt: „Die schwierigen Verhältnisse im Amtsgericht sind uns bekannt. Die Beschäftigten sind jedoch bemüht, zunächst eine interne Lösung zu finden.“

Bettina Morik ist Direktorin des Amtsgerichts. Sie sagt: „Die Mitarbeiter haben sich zu recht beschwert. Aber wir bemühen uns, die Arbeit so zu organisieren, dass alle möglichst wenig belastet werden.“ Schwangere Mitarbeiterinnen seien freigestellt worden. Die Mitarbeiter haben nun Gehörschutz. Die lautesten Arbeiten würden nun zwischen 10 und 20 Uhr statt zwischen 7 und 17 Uhr erledigt. Die Beschäftigten könnten auf Basis einer Vertrauensarbeitszeit auch am Wochenende und daheim arbeiten, ohne Minusstunden zu sammeln. Innerhalb des Gebäudes könne in weniger belastete Büros gewechselt werden. Verhandlungen finden ohnehin im ehemaligen Akad-Gebäude statt – allerdings ohne Telefon- und Internetverbindung.

Alte Fassaden müssen abgebrochen werden

Morik sagt: „Die alten Fassadenplatten sollten im Ganzen abgenommen werden. Es hat sich aber gezeigt, dass das nicht geht. Sie müssen abgebrochen werden. Spätestens da hätte man stoppen müssen.“ Kritik übt sie an der Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH) als Bauherrin und am Arbeitsmedizinischen Zentrum der Regio-Kliniken Elmshorn. Das Amtsgericht sei nur unzureichend und erst auf Nachfrage über Risiken aufgeklärt worden. Über ihre Mitarbeiter sagt Morik: „Die Kollegen haben eine unglaubliche Arbeitsmoral. Noch haben wir keinen höheren Krankenstand. Das ist sehr anerkennenswert.“ Trotzdem verzögere sich die Bearbeitung von Fällen.

Ärzte des Arbeitsmedizinischen Zentrums haben die Situation begutachtet. „Wir unterliegen der Schweigepflicht und können zu den Ergebnissen keine Angaben machen“, sagt Kliniksprecher Sebastian Kimstädt.

Das Justizministerium in Kiel teilt jedoch auf Anfrage zu den Untersuchungen mit: „Nach erster Einschätzung handelt es sich um Lärmbelästigung, die eine Gesundheitsgefährdung darstellt.“ Das Ministerium bestätigt auch den Eingang des Briefs an Spoorendonk. Inwieweit die Beschreibungen den Tatsachen entsprechen, müsse nun geprüft werden. In der kommenden Woche sollen Ergebnisse von Schadstoffanalysen vorliegen. Spoorendonk wolle sich für eine rasche Lösung der Probleme einsetzen, so ihr Sprecher. Zuständig für die Bauarbeiten sei jedoch das Finanzministerium und die GMSH als Bauherrin. Von der GMSH war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu bekommen.

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