zur Navigation springen

„Grüne Damen und Herren“ : Mit Zuneigung gegen Einsamkeit

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Lisbeth Linke ist seit zehn Jahren als „Grüne Dame“ in den Pinneberger Altersheimen aktiv.

Pinneberg | „I wie Ida, achtundsechzig, sechs und acht, O wie Otto, siebzig, sieben und null“ - Ein enttäuschtes Stöhnen hier, ein zufriedenes Lächeln dort, dann erneut das Klappern der kleinen Holzkugeln im Bingo-Rad. Gut zwanzig Anwohner sitzen dicht gedrängt und bewaffnet mit Stift und Spielzetteln in dem Raum des Seniorenwohnheims Bauernmühle. „G wie Gustav, sechsundfünfzig, fünf und sechs“. „BINGO“ schreit einer der Spieler vergnügt. Lisbeth Linke notiert sich den Namen. „Bingo ist hier jede Woche die Hauptattraktion im Haus“, erzählt sie und schielt auf die Zettel der Damen neben ihr. „Einige können nicht mehr gut hören oder sehen, andere den Stift nicht mehr so gut halten. Aber dafür sind wir ja da und helfen“.

„Wir“, das sind die „Grünen Damen und Herren“ rund um Lisbeth Linke, die fast täglich ehrenamtlich in das Altersheim kommen, sich mit den Bewohnern beschäftigen, mit Ihnen nicht nur Bingo, sondern auch Skat spielen, ihnen etwas vorlesen, auf einen Kaffee vorbeischauen oder einfach nur zuhören. „Unser Angebot wird super angenommen, die Bewohner sind froh wenn wir kommen“, berichtet die gebürtige Hamburgerin stolz. 2003 hat sie den Besuchsdienst in den Pinneberger Alters- und Pflegeheimen gegründet und war bis vor drei Jahren dessen Vorsitzende. „Die Grünen Damen und Herren gehen sehr liebevoll mit den Bewohnern der Altersheime um“, berichtet Linke von der ehrenamtlichen Arbeit. „Die meisten sind schon sehr lange dabei, so kennt man sich untereinander, hat sich aneinander gewöhnt und eine enge Beziehung aufgebaut“.

Nicht ganz uneigennützig stand für die heute 81- jährige Rentnerin nach ihrem Umzug nach Pinneberg vor zehn Jahren schnell fest, dass sie sich in der Stadt engagieren möchte: „Mir wurde klar, du musst was machen. Ich wollte nicht zuhause sitzen und fern gucken oder mich immer nur zum Kaffeekränzchen treffen. Ich brauchte eine Beschäftigung“, erinnert sie sich.

Angefangen hat es mit Besuchen im Pinneberger Krankenhaus. „Es waren die Patienten dort, die mich gefragt haben, ob ich auch zu ihnen ins Heim kommen kann“. Die Idee war geboren, der Start aber nicht ganz einfach: Es fehlte an anderen Freiwilligen und an Geld um für die ehrenamtliche Arbeit zu werben. So musste Lisbeth Linke die Kosten zunächst aus eigener Tasche zahlen. Auch in den Seniorenheimen war man zunächst etwas skeptisch. „Die kannten ein solch großes Engagement nicht. Die haben sich schon manchmal gefragt, was will die hier, will die herumschnüffeln?“, berichtet Linke und schmunzelt.

Die Heimleitungen wurden überzeugt und heute toben 35 „Grüne Damen und Herren“ durch die fünf Pinneberger Senioreneinrichtungen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden, durch ein wenig Geld aus den Altersheimen und durch „ein paar Pfennige von der Stadt“, so Linke.

Als Ehrung für ihre ehrenamtliche Arbeit wurde Lisbeth Linke 2008 in das Bürgerbuch des Kreises Pinneberg eingetragen. „Ich mache meine Arbeit einfach sehr gerne“, sagt Linke und fügt hinzu: „Viele Bewohner haben Vertrauen und kommen mit ihren Problemen zu mir. Ich versuche sie dann zu beruhigen, fange an Platt zu schnacken. Dann funktioniert das immer ganz gut“. Ihr Helfersyndrom, wie die „Grüne Dame“ es selber nennt, ist wohl genetisch bedingt. Ihr Vater habe sich sehr für das Rote Kreuz engagiert. „An seine ganzen Auszeichnungen komme ich wohl nie ran“, lacht Linke. Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer langjährigen Arbeit in einem Lohnsteuerverein, hat sich die gelernte Finanzbuchhalterin Linke mit 71 Jahren noch einmal ein komplett neues Leben in Pinneberg aufgebaut. „Ich fühle mich hier in Pinneberg sehr wohl. Ich kenne sehr viele Menschen und meine Schwestern wohnen hier“.

Lisbeth Linke gehört zu einer Generation, in der ein Umzug ins Altenheim meist einer Horrorvorstellung gleicht. Und obwohl sie den größten Teil ihres Alltags in den Pinneberger Altersheimen verbringt, kann auch sie sich nicht vorstellen aus ihrer eigenen Wohnung auszuziehen. „Die Wohnung ist altengerecht und ich hab einen tollen Ausblick über Pinneberg und viel Platz. Da muss ich mich nicht so begrenzen“, schwärmt Linke und stellt schnell klar: „Man wird in den Heimen natürlich sehr gut betreut, aber man ist in seiner Lebensgestaltung, zum Beispiel bei den Essenszeiten nun eben eingegrenzter“.

Mit der Zeit hat Linke viele Freundschaften zu den Seniorenheimbewohnern aufgebaut. „Wir duzen uns alle hier, und wenn ich nicht jeden Einzelnen mit einem Handschlag begrüße, nehmen die Bewohner mir das übel“, berichtet Linke. Bei einer so starken Bindung und der täglichen Begegnung mit den älteren Menschen spielt der Gedanke an den Tod natürlich auch immer wieder eine Rolle. „Bei meiner ersten Toten habe ich sehr gelitten“, erinnert sich Linke nachdenklich. Mit der Zeit hat sie sich aber daran gewöhnt und regelt nun, auch als Vorsitzende des Heimbeirats der Bauernmühle, ab und an auch die persönlichen Dinge der Verstorbenen.

Ihre ehrenamtliche Arbeit zeitnah aufzugeben, dass kann sich die Rentnerin nicht vorstellen. „Ich denke nicht ans Aufhören. Da muss es mir schon wirklich schlecht gehen. Sonst mach ich einfach weiter und hoffe, dass ich dann eines Tages einfach tot umfalle“.

Bis dahin wird die „Grüne Dame“ weiterhin Witze vor der Bingo-Partie vorlesen, durch die Pinneberger Altersheime tingeln und ihre restliche Zeit mit ihren sieben Enkeln und Urenkeln oder dem Herstellen von Schnaps verbringen, eines ihrer Hobbies. Das Jahr 2014 konnte sie bereits mit selbstgemachten Fliederbeerenschnaps begrüßen.

Im Rahmen der seit 1969 bestehenden gemeinnützigen Arbeitsgemeinschaft Evangelische Krankenhaus-Hilfe engagieren sich bundesweit mehr als 11.000 grüne Helferinnen und Helfer in Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen. Ziel ist es, mit viel Zeit und gemeinsamen Aktivitäten auf die persönlichen Wünsche der Patienten und älteren Menschen einzugehen und so die notwenigen ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Behandlungen zu ergänzen. Der Name „Grüne Damen“ kommt hierbei von den grünen Kitteln, welche die Ehrenamtlichen in den vielen Einrichtungen tragen. Die 35 „Grüne Damen und Herren“ in Pinneberg suchen immer Unterstützung. Bei Interesse ist Lisbeth Linke unter der Telefonnummer (04101) 780713 zu erreichen.
Karte
zur Startseite

von
erstellt am 19.Feb.2014 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen