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Reportage am Sonntag : Mit Leidenschaft alte Qualität erhalten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

In der Werkstatt von Fahrrad-Liebhaber Holger Tholius werden betagte Drahtesel wieder flott gemacht.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2014 | 14:00 Uhr

Kreis Pinneberg | In der Werkstatthalle von Holger Tholius riecht es nach Gummireifen und Kettenöl. Zwischen den Hochregalen, Kartons, Kisten, dem Tresen und den Stützpfeilern der Halle ist wenig Platz zum Bewegen. Etwa 60 alte und neue Fahrräder stehen hier dicht gedrängt und warten darauf, dass sie einen neuen Besitzer finden. Mit einem kräftigen Händedruck begrüßt mich der Fahrrad-Spezialist, der seit mehr als vier Jahren am Ortsausgang Holms Richtung Hetlingen seinen HTH-Zweiradservice betreibt. Hier wird fündig, wer ein Fahrrad kaufen oder sein Zweirad fachgerecht reparieren oder „aufmöbeln“ lassen will.

Alte Fahrräder und Motorroller haben es dem 47-Jährigen Tholius angetan, hier liegt seine Leidenschaft. Ihm geht’s darum, schöne Dinge zu erhalten. „Das ist wie ein Virus, der einen gepackt hat. Und in den letzten Jahren hat die Qualität der meisten neuen Gebrauchsfahrräder ja rapide abgenommen.“ Nachhaltigkeit fällt einem als Stichwort ein und nickend bestätigt Tholius. Vor uns steht unansehnlich ein altes Hollandrad, dessen grüne Rahmenfarbe nur mehr zu erahnen ist. Jemand, der Platz in seinem Keller brauchte, hat ihm das lange ungenutzte Velo in die Werkstatt gebracht. Ihm will Tholius heute wieder etwas Leben einhauchen.

Zunächst wird das gute Stück am Montageständer fixiert und Tholius probiert verschiedene Sattelstützen aus, bis er die passende gefunden hat. „Manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Ganze schlussendlich zum Strahlen bringen“, kommentiert er lakonisch seine Wahl.

Danach nimmt er sich der Bremshebel und der Gangschaltung an. Beides wird vorerst abmontiert, um Vorder- und Hinterrad leichter ausbauen zu können. Geschickt befreit er mit seinen großen Händen das Fahrrad von allen beweglichen Teilen, bis nur noch der „nackte“ Rahmen übrig ist. Alles, was noch gebraucht wird, landet in einem am Boden stehenden Karton. Der Rest geht in die Schrotttonne. Werden neue Originalteile benötigt begibt sich Tholius dafür sogar auf die Suche ins Hamburger Umland. Auch ein Laie merkt rasch, dass der Mann Profi ist. Jeder der Griffe seiner muskulösen Finger sitzt. Mit gekonntem Schwung löst er die Abdeckung des Kettenkastens und prüft das gute Stück. „Die Kette ist noch ziemlich gut erhalten. Früher wurden Kettenfette verwendet, die nicht so schnell verharzten. Da muss ich nachher nur mit Silikon drüber und schon ist die wieder astrein“, so Tholius lächelnd.

Bevor es weitergeht, wird er bei seiner Tätigkeit unterbrochen. „Moinmoin“. Kundschaft steht vor der Tür. „Holger, kannst Du bitte mal gucken? Ich brauch’n büschen Luft aufs Hinterrad. Kannst Du mal …?“ Auch das gehört zu Tholius’ Service mit dazu. Und immer wieder tauchen Kunden auf, die ihr Rad mit einem Reparaturauftrag bei ihm lassen oder ihren wieder fit gemachten Drahtesel auslösen wollen.

Mit langem, zischendem Geräusch wird der Schlauch aus der Luftfüllpistole blitzschnell auf optimalen Reifendruck gebracht. „Holger is’n Guter“, der macht reelle Preise und berechnet auch nicht jeden Handschlag“ so einer seiner Holmer Stammkunden zufrieden. Um ihr Fahrrad in guten Händen zu wissen, kommen Hilfe Suchende sogar aus Pinneberg und Wedel nach Holm.

Nebenan schraubt, auf Details, konzentriert Maik an einem metallic-blauen Piaggio-Motorroller. Vor ein paar Jahren war er auch mal Kunde bei Tholius und fand dessen Leidenschaft für Räder aller Art so gut, dass er fragte, ob er an Wochenenden nicht mitmachen könne. Seitdem sind sie Kumpel und Kollegen.

Auf einmal fängt der Kompressor im Hintergrund lautstark an zu brummen. „Der pumpt sich von Zeit zu Zeit selber auf“, klärt Maik auf, ohne vom Motor aufzusehen. Druckluft ist hier in der Werkstatt anscheinend viel gefragt.

Statistisch gesehen stehen in jedem Haushalt Deutschlands durchschnittlich 2,3 Fahrräder. Gefahren werden sie allerdings eher selten. „Meist stehen sie nur rum und rosten vor sich hin“, so Tholius’ Erfahrung. Dass dieses Fahrrad lange nicht bewegt wurde, kann man spüren. Der alte Mantel fühlt sich an, als sei er aus Kunststoff. Auf Druck bröseln kleine Teile aus dem harten Gummi heraus. Tholius hat sich nun wieder dem Radrahmen zugewandt. Während er leise vor sich hin summt, wirft er ab und zu klirrend einen Schraubenschlüssel in den Werkzeugkasten zurück. Aus einer Sprühflasche verteilt er Glasreiniger auf dem lackierten Rahmen und lässt den weißen Schaum einwirken.

„Das ist der Moment, wo bei manchem Fahrzeug das wahre „Ich“ freigelegt wird“, erklärt Tholius mit Kennerlächeln, als er mit weichem Tuch und behandschuhten Händen den Kellerstaub der letzten Jahre entfernt. Das alte Ding erweist sich als echter Schatz. Der eben noch unansehnliche Drahtesel lebt unter Tholius’ Händen auf und entpuppt sich als nahezu rostfreies Prachtexemplar holländischer Radbaukunst.

Tholius geht an eines der Regale und zieht zwei Schläuche und beige-farbene Mäntel heraus. Der Rest ist nun nur noch Routine. Lenker, Lampe, Gepäckträger, Rockschutz und Sattel sind schnell verschraubt. Nach dem auch Bremsen und Gangschaltung wieder montiert sind, steht ein wahres Schmuckstück vor uns.

Für die Zukunft plant er sogar seine eigene Retro-Edition. „Ich habe einen soliden Rahmenbauer gefunden, der zu fairen Preisen Rahmen liefert, so wie ich sie haben will. Ausgestattet mit modernen Komponenten kann ich dann alltagstaugliche Fahrräder im alten Look anbieten, die genau nach Wunsch des Kunden gestylt werden und von denen er über Jahre was hat“, beschreibt er seine Geschäftsidee. Schon in diesem Herbst soll es losgehen mit der eigenen Marke.

Weitere Informationen sind im Internet zu finden: hth-zweiradservice.de

Hollandräder zeichnen sich durch ihre Robustheit und Hochwertigkeit aus. Auffallendes Charakteristikum der bequem zu fahrenden und alltagstauglichen Räder ist ihr geschlossener Kettenkasten und die Seitenverkleidung des Hinterrades. Bekannte Marken sind Gazelle, Batavus und Sparta. Im Trend sind seit einigen Jahren sogenannte Custom-Made Räder, die speziell nach Kundenwünschen individuell ausgestattet und gestylt werden.
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