Mit 82 Jahren vor dem Nichts

Am Sonntagabend war das Haus des Ehepaar Nagels in Kummerfeld niedergebrannt.
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Am Sonntagabend war das Haus des Ehepaar Nagels in Kummerfeld niedergebrannt.

Kummerfelder Ehepaar verliert bei Großfeuer Hab und Gut / Kleidungsspenden dringend benötigt

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11. Juli 2018, 16:00 Uhr

Vera Nagel beäugt die dunkelblaue Hose in ihren Händen. „Hoffentlich passt sie“, seufzt die 82-Jährige und legt das gespendete Kleidungsstück zur Seite. Was an diesen Tagen wirklich in ihrem Kopf vorgeht, kann man nicht in Worte fassen. Ihr ganzes Leben lang haben sie und ihr Mann Friedhelm für Haus und Hof geschuftet. Mit 82 Jahren stehen die Kummerfelder nun vor dem Nichts. Am Sonntag ist ihr Haus bei einem Brand komplett zerstört worden. Die beiden haben alles verloren, wofür sie so hart gearbeitet hatten. Übriggeblieben ist nur die Kleidung, die sie am Leib trugen. Das Rentner besitzen weder Bargeld, noch Ausweis oder Kontokarten.

Wie es zu dem Feuer kam, ist den Nagels unklar. „Wir haben nur gehört, wie ein Mann ans Fenster geklopft und gerufen hat ,es brennt’. Zuerst haben wir ihn nicht für voll genommen“, erzählt Vera Nagel. Ein Berufsfeuerwehrmann aus Hamburg hatte den Brand zufällig bemerkt und die beiden gerettet. „Erst draußen haben wir die Rauchwolken gesehen.“

Friedhelm Nagel ist noch am Sonntagabend in die Pflegeeinrichtung gekommen. Eigentlich hätten sie keinen freien Platz gehabt, seien aber sofort zusammengerückt, erzählt Heimleitung Anne Schäfer. Nachdem Vera Nagel die erste Nacht nach dem Feuer im Krankenhaus verbracht hatte, zog sie am Montag auch in Appen ein. Aufgrund des Platzmangels allerdings auf einer anderen Etage als ihr Mann.

Nun sitzen sie in der Pflegeeinrichtung vor einem Berg gespendeter Kleidung, Handtücher und Kosmetikartikel. Nachdem ein Hilfeaufruf in den Sozialen Netzwerken und im Radio veröffentlicht wurde, wurden die Sachen für sie in Appen abgegeben. Fehlen tut es an allem, bis gestern hatte das Ehepaar noch nicht einmal Schuhe. „Die Hilfsbereitschaft ist enorm“, sagt Schäfer.

Vera Nagel ist eine große Frau, 1,82 Meter, auch wenn man ihr das nicht sofort ansieht. Zusammengesunken sitzt sie auf einem Stuhl in ihrer vorübergehenden Unterkunft, dem Dana-Pflegeheim in Appen. „Körperlich geht es mir einigermaßen gut, aber ich bin sehr nervös. Mir ist das alles zu viel“, beschreibt die Rentnerin ihre Gefühlslage. Ihr Mann Friedhelm sitzt neben ihr, sein Blick schweift unablässig durch den Raum.

Dass sie am Wochenende ihr Zuhause verloren haben, kann der frühere Ladungskontrolleur noch nicht begreifen. Zu gern würde er zu dem Grundstück fahren, um sich anzugucken, was ihnen geblieben ist. „Aber die Polizei hat es verboten.“ Für die Branduntersuchung haben die Kriminalbeamten das Grundstück beschlagnahmt. Vera Nagel trauert vor allem um ihre Küche. „Dafür haben wir lange gespart. Vor vier Jahren konnte wir endlich das Modell kaufen, das mir gefällt.“

Auch die Zukunft macht den Nagels Sorgen: „Im Moment kann ich mir ein betreutes Wohnen gut vorstellen“, sagt Vera Nagel. Fest steht nur, in das Haus, in dem sie seit den 1970er Jahren gelebt hatten, können sie nicht mehr zurück.

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