Umweltforum in Barmstedt : Ministerin: „Städte müssen grüner werden“

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks stellte sich in Barmstedt auch der Kritik.
Bundesumweltministerin Barbara Hendricks stellte sich in Barmstedt auch der Kritik.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) diskutiert in Barmstedt über Maßnahmen zum Naturschutz. Ein wichtiges Projekt für die Zukunft: die Begrünung der Städte.

shz.de von
22. März 2017, 10:30 Uhr

Barmstedt | Es sind zwei Interessenlagen zwischen denen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nahezu täglich vermitteln muss: Auf der einen Seite gibt es nachvollziehbare Forderungen, den Natur- und Umweltschutzs weiter voran zu bringen und durch Gesetze zu stützen. Auf der anderen Seite stehen wirtschaftliche Belange, private Bequemlichkeiten und der Wunsch nach möglichst wenig Reglementierung.

Das wurde auch in der Kommunalen Halle in Barmstedt wieder deutlich. Das Umweltforum der SPD hatte zum Austausch eingeladen. Außer Hendricks konnten auch Carsten Pusch vom Naturschutzbund (Nabu) Schleswig Holstein und Michael Packschies vom Bündnis Kommunen für biologische Vielfalt ihre Standpunkte darlegen. Etwa 40 Gäste verfolgten die Kurzvorträge und Diskussionen.

Hendricks machte klar, dass wir alle ein Teil der Natur seien und uns auch so begreifen müssten. Projekte wie „Natura 2000“, ein EU-weites Netz von Schutzgebieten, seien positiv zu bewerten. Bei anderen bräuchte es noch ein wenig mehr Engagement. Wie bei der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ – in dieser Zukunftsversion der Bundesregierung, 2007 ins Leben gerufen, werden 330 Zielvorgaben und 430 konkrete Maßnahmen beschrieben. „Alle müssen mitmachen. Auch die Wirtschaft und Unternehmen“, so die Bundesumweltministerin Hendricks.

Als wichtige Maßnahme der nächsten Jahre sieht Hendricks die Begrünung der Städte. Dort seien die Temperaturen oftmals vier Grad Celsius höher als im Umland. „Der Klimawandel zeigt seine Auswirkungen. Wir haben jetzt acht extreme Hitzetage im Jahr, in kurzer Zeit werden es 14 sein. Dem kann man nur durch mehr Grün in der Stadt begegnen.“ Sie ruft zu kommunalen und privaten Aktionen auf: „Parks, Privatgärten, Fassaden- und Dachbegrünungen helfen der Gesundheit der Menschen.“ Im Mai veröffentlicht das Umweltamt ein Grünbuch, in dem Vorschläge zur Umsetzung gemacht werden und gezeigt wird, wie es geht. Das ist auch Packschies Thema. Er kämpft für mehr Grün- und Freiflächen und möchte eine Förderung für kleine Wildnisflächen durchsetzen. Ein wichtiger Ansporn, denn: „Es scheint im privaten Bereich derzeit eine Tendenz zur Vollversiegelung zu geben“, so Packschies.

Nabu-Vertreter Pusch mahnte in seinem Vortrag ein anderes Umweltthema an: „Seen und Fließgewässer sind in keinem guten Zustand, die Trinkwasserqualität verschlechtert sich. Wir haben ein Nitratproblem.“ Als Schuldige machte er die Landwirte aus, die keine gute Umweltbilanz vorweisen könnten. „60 Milliarden Euro Agrar-Subventionen fließen an die Landwirte und das ohne irgendwelche Bedingungen“, kritisiert er.

Das Problem: Gülle enthält Stickstoffe, die im Boden durch Bakterien zu Nitrat umgewandelt werden. Hinzu kommt die Düngung mit Gärresten aus Biogasanlagen, die von Umweltschützern wegen möglicher Keime umstritten sind.

Zwischenrufe machten den Unmut der Landwirte deutlich. Klaus-Peter Lucht vom Bauernverband Schleswig-Holstein war sauer: „Wir lassen uns nicht in die Schmuddelecke stellen. Sie kommen nur mit Verboten und Verordnungen. Damit ruinieren Sie Bauernfamilien. “ Verbote würden beispielsweise den Bau von Güllebehältern erheblich erschweren. Und Biogasanlagen wären doch wohl ursprünglich politisch gewollt. „Die politischen Entscheider haben in Sachen Biogas eine Fehlentscheidung getroffen“, räumte Hendricks unumwunden ein.


Ein Jungbauer aus Tornesch kritisierte, dass von Seiten der Politik mit unterschiedlichem Maß gemessen würde: „Wir Bauern werden für jede Kleinigkeit in Regress genommen und als Umweltverpester denunziert. Und was ist mit der Autoindustrie? Die haben belogen und betrogen. Das kratzt niemanden. Hauptsache der Export läuft.“ Hendricks: „Ich kann verstehen, dass Sie sich aufregen. Der müsste sich mit der Industrie anlegen.“

Konsens gab es aber auch: Meinungsübergreifendes Kopfnicken löste Packschies durch eine Bemerkung über die zunehmende Bürokratisierung bei Umweltschutzmaßnahmen aus: „Umweltschutz ist ein bürokratisches Monster. Aus wirklichem Naturschutz ist ein virtueller geworden.“

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