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Pinneberger Tageblatt

24. November 2017 | 16:13 Uhr

„Ministerin pauschalisiert alles“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Namensdebatte Hans Joachim Marseille steht auf der Schwarzen Liste / Ehemaliger Soldat aus Appen meldet sich nun zu Wort

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2017 | 16:00 Uhr

„Wir verbannen zu Recht den Wehrmachtshelm aus der Stube. Doch am Tor der Kasernen stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent.“ Das waren die Worte der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in ihrer Rede beim Parlamentarischen Abend in Berlin. Einmal wieder ging es um den Bundeswehrskandal um den terrorverdächtigen Oberleutnant Franco A. und rechtsextremes Gedankengut. Und wieder ging es um die Benennung von Kasernen nach Wehrmachtsoffizieren. Diesmal fiel offiziell der Name der Appener Marseille-Kaserne. „Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann“, fuhr die Verteidigungsministerin fort.

Den Appener Dietrich Malcherczyk macht das wütend. Acht Jahre seines Lebens arbeitete der 80 Jahre alte Mann als Zeitsoldat im Rang eines Hauptfeldwebels, danach 37 Jahre bei der Militärseelsorge. 1956 begann er seine Grundausbildung in der Marseille-Kaserne. Diese ist in der Tat eine Kaserne der nationalsozialistischen Zeit, wie Malcherczyk betont – erbaut 1935 als Fliegerhorst Uetersen. Die Umbenennung nach dem Wehrmachtsoffizier Marseille erfolgte erst im Jahr 1975. „Mit einer Ausnahmebewilligung durch den ehemaligen Verteidigungsminister der SPD, Georg Leber“, weiß Malcherczyk.

„Mich ärgert, dass von der Ministerin alles pauschalisiert wird“, fährt er fort. „Sie verwechselt Geschichte und Tradition und durch diese Milieuverschiebung ergibt sich ein schiefes Bild.“ Seiner Meinung nach würden dadurch auch große Namen wie General Ulrich de Maizière (1912-2006), Vater des Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU) und „Vater der Bundeswehr“, beleidigt. Denn auch der General diente zuvor in der Wehrmacht, legte denselben Eid ab wie Marseille: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten (...) will.“ Doch genau in diesem Punkt differenziert die Verteidigungsministerin: „Es gibt so viel, auf das wir stolz sein können! Dazu gehören selbstverständlich auch Persönlichkeiten wie General Heusinger und General de Maizière oder mein Vorgänger im Amte, Helmut Schmidt“, sagte sie in Berlin. „Sie waren für den Aufbau der Bundeswehr als eine Armee der Demokratie prägend. In kritischer Auseinandersetzung mit ihrer Zeit in der Wehrmacht.“

Für eine kritische Auseinandersetzung hatte Marseille keine Zeit mehr: Er starb bei einem Absturz 1942 in Afrika. Einfach Pech? Vielleicht. „General de Maizière hatte die Chance, als überzeugter Demokrat im Rechtsstaat sein Soldatentum aufzuarbeiten“, sagt Malcherczyk. „Man hatte in der Wehrmacht zwei Möglichkeiten: Entweder man hat mitgemacht und sich an seinen Eid gehalten oder man kam vor das Kriegsgericht. Und Frau von der Leyen ist nicht in der Lage, in das Gewissen eines jeden einzelnen Soldaten zu sehen. Deshalb ist eine Pauschalisierung als Nazi-Offiziere eine abgrundtiefe Beleidigung.“

Einem anderen Menschen in den Kopf sehen kann niemand. Trotzdem wird es immer wieder versucht, gerade bei Hans-Joachim Marseille und seinem ambivalenten Verhältnis zur Wehrmacht. Biografen versuchten, den Flieger zu rehabilitieren: Wegen Ungehorsam kam er zunächst nicht weiter in seiner Wehrmachtslaufbahn; er scheute sich nicht mal, Hitler vor den Kopf zu stoßen. Zeitgenossen erinnerten sich etwa wie der junge Mann zum Entsetzen des „Führers“ „entarteten“ Jazz am Klavier vorspielte. Diese Anekdote beschreiben die Autoren Colin Heaton und Anne-Marie Lewis in ihrem Buch „The Star of Africa: The Story of Hans Marseille“. Dass aus solchen Affronts eine Einstellung gegen den Nationalsozialismus abgelesen werden kann, wollte das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam indes nicht bestätigen. In einem Gutachten von 2013 heißt es: „In der historischen Forschung – eine wissenschaftliche Biographie liegt nicht vor – ist nicht bekannt, dass sich Hans-Joachim Marseille durch sein gesamtes Wirken oder durch eine herausragende Tat um Freiheit und Recht im Sinne der heute geltenden Traditionsrichtlinien verdient gemacht hat.“

Eine lang geführte Debatte, eigentlich ein alter Hut. Doch Malcherczyk will das Menschliche an Marseille – jenseits der „Stern von Afrika“-Propaganda der NS-Zeit, jenseits vom verklärten frechen Helden der Lüfte der Nachkriegszeit – wieder in den Fokus rücken. Zu Marseilles 70. Todestag am 30. September 2012 sprach er auf einer Gedenkfeier mit Mitgliedern des alten Kampfgeschwaders Marseilles. „Wer in der Staffel Kummer hatte, ging in das Zelt von Marseille und fand dort den seelischen Ausgleich“, berichtete er. Die ehemaligen Kameraden erzählten ihm nicht nur von waghalsigen, fast spielerischen Manövern auf den Feind, sondern auch von einem fröhlichen Menschen, der die Moral der ganzen Truppe trug. Ob dahinter eine nationalsozialistische Gesinnung, eine Trotzhaltung oder schlichtweg Gleichgültigkeit stand – das vermag niemand jemals zu sagen. Vielleicht wird auch deswegen die alte Debatte immer wieder geführt – mit Feuer und Leidenschaft.

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