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Mit 50 Euro zum eigenen Geschäft : Mikrokredite: Wie Geld aus dem Kreis Pinneberg die Welt verändert

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Pinnebergerin Ingrid Neitzel besucht Unternehmensgründerinnen auf den Philippinen. Das Prinzip: Kleine Darlehen sichern das Familieneinkommen.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2017 | 16:00 Uhr

Pinneberg/Manila | Am 7. Januar landet um 16 Uhr eine Emirates-Maschine auf dem Manila Ninoy Aquino International Airport, dem Flughafen der philippinischen Hauptstadt. An Bord ist Ingrid Neitzel aus Pinneberg, Vorstandsmitglied des norddeutschen Fördervereins von Oikocredit. Oikocredit ist eine Genossenschaft, die Kleinunternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern mit Krediten unterstützt. Und Neitzel will schauen, wo das Geld bleibt, welches die Organisation investiert.

Die internationale Genossenschaft Oikocredit mit Sitz im niederländischen Amersfoort entstand 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen. Trotz ihrer Wurzeln ist sie unabhängig. Hauptaufgabe ist die Vergabe von Kleinkrediten. Das Geld geht an Partnerbanken auf der ganzen Welt, die es an Selbständige in Entwicklungs- und Schwellenländern weitergeben. Die Kreditnehmer zahlen Zinsen. Und Oikocredit erwirtschaftet eine Rendite für seine Mitglieder. Die Finanzbeziehungen sollen Geschäfte, nicht klassische Entwicklungshilfe sein. Privatleute können Mitglied in einem der weltweit 30 Förderkreise werden, die in die Genossenschaft investieren. Die meisten der 51000 Anleger kommen aus Deutschland. Bilanzsumme von Oikocredit 2015: etwa eine MiIliarde Euro.

Neitzel taucht in eine fremde Welt. „Ich bin gar nicht so expeditionslustig und habe erst gezögert. Ich bin eher mit dem Rad in Skandinavien unterwegs“, sagt Neitzel etliche Wochen später im Gespräch. „In Deutschland habe ich aber Philippinerinnen kennengelernt. Und ich war neugierig, wo das Geld bleibt, das wir investieren.“ Als sie den Flieger verlässt, schlagen ihr 35 Grad Celsius und schwül-feuchte Tropenluft entgegen. Für phillipinische Verhältnisse ist es trotzdem trocken. Der europäische Winter ist dort die ideale Reisezeit.

Neitzels erster Eindruck von Manila: laut, stinkend, hektisch. „Ich hatte sofort entzündete Augen vom Smog.“ Manila ist ein 17-Millionen-Einwohner-Moloch. Durch die Stadt ziehen sich sechsspurige Trassen, über die sich Tausende von Autos, Lastwagen und Mopeds mit Beiwagen quetschen – teils völlig überladen, mit ganzen Bambusbäumen im Gepäck. „Ich konnte mir bis dahin gar nicht vorstellen, dass es so große Städte gibt“, erinnert sich Neitzel.

Die Landschaft der Philippinen bietet mitunter atemberaubende Perspektiven.

Die Landschaft der Philippinen bietet mitunter atemberaubende Perspektiven.

Foto: Neitzel
 

Es geht raus aufs Land. Zwei Stationen hat sich die achtköpfige Gruppe vorgenommen: Cabanatuan, etwa 160 Kilometer nördlich von Manila, und San Pablo, etwa 85 Kilometer südöstlich der Hauptstadt. Von dort fahren die Teilnehmer in Tagestouren zu verschiedenen Projekten. Etwa zu Necitas Mercado nach Cabanatuan. Mercado ist Anfang 60, hat fünf Kinder und elf Enkel. Sie betreibt einen Sari-Sari, einen winzigen Tante-Emma-Laden. Vor etwa 20 Jahren hat sie sich bei der Aski-Bank, philippinische Kooperationspartnerin von Oikocredit, 5000 Philippinische Pesos geliehen. Das entspricht etwa 100 Euro.

Kleine Geschäfte sichern häufig das Familieneinkommen.

Kleine Geschäfte sichern häufig das Familieneinkommen.

Foto: Neitzel
 

Der Kredit ist längst abbezahlt. Mit neuen Darlehen hat sie eine Hühner- und Entenzucht aufgebaut und einen Hektar Land aus dem Reisanbau in eine Plantage für Calamansi-Früchte verwandelt. Ein typischer Weg für viele Frauen. „Meist fangen sie mit Waren für den Straßenverkauf an, dann kommt vielleicht ein Sari-Sari, ein Tricycle für den Transport, eine Ladestation für Mobiltelefone, eine Wasser-auffüllstation, eine Schweine- oder Hühnerzucht dazu“, sagt Neitzel.

Einige Tage später reist die Gruppe nach San Pablo. Dort trifft sie Daisy Valdez-Maligalig. Sie hat unrentable Reisterrassen in Fischteiche verwandelt, in denen sie Tilapia züchtet. Der Buntbarsch ist weltweit als Speisefisch beliebt. Auch Valdez-Maligalig hat vor etwa zehn Jahren mit 100 Euro der regionalen Card-Bank angefangen. Mit zahlreichen neuen Krediten erweiterte sie die Zucht, den Futteranbau, errichtete eine Wasserabfüllstation und eine solarbetriebene Ladestation für Mobilgeräte. Sie beschäftigt heute zwei Festangestellte und acht Saisonkräfte. Ihr nächstes Projekt: ein 2000-Euro-Kredit für eine Schweine- und Hühnerzucht.

Ingrid Neitzel aus Pinneberg ist im norddeutschen Oikocredit-Förderverein aktiv. Sie war im Januar auf den Philippinen.

Ingrid Neitzel aus Pinneberg ist im norddeutschen Oikocredit-Förderverein aktiv. Sie war im Januar auf den Philippinen.

Foto: Tobias Thieme
 

Eine Woche lang schaut sich Neitzel die Projekte an und hängt noch eine Woche Urlaub im Norden der Hauptinsel dran. Als sie am 22. Januar wieder in Hamburg landet, tut sie das mit einem guten Gefühl. Ihr Fazit: „Ich weiß, dass das Geld gut angelegt wird.“

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