Migrationsgeschichte unter dem Brennglas

Um 1930 gehörte die Schmuckstraße noch zum Chinesenviertel.
Um 1930 gehörte die Schmuckstraße noch zum Chinesenviertel.

Vor zirka 130 Jahren kamen die ersten chinesischen Einwanderer nach St. Pauli – sie wurden verfolgt und diskriminiert

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06. April 2020, 15:14 Uhr

Hamburg | Die ersten chinesischen Migranten, die die Elbmetropole vor rund 130 Jahren als billige Arbeitskräfte an Bord deutscher Dampfschiffe erreichten und sich im Stadtteil St. Pauli in der Schmuckstraße und den umliegenden Gassen niederließen, waren bei den Hanseaten nicht besonders beliebt. Die Choleraepidemie 1892, Deutschlands Kolonialbestrebungen in China ab 1897 und der Hafenarbeiterstreik 1896/97 – das waren die großen Themen Ende des 19. Jahrhunderts.

Und diese Ereignisse waren es auch, die das Bild der „farbigen Seeleute“ nachhaltig prägen sollten. Chinesische Hafenarbeiter, sogenannte „Kulis“, galten als Streikbrecher. War von China die Rede, so sprach man von der „gelben Gefahr“. Auch Cholera sollten die „unhygienischen“ Chinesen zu verantworten haben.

Diese Vorurteile reichten aus, um aus dieser Menschengruppe ein Zerrbild der „Fremden“ zu konstruieren, die am Hafenrand angeblich ihr Unwesen trieben. Dabei waren es zu Beginn des Ersten Weltkriegs nur knapp mehr als zweihundert Menschen, die die chinesische Gemeinde in Hamburg bildeten. Auch nach dem Krieg und vor allem in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich in Hamburg so etwas wie ein eigenes „Chinesenviertel“ etablierte, blieben die Asiaten die „Fremden“, die mit Prostitution und Drogenhandel in Verbindung gebracht wurden – eine marginalisierte Gruppe in der Weltstadt Hamburg.

Stereotype wie diese machten sich die Nationalsozialisten zu Nutze. Nun waren Chinesen nicht mehr nur „Fremde“, sondern eine „fremde Rasse“ und rückten so mit in den Fokus des Nazi-Terrors. Im Mai 1944 fand die Geschichte der chinesischen Einwanderer in Hamburg dann ein vorläufiges Ende: Die Gestapo nahm während der sogenannten „Chinesenaktion“ 129 chinesische Männer wegen angeblicher Feindbegünstigung fest. Mindestens 17 starben im Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel oder als Zwangsarbeiter. Auf Wiedergutmachung warteten die etwa 30 nach Krieg und Naziherrschaft in Hamburg verbliebenen Chinesen vergeblich.

Ein chinesisches Viertel gab es in Hamburg nie wieder. Wohl aber eine große Zahl China-Restaurants, die heute das Bild asiatischer Einwanderung prägen. Das wohl letzte Relikt aus alter Zeit ist das von Marietta Solty geführte und von ihrem Vater Chong Tin Lam 1934 eröffnete Hong-Kong Hotel am Hamburger Berg.

In seinem Buch „Fremde – Hafen – Stadt“ zeichnet der Historiker Lars Amenda diese wechselvolle Geschichte der chinesischen Migranten und ihrer Wahrnehmung in Hamburg nach. „Historische Relevanz lässt sich nicht immer in Quantitäten messen“, sagt Amenda. Und tatsächlich lassen sich am Beispiel der kleinen Zahl chinesischer Einwanderer in Hamburg gut hundert Jahre Globalisierungs-, Kultur- und Lokalgeschichte wie unter dem Brennglas betrachten.

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