„Wer Erfolg hat, sollte etwas zurückgeben“ : Michael Otto über sein Unternehmen, Klimaschutz und politische Herausforderungen

Seine moralische Überzeugung ist für ihn längst zur Passion geworden: Michael Otto.
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Seine moralische Überzeugung ist für ihn längst zur Passion geworden: Michael Otto.

Im Interview mit shz.de spricht der Hamburger Ehrenbürger über sein soziales und ökologisches Engagement und seine Familie.

shz.de von
24. Januar 2018, 16:15 Uhr

Hamburg | Am 12. April  wird  der Unternehmer und Hamburger Ehrenbürger Michael Otto seinen 75. Geburtstag feiern. Ein guter Zeitpunkt, sich endlich mehr um seine Hobbys zu kümmern? Das kann man sich zumindest gut vorstellen, wenn man den erfolgreichen Manager von seinen Reisen schwärmen hört: Auf dem Pferderücken durch Kasachstan zum Beispiel oder auf Kulturreise mit seiner Frau Christl quer durch den Iran. Nicht so Michael Otto. Seine moralische Überzeugung ist für ihn längst zur Passion geworden. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Otto-Gruppe will er zwar weiterhin den Übergang auf der Gesellschafterseite zu Sohn Benjamin mitgestalten. Daneben aber will Michael Otto über seine verschiedenen Stiftungen für soziale und ökologische Projekte „politische und gesellschaftliche Lösungen anbieten“, sagt er. Otto fühlt sich dem Gemeinwohl verpflichtet,  dafür bekam er zahlreiche Ehrenpreise und bekleidet etliche Ehrenämter. Er möchte seine Ideen „multiplizierbar machen“, wie er sagt, wie zum Beispiel seine Initiative zur Schulung von Baumwollbauern in Afrika. Das Programm erreicht in zehn afrikanischen Ländern 760.000 Baumwollbauern mit ihren Familienangehörigen, insgesamt rund sechseinhalb Millionen Menschen. „Das ist auch eine Bekämpfung von Fluchtursachen. Denn die haben heute höhere Einkommen, weil sie deutlich höhere Ernteerträge haben“, sagt Otto, „die haben Schulmöglichkeiten für ihre Kinder. Und die bleiben auf ihrer Scholle, im Grund hängt doch jeder Mensch an seiner Heimat.“

Frage: Wie viele Bitten um finanzielle Unterstützung und Hilfsgesuche flattern Ihnen eigentlich täglich so auf den Tisch?
Michael Otto: In der Woche sind das sicher so zehn bis zwölf, die ich persönlich bekomme. Was gar nicht erst direkt auf meinen Schreibtisch kommt, kann ich nicht beurteilen, das sind sicher sehr viel mehr. Aber wir können nicht alle erfüllen, das ist auch klar. Wir haben unsere Schwerpunkte, die Fördermaßnahmen sind von vornherein konzentriert auf Umwelt, Entwicklungshilfe, auf die medizinische Stiftung, die noch mein Vater gegründet hat, sowie auf kulturelle Initiativen und Bildungsprojekte im Kinder- und Jugendbereich, die wir langfristig betreiben.

Wie schwer fällt es, immer wieder auch mal „Nein“ sagen zu müssen?
Das ist nicht einfach, aber man kann nicht alles machen. Natürlich gibt es auf der Welt tausende gute Projekte, aber man muss sich irgendwo beschränken. Deshalb haben wir uns zum Beispiel in meiner Umweltstiftung auf Projekte konzentriert, die mit Wasser zu tun haben: von Flüssen, Seen, Feuchtgebieten bis hin zum Meer. Und die wiederum haben wir auch noch regional begrenzt, auf Deutschland, Nordeuropa und Nordasien.

Bleibt neben dem Fulltime-Job der Stiftungen denn noch ausreichend Zeit für Ihre Aufgaben als Aufsichtsratsvorsitzender der Otto-Gruppe?
Meine Haupttätigkeit ist natürlich, im Gespräch mit dem Vorstand die strategische Entwicklung der Otto-Gruppe mitzugestalten. Die Stiftungen kosten viel Zeit, aber die opfere ich  gern. Und seit ich nicht mehr im Tagesgeschäft bin, habe ich auch etwas mehr Luft, um mir die Projekte vor Ort anzuschauen. Seit einigen Jahren fahre ich zum Beispiel ein- bis zweimal im Jahr nach Afrika, wo wir Baumwollbauern schulen, damit die höhere Erträge erwirtschaften und vor allem nachhaltige Baumwolle produzieren. Ich finde es wichtig, die Projekte nicht nur vom Papier aus zu kennen.

Sie haben 2015 Ihre Mehrheitsbeteiligung an der Otto-Gruppe in Milliardenhöhe in eine Stiftung überführt. Warum?
Das habe ich in Absprache mit meinen Kindern gemacht, die auch voll dahinter stehen. Mir ging es darum, dass die Mehrheit an der Otto-Group immer in unserer Hand bleibt und das Unternehmen nicht irgendwann in fremden Händen an der Börse landet. Und wir über die Stiftung die Entscheidungshoheit behalten, wie sich die Gruppe weiter entwickelt. Außerdem war mir wichtig, dass unser Sitz immer in Hamburg bleibt. Wir haben da langfristig Kontinuität sichergestellt.

 

Sie haben aber nicht nur an Firma und Familie gedacht...
Nein, wer Erfolg hat, sollte auch etwas zurückgeben. Davon war und bin ich zutiefst überzeugt. Wenn man Gewinne ausschütten kann,  sollte auch der Gesellschaft was zurückgegeben werden. Das wollen wir durch die Stiftungen zum Beispiel im Sozial- und Umweltbereich tun. Und das bleibt auch in der Zukunft unser Anliegen.

In der Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt rutschten sie danach von Platz 51 auf 174 unter „ferner liefen“...
(lacht) Die Forbes-Liste habe ich eigentlich nie als relevant angesehen. Ich habe vor Jahren mal versucht von dieser Liste runter zu kommen, auch, weil ich gar nicht weiß, nach welchen Kriterien die überhaupt  bemessen wird. Da haben die Macher geantwortet, ich sei der erste, der raus will, die anderen wollten alle immer rein. Aber ich bin da völlig leidenschaftslos. 

Der Otto Versand Hamburg war ein Kind der 50er-Jahre. Wie konnten Sie den Erfolg ins Zeitalter der Globalisierung und Modetrends herüber retten?
Nachdem ich 1981 Vorstandsvorsitzender wurde, bin ich alle zwei Jahre mit meinem IT-Vorstand in die USA gefahren, um zu sehen, was dort die großen, aber auch die kleinen Hard- und Softwareunternehmen so entwickeln und in ihren Laboratorien vorbereiten. Heute ist das ganz normal, aber damals habe ich dort kaum einen Europäer getroffen.  Als dann das Internet richtig nutzbar wurde,  gehörten wir 1995 zu den Ersten, die mit ihrem gesamten Sortiment im Internet waren. So hatten wir über Jahre einen Vorsprung, Mitarbeiter und Kunden zu schulen und Neukunden zu gewinnen. Wir hatten die Zeit, aus einem klassischen Versandhaus ein digitales Unternehmen zu bauen. Unsere großen Konkurrenten haben damals den Anschluss verschlafen.

Erfüllt es Sie manchmal mit etwas Wehmut, dass es den guten alten Otto-Katalog nicht mehr gibt?
Das war natürlich schon eine besondere Zeit, und der Katalog mit Claudia Schiffer, Sylvie van der Vaart und anderen berühmten Stars auf der Titelseite war irgendwie auch ein bisschen Kult. Aber die Zeiten verändern sich, die Einkaufsgewohnheiten auch. Man muss permanent mitgehen, wenn man erfolgreich sein will und immer auch ein bisschen vorausdenken. Wer erst reagiert, wenn der Markt schon voll in Bewegung ist, kommt zu spät.

Wie schwierig war und ist es, Ihre Ansprüche von Nachhaltigkeit, fairer und ökologischer Produktion in den globalisierten Wettbewerb herüberzuretten?
Aus unserer Sicht sind die Werte, die wir im Unternehmen haben, nicht verhandelbar. Ich habe 1986 bereits nachhaltiges Wirtschaften und Umweltschutz zu einem weiteren Unternehmensziel erklärt. Und wir haben dann auch Sozialstandards entwickelt, die heute über 1000 importierende europäische Unternehmen einsetzen. Wir begnügen uns auch nicht damit, unseren Lieferanten im Vertrag Standards zu diktieren, sondern wir auditieren unsere Lieferanten, in dem wir zum Beispiel auch unangemeldete Kontrollen machen.

Was müssen wir uns denn unter Sozialstandards zum Beispiel vorstellen?
Ein Beispiel: Ich war gerade in Bangladesch und habe mit Gewerkschaften und Abgeordneten gesprochen, dass die Mindestlöhne dort mindestens verdoppelt werden müssen. Ich habe ihnen zugesichert, wir werden uns deswegen nicht von Bangladesch zurückziehen. Da werden auch die meisten anderen deutschen Importeure mitziehen.

Wie enttäuscht sind Sie vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Ansprüche über das bisherige Ergebnis der  Sondierungen  für eine neue Regierungskoalition?
Zunächst einmal bin ich sehr enttäuscht, dass sich die FDP so schnell aus den Verhandlungen zurückgezogen hat und keine Verantwortung übernehmen wollte. Ich finde, alle drei, CDU/CSU, Grüne und FDP, hätten jeder wirklich etwas einzubringen, und zwar sehr unterschiedliche Dinge. Das Ganze hätte wirklich eine sehr interessante Koalition werden können.

Einige Ihrer zentralen Anliegen wie Klimaschutz, ökologische Energiepolitik, schonender Umgang mit Ressourcen sind bislang fast völlig auf der Strecke geblieben.
Erst mal hoffe ich, dass wir eine große Koalition und damit eine stabile Regierung bekommen. Wir können die Bürger ja nicht so lange wählen lassen, bis der Politik das Ergebnis  passt. Und jede Partei, die sich zur Wahl stellt, gibt sich selbst auf, wenn sie nicht den Anspruch hat, in der Regierung etwas zu beeinflussen und zu verändern.

Regieren um jeden Preis?
Im Ergebnis der Sondierungen stehen einige vernünftige Dinge für Soziales, Wirtschaft  und vor allem Europa drin. Die sind nicht so schlecht, wie man vielleicht befürchten musste. Aber mir fehlen zwei ganz wichtige Dinge: Erstens kommen zukunftsbezogene Fragen für mich deutlich zu kurz. Wie verändert sich unsere Gesellschaft im Rahmen der Digitalisierung und Globalisierung, wo müssen wir Weichen stellen, damit wir auch in Zukunft erfolgreich sind. Wie stellen wir uns auf den Wandel der Arbeitsplätze, der mit Macht kommen wird, wie auf  die Robotisierung, die demografische Entwicklung ein? Diese Themen kommen absolut zu kurz.

Im Klimaschutz will die Koalition sogar hinter ihre alten Ziele zurückgehen.
Beim gesamten Umweltthema ist das Papier sehr, sehr kurz gefasst. Ein Kohleausstieg ist praktisch überhaupt nicht terminiert. Die Klimaschutzziele für 2020 sind mir etwas zu voreilig gestrichen. Auch wenn man es nicht schaffen kann, die zu erreichen, müsste man ganz anders vorgehen. Man müsste sagen, es wird extrem schwer, aber jetzt müssen wir erst recht richtig Gas geben, damit wir überhaupt eine Chance haben, die Ziele zu schaffen. So hätte ich mir das gewünscht. Das fängt mit der Entbürokratisierung an. Wenn sie heute den Ausbau regenerativer Energien verstärken wollen und interessante Konzepte entwickeln, dann gibt es da so viele Vorschriften, die dagegen stehen, das man kaum vorankommt. Solche Dinge fehlen, da greifen die Vereinbarungen bislang deutlich zu kurz.

Macht das die rot-grüne Koalition in Hamburg besser?
In Hamburg geht es nicht so sehr um regenerative Energien, sondern mehr um Radwege und die Erhaltung unseres Grüns. Aber für das alte Kohlekraftwerk Wedel hat man jetzt ja wohl eine Lösung gefunden, das ist gut. Und dann hat Hamburg mit dem VW-Konzern ein bemerkenswertes Abkommen geschlossen, wie man hier den Verkehr vom CO2-Ausstoß durch Elektromobilisierung und Optimierung der Verkehre entlasten kann, das machen sie wirklich gut.

Sähen Sie Olaf Scholz gern als wichtigen Minister in Berlin oder  lieber als Ersten Bürgermeister in Hamburg?
Ich glaube, beides kann er gut. Ich schätze ihn sehr, und in beiden Aufgaben wird er viel Positives beitragen.

Was bedeutet Ihnen die Hamburger Ehrenbürgerschaft?
Die hat mich schon sehr berührt und außerordentlich erfreut, weil sie sehr selten ist. Ich hätte mich auch ohne die Auszeichnung weiter intensiv für Hamburg eingesetzt, aber sie ist noch mal ein zusätzlicher Ansporn.

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