Kreis Pinneberg : „Menschen mit Handicaps sind ein wertvoller Bestandteil in unserer Gesellschaft“

Axel Vogt ist seit fast zwei Jahren Behindertenbeauftragter.
Axel Vogt ist seit fast zwei Jahren Behindertenbeauftragter.

Im Interview spricht der Behindertenbeauftragte Axel Vogt über seinen Aktionsplan, Teilhabe und sinnvolle Ausgaben.

shz.de von
17. Mai 2018, 10:00 Uhr

Pinneberg | Seit dem 1. März 2015 ist Axel Vogt ehrenamtlicher Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung im Kreis Pinneberg. Zu den Zielen seiner ehrenamtlichen Funktion gehören Inklusion, Teilhabe, Gleichstellung und Selbstbestimmung. Im Gespräch mit shz.de äußert sich der Behindertenbeauftrage zum Aktionsplan, der nun realisiert werden soll.

Frage: Welchen Grund hatten Sie, einen Aktionsplan für den Kreis zu entwickeln?
Axel Vogt: Keinen formalen. Mir ist wichtig, dass in der Gesellschaft erkannt wird, Menschen mit Handicaps sind ein wertvoller Bestandteil in unserer Gesellschaft. Sie werden aber oft behindert und können ihr Potenzial nicht zur Entfaltung bringen. Damit sie dies können, müssen Barrieren abgebaut werden und das sollte der Aktionsplan aufzeigen.

Das Ganze hat 70.000 Euro gekostet. Ist das nicht viel Geld? Damit hätte man schon einige Barrieren abbauen können.

Wichtig war die Teilnahme aller relevanten Gruppen an dem Prozess zu allen wichtigen Themen. Das funktioniert nur in Form von Workshops. Davon sind über 50 durchgeführt worden. Für die Durchführung brauchten wir Moderatoren, die professionell die Arbeitsgruppen durch alle Querschnittsthemen geführt haben. In den Workshops waren insgesamt über 100 Personen eingebunden. Bei diesen beeindruckenden Zahlen des gesamten Projekts empfinde ich den Betrag angemessen.

Aber noch einmal nachgefragt: Hätte man mit dem Geld nicht schon einiges ändern können?
Das Motto in der Behindertenarbeit lautet „nicht ohne uns über uns“. Wenn wir diesen Ansatz ernst nehmen, müssen wir erst mal die Betroffenen nach ihren Bedarfen und nach möglichen Lösungen befragen. Das haben wir mit diesem Prozess gemacht. Es waren knapp 25 Prozent der Teilnehmer Behinderte oder deren Angehörige.

Sind Sie mit dem Ergebnissen zufrieden?
Ja sehr. Wir haben 55 Maßnahmen ins Stammbuch geschrieben bekommen, worum wir uns zuerst kümmern sollen. Darüber hinaus wurden noch weitere 238 gute Vorschläge zur Verbesserung der Situation gemacht.

Wenn Sie die Ergebnisse zusammenfassen, was sticht hervor?
Man kann die Ergebnisse in drei Hauptbereiche zusammenfassen. Erstens fehlen ausreichend Angebote in allen Bereichen, um Menschen mit Behinderungen bedarfsgerecht unterstützen zu können. Zweitens fehlt die Transparenz über bestehende Angebote, um über Hilfen, die es schon gibt, Informationen zu bekommen. Und drittens befinden wir uns in einem dauerhaften Reparaturbetrieb.


Was meinen Sie mit „dauerhaften Reparaturbetrieb“?
Wir haben in allen vorangegangenen Jahren bei Entscheidungen die Interessen der Menschen mit Behinderungen nicht ausreichend berücksichtig und müssen dies jetzt mit vielen Einzelentscheidungen und hohen Kosten korrigieren. Bedauerlicherweise ist der Lernprozess bei den Entscheidern noch nicht so weit ausgeprägt, dass alle aktuellen Entscheidungen dies berücksichtigen. Man kann sagen, wir erhalten uns durch fast jede neue Entscheidung den Reparaturbetrieb.

Können Sie uns das einmal mit einem Beispiel näher erklären?
Nehmen wir einmal das Thema Mobilität. Für alle Menschen ist Mobilität wesentlich für gesellschaftliche Teilhabe, also auch für Menschen mit Behinderungen. Viele Menschen mit Handicaps sind auf den ÖPNV (Red.: Öffentlicher Personennahverkehr) angewiesen. Theater- oder Kinobesuche können aber nicht durchgeführt werden, weil man nicht mehr nach der Vorstellung nach Hause kommen kann. Wenn man Angebote im ÖPNV macht, reicht es nicht mehr aus, nur auf die Mehrheit zu schauen. Man muss auch auf spezielle Bedarfe von Personengruppen schauen. Dies müssen wir korrigieren.

Wie könnte man denn dies lösen?
Mit einem System eines Anrufsammeltaxis, das es schon in vielen Kommunen in Deutschland gibt. Damit können sie in den Abendstunden und an Wochenenden durch einen Anruf eine Fahrgelegenheit bestellen, die sie zum Beispiel zum nächsten Knotenpunkt bringt. Und ganz nebenbei, davon würden nicht nur Menschen mit Behinderungen profitieren, sondern auch ältere Personen und Bewohner der ländlichen Räume.

Gibt es besonders wichtige Herausforderungen?
Der Aktionsplan zeigt eine Vielzahl von Baustellen auf. Ohne die anderen Themen zu vergessen, sind sicherlich neben dem Thema Mobilität die Themen Wohnen in den verschiedenen Formen, die Gesundheitsversorgung und das Thema Arbeit sehr wichtige Problemfelder für Menschen mit Handicaps.

Wie geht es jetzt weiter?
Zu den einzelnen vorgeschlagenen Maßnahmen werden wir jetzt festlegen, wie eine Umsetzung schnellstmöglich realisiert werden kann. So können wir jetzt entsprechende Anträge im Kreistag stellen, um die Finanzierung zu sichern. Es gibt aber auch Maßnahmen, die vorrangig erst einmal kein Geld kosten. Da geht es zum Beispiel um Verwaltungshandeln. Die Teilnehmer in den Workshops haben die hohe zeitliche und nervliche Belastung durch die jeweilige umfangreiche Antragstellung aufgezeigt. Wir werden mit der Kreisverwaltung schauen, welche Erleichterungen umsetzbar sind.

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