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Sonntagsreportage : Rettungsassistenten, die „Ritter in roter Rüstung“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eine Zwölfstundenschicht auf dem Rettungswagen 3 in Pinneberg. Das Team ist eingespielt. Sein Pensum: drei Notfälle und drei Krankenbeförderungen.

Kreis Pinneberg | Eine Schicht lang begleitete Geertje Meyer, Volontärin beim Pinneberger Tageblatt, die Besatzung eines Rettungswagens der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH).

Pinneberg 7.06 Uhr. Es schaukelt und ruckelt. Der Versuch sich zu orientieren ist erfolglos, draußen sind lediglich die Dunkelheit, Scheinwerfer und das reflektierende Blaulicht. Außer dem morgendlichen Pendlerverkehr ist nur das Martinshorn zu hören. Schließlich hält das Gefährt und Pascal Kasper (37) öffnet die Tür. Der Rettungswagen 31/83/3 ist am Einsatzort angekommen. Ein Mann hat Blut erbrochen.

Um 7 Uhr beginnt der Dienst von Kasper und seinem Kollegen Dennis Matthiessen auf der Wache am Gehrstücken. „Morgens ziehe ich meine rote Ritterrüstung an“, sagt Rettungsassistent Kasper. An der Schutzausrüstung würde so mancher emotionaler Einsatz abperlen. Und schon piept der Melder mit dem ersten Einsatz der Schicht. Kasper und Matthiessen  laufen zügig, aber unaufgeregt, zum Wagen und schon beginnt die Fahrt.

Bei dem ersten Patienten des Tages handelt es sich um einen älteren pflegebedürftigen Mann,  der mit etwas bedeckt ist, was  Blut sein könnte. Matthiessen erkennt auf den ersten Blick, dass sich der Mann in der Nacht lediglich erbrochen hat und untersucht ihn routiniert. Kasper spricht währenddessen mit der Ehefrau im ruhigen Ton: „Haben Sie den Pflegebericht?“ Das Team ist eingespielt. Die beiden beschließen: Der Mann muss ins Krankenhaus.

„Oh oh,“ sagt Kasper mit Blick auf den verwinkelten Eingangsbereich des Hauses und weiß sofort: Hier kommt die Trage nicht durch. Über die Terrasse gelingt es schließlich den Patienten in den Rettungswagen zu bringen.

Im Wagen schaut sich Matthiessen den Kranken erneut an und fängt an, Formulare auszufüllen. „Das ist unsere Absicherung. Wir schreiben auf, was wir getan haben und wie es dem Patienten geht“, erklärt der Rettungsassistent. Knapp eine halbe Stunde nach der Alarmierung ziehen Matthiessen und Kasper die 70 Kilo schwere Trage mit dem Patienten  am Albertinenkrankenhaus in Hamburg-Schnelsen aus dem Auto. Ein Krankenhausmitarbeiter entscheidet bei der Übergabe, welcher Fachbereich sich um den Patienten kümmern wird. Die Trage wird desinfiziert und neu bezogen und nach einer kurzen Pause bei einem Becher Automatenkaffee geht es zurück zur Wache in Pinneberg.

Zeit zum Ausruhen bleibt nicht, durch den hektischen Start in die Schicht gilt es zunächst, das Fahrzeug zu überprüfen. Dazu werden die Materialbestände angeschaut, die Geräte auf Funktion getestet und geprüft ob der Rettungswagen für den Einsatz bereit ist. Dies geschieht ohne viel Worte. Auf die Stille angesprochen sagt Kasper: „In unserem Job muss man blindes Vertrauen zum Kollegen haben.“ Und Matthiessen stimmt zu: „Das Team ist unsere zweite Familie. Wenn man mit den Kollegen nicht kann, ist man falsch in diesem Beruf.“

9.28 Uhr piept der Funkmelder erneut. „Notfall“ steht  im Display. Das Team setzt sich ins Fahrzeug und fährt mit Blaulicht und Martinshorn los. Nur vier Minuten später piept der Melder zum dritten Mal. Diesmal mit einer Informationsmeldung: „Stroke-Unit KH Pinneberg bis 18 Uhr gesperrt“. „Das kommt öfter vor, wenn die zu viele Patienten haben“, erläutert Matthiessen diese für ihn alltägliche Nachricht. Am Einsatzort in einem Pinneberger Mehrfamilienhaus geht es mit dem schweren Notfallrucksack auf dem Rücken in den zweiten Stock. Dort untersucht Matthiessen die Patientin, die nicht aufstehen kann und sich schwach fühlt. Wieder wird beschlossen: Es geht ins Krankenhaus. Während Matthiessen sich um die Patientin kümmert, läuft Kasper nach unten, um den Tragesitz zu holen. Der Flur ist zu eng, um dort die Trage einzusetzen. Die Haustür des Mietshauses bleibt nicht offen stehen, daher legt Kasper eine Fußmatte dazwischen. Beim Heruntertragen muss er seinen Kollegen vor dieser Stolperfalle warnen. Im Rettungswagen nimmt sich Matthiessen Zeit und unterhält sich mit der Frau, um sie abzulenken. „Der Patient soll sich bei uns wohl fühlen. Wir wollen den Menschen etwas Gutes tun“, sagt der 25-Jährige.

In der Notaufnahme des Pinneberger Krankenhauses werden die Rettungsassistenten herzlich vom Personal begrüßt. Nach der Übergabe der Unterlagen der Frau wünschen Matthiessen und Kasper der Patientin alles Gute und schon piept der Melder: „Wo seid ihr“ steht darauf. Die Erklärung für diese Frage kommt wenig später: Erneut eine Nachricht auf dem Melder. Diesmal geht es um eine Krankenbeförderung aus dem Krankenhaus zurück nach Hause. Die erste an diesem Tag, aber nicht die letzte.

Die frisch desinfizierte Trage wird nun also auf die Station geschoben, auf der die Patientin entlassen wird. Die Frau setzt sich auf die Liege und wird festgeschnallt. Bei ihr zuhause in Appen angekommen, läuft sie gestützt von den beiden Rettungsassistenten in das Wohnzimmer.

Um 11.10 Uhr dann die nächste Meldung: ein Krankentransport aus einer Pinneberger Internisten-Praxis. Diesmal geht es mit der Patientin zum Altonaer Krankenhaus, da es hier einen Fachbereich Hals-Nasen-Ohren gibt und sie Probleme mit dem Gleichgewichtssinn hat.

Im Anschluss geht es in die Wache. Dort werden die Sicherheitsschuhe mit Hausschuhen getauscht. „Wir sind eine Puschenwache“, sagt Kasper. „Im Wachbereich haben wir Hausschuhe an, da keiner Lust hat, den ganzen Tag Sicherheitsstiefel zu tragen und um es sauber zu halten, schließlich stehen wir auch mal in Körperflüssigkeiten.“ Wieder piept der Melder, diesmal um anzukündigen: Pause. Das bedeutet, dass das Team von Rettungswagen 31/83/3 nur im Notfall alarmiert und nicht für Transporte eingesetzt wird. Essensduft zieht durch den Gemeinschaftsraum. Kasper brät sich Frikadellen. „Ich hab gar nicht mitgezählt, wie oft ich das Essen schon vom Herd nehmen musste, weil wir zum Einsatz mussten“, sagt er. Heute hat er Glück: Es bleibt 45 Minuten lang ruhig.

Doch um 13.45 Uhr piept der Melder wieder, eine Krankenbeförderung vom Pinneberger Krankenhaus in ein Uetersener Pflegeheim steht an. Aus dem Heim soll außerdem noch eine beinah 100-Jährige wieder ins Krankenhaus mitgenommen werden. Die Pflegerin mahnt zur Eile, während Matthiessen behutsam der Dame erklärt, dass sie nach einem Sturz zum Röntgen gebracht wird. „Diese Eile, das ist der Grund, warum ich nicht mehr in der Pflege arbeite“, sagt der gelernte Altenpfleger. Am Krankenhaus fragt Matthiessen einen der Ärzte, wie es der Patientin vom Morgen geht. „Das machen wir, wenn es die Möglichkeit dazu gibt.“ Schließlich geht es zurück an die Wache, und wieder gibt es keine Pause, sondern Papierkram, der erledigt werden muss. Außerdem kümmert sich Matthiessen um den Fuhrpark und vereinbart nebenbei Werkstatttermine. Kasper kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Wache.

Fast zwei Stunden bleibt es ruhig, bis um 18.03 Uhr erneut der Melder piept. Das Alter des Patienten, 14 Monate, lässt die Schritte eiliger werden. Trotzdem fährt Kasper besonnen durch Pinneberg: „Es bringt ja nichts, wenn wir nicht ankommen.“ Vor dem Reihenhaus in Pinneberg greift Matthiessen nicht nur nach dem Notfallrucksack, sondern auch nach einem Teddy, den der kleine Patient bekommt, bevor die Untersuchung beginnt. Um die Folge eines Sturzes, eine kleine Wunde, abzuklären, wird der kleine Junge mitgenommen. Während Kasper den Autokindersitz im Rettungswagen installiert zeigt Matthiessen den Geschwistern geduldig den Wagen, um ihnen die Angst zu nehmen. Während sie mit dem Vater zuhause bleiben geht es mit Blaulicht und Martinshorn über die Autobahn zum Kinderkrankenhaus Altona. Immer wieder scheren Fahrzeuge überraschend in die Rettungsgasse ein. Fahrer Kasper bleibt ruhig. Zehn Minuten vor Dienstschluss sind der kleine Patient und seine Mutter in der Notaufnahme angekommen.

Auf dem Rückweg wird der Wagen getankt, auf der Wache werden die verbrauchten Materialien ersetzt. Um 19.20 Uhr endet für Matthiessen ein normaler Arbeitstag, während Kasper am Computer noch Einsätze eingibt bevor er seine Retterrüstung auszieht.

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erstellt am 23.Feb.2014 | 12:00 Uhr

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