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Kreis Pinneberg : Hebammen bangen um ihre Existenz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Probleme mit der Haftpflichtversicherung lassen freiberufliche Geburtshelfer aufschrecken. In Hamburg haben sie demonstriert.

Kreis Pinneberg | Ein Land ohne freiberufliche Hebammen? Ohne Geburtshäuser und Hausgeburten? Ohne selbstgewählte individuelle Einzel-Betreuung vor, während und nach der Geburt? Das könnte in Deutschland Realität werden, wenn sich nicht vor Juli nächsten Jahres eine politische Lösung für die Berufshaftpflichtproblematik von freiberuflich tätigen Hebammen finden lässt.

Der Aufschrei in Deutschland wird lauter. Petitionen werden gestartet. Erst gestern demonstrierten Hebammen in Hamburg. Auch im Kreis Pinneberg macht sich Unsicherheit unter den Hebammen breit. Denn die Nürnberger Versicherung steigt nach eigenen Angaben zum 1. Juli 2015 aus den letzten beiden verbliebenen Versicherungskonsortien für Hebammen aus. Derzeit ist völlig offen, wer freiberufliche Hebammen dann noch versichern könnte.

„Das bedeutet Berufsverbot für freiberufliche Hebammen, denn ohne Versicherung dürfen wir weder Geburten zu Hause, im Geburtshaus oder in der Klinik betreuen, noch Schwangeren- und Wochenbettbetreuung annehmen“, heißt es seitens Ruth Pinno, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands, in einer Pressemitteilung. Die steigenden Beitragssätze machen den Hebammen ohnehin zu schaffen. Mehr als 5000 Euro jährlich müssen freiberufliche Hebammen ab Juli 2014 an Berufshaftpflichtversicherungsbeiträgen zahlen, wenn sie Geburten betreuen. Dem gegenüber stehen derzeit Preise von zirka 270 Euro pro Geburt. In Deutschland gibt es bislang noch eine gesetzliche Verpflichtung, Hebammen bei einer Geburt hinzuzuziehen. Doch in Gesprächen mit Hebammen aus dem Kreis Pinneberg wird deutlich, dass einige auch Änderungen dieser Gesetze befürchten.

Die Kreis Pinneberger Hebamme Irma Aschert (57) betont: „Es geht nicht nur um die Existenz der Hebammen, sondern um die Betreuung des ungeborenen Lebens.“ Sie zeichnet ein düsteres Zukunftsszenario: „Je weniger Hebammen es gibt, desto aggressiver wird die Geburtshilfe werden. Es wird weniger Rücksicht auf die Bedürfnisse der Frauen genommen werden.“ Sie befürchtet den Einzug „amerikanischer Verhältnisse“, wo es kaum Hebammen gebe: „Es wird mehr operativ entbunden werden und die Frau wird keine Wahl mehr haben.“ Aschert ist seit 35 Jahren Hebamme und hat 30 Jahre lang Kinder im Kreißsaal zur Welt gebracht. Bis vor vier Jahren arbeitete sie noch als Beleghebamme und betreute dabei Frauen auf Abruf persönlich und individuell bei der Entbindung in einem Krankenhaus. Jetzt ist sie nur noch in ihrer Praxis in Uetersen tätig. Geburten betreut sie auch aufgrund der teuren Haftpflichtversicherungsbeiträge nicht mehr. „Es steht in keinem Verhältnis zu Verdienst.“

„Es ist ein Batzen Geld, den man verdienen muss, damit es sich rentiert“, sagt die Hebamme Annette Pieper (47), die einer Praxis in Elmshorn hat und auch als Beleghebamme in Itzehoe arbeitet, zu den immer steigenden Versicherungsbeiträgen. Und finde sich ab Juli 2015 keine neue Möglichkeit der Versicherung, könne sie als Freiberuflerin ihren Job an den Nagel hängen. „Ich mache mir Sorgen. Die Telefone laufen heiß. Frauen und Kolleginnen rufen an. Es gibt eine große Unsicherheit“, so Pieper. „Letzten Endes muss der Politik daran gelegen sein. Wir wollen schließlich mehr Kinder und zufriedene Eltern.“ Ein Staat ohne freiberuflich tätige Hebammen: „Das wäre ein großer Rückschritt.“

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erstellt am 23.Feb.2014 | 08:00 Uhr

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