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Schiedsmann im Kreis Pinneberg : Harald Lill, der „Friedenstifter“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schiedsleute können Streithähnen den teuren Weg vors Gericht ersparen. Vor allem Nachbarschaftsstreits sind ihr Metier.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2014 | 12:17 Uhr

Klein Offenseth-Sparrieshoop | Es geht um Goldfische, wildernde Katzen oder den Grenzabstand von Bäumen, es geht um Lärm bei Gartenpartys und Qualm beim Grillen, und manchmal geht es einfach ums Prinzip: Schiedsmann Harald Lill schlichtet fast jeden Streit. Wie damals, als zwei Nachbarn mit ihren Gehstöcken aufeinander losgehen wollten, weil der eine seine Hecke zwei Meter hoch wachsen ließ, sein Nachbar jedoch auf eine maximale Höhe von 1,90 Meter pochte. Es gelang dem Streitchlichter aus Klein Offenseth-Sparrieshoop, die beiden zornigen Gemüter mit einer Kompromisshöhe von 1,95 Meter zu besänftigen, erinnert sich der 75-Jährige mit leisem Schmunzeln.

„Der Deutsche ist ein streitbarer Mensch“, sagt Lill. Er muss es wissen, denn sein halbes Leben lang beschäftigt er sich schon mit den Auswüchsen der Streits zwischen Nachbarn oder Angehörigen. 1970 zog es den gelernten Bäckermeister zur Justiz. Er machte eine Ausbildung und arbeitete zuletzt als Oberamtsinspektor beim Amtsgericht Hamburg-Altona. Seit 1991 ist Lill einer der etwa 500 Schiedsleute in Schleswig-Holstein. Als „Friedenstifter“ vermittelt er zwischen Streithähnen in seiner Heimatgemeinde Klein Offenseth-Sparrieshoop – ein Ehrenamt, das nur mit Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl zu erledigen sei, erzählt er. „Nicht verzagen, Lill fragen“, lautet der Ruf, der ihm vorauseilt. Vor allem Nachbarschaftsstreitigkeiten füllen seine Aktenordner.

„Streitigkeiten entstehen manchmal aus Wut, oft aber nur aus kleinen Spielchen“, erzählt Lill: „Leute, die nichts zu tun haben und sich etwas ausdenken – einfach nur, um ihren Nachbarn zu ärgern.“ So baute ein Mann einen Poller auf der gemeinsamen Grundstückseinfahrt, während sein Nachbar im Urlaub war: „Als der wieder kam, konnte er mit seinem Auto nicht mehr aufs Grundstück rauf.“ Ein anderer setzte einen Misthaufen genau an die Stelle, wo die Nachbarn auf der anderen Seite ihren Liegeplatz haben. „Obendrauf wurden noch ein paar Knochen rauf geschmissen: Das lockt Ratten, Hunde und Katzen an.“ 

Ein anderer fühlte sich bei den Einladungen zu einer Silberhochzeit übergangen: „Als der dann den Lärm hörte, wurde er gallig und holte einen Eimer Wasser – und die Festgesellschaft, die gerade hinter der Hecke saß, kriegte eine Dusche ab. Oder jener, der wusste, wann der Nachbar Nachtschicht hatte, und seinen Rasen genau dann mähte, wenn dieser schlief. Das sind alles so kleine Tricks“, so Lill. Auch Grillen kann  zum Problem werden, obwohl es im Nachbarschaftsrecht geregelt ist: So dürfen die Bewohner eines Atriumhauses nur einmal pro Woche im Innenhof grillen. „Wenn aber sieben Nachbarn den Achten ärgern wollen, grillen sie ihn abwechselnd jeden Abend voll: Der kann keinen Abend mehr sein Schlafstubenfenster oder die Terrassentür aufmachen.“ 

Doch Lill hatte auch andere Probleme zu lösen. Da war zum Beispiel eine sieben Meter hohe Hecke direkt an einer Grundstücksgrenze. „Die wenigsten wissen, dass sie bei über drei Metern Höhe ihren Charakter als Hecke verliert und wie ein Gebäude gewertet wird.“ Damals sei es um viel Geld gegangen, denn das Laub der Hecke habe die Regenrinne verstopft, so dass die Garage feucht wurde. „Da kam vieles zusammen.“ Schlimm wird es auch, wenn eine Gemeinde keinen Bebauungsplan hat, erzählt Lill. Dann kann ein Hausbesitzer seine Grenzmauer so errichten, dass der Nachbar direkt auf die Steine guckt oder mit seinem Auto nicht mehr aus der Einfahrt heraus kommt.

Im Gegensatz zu einem Richter muss ein Schiedsmann im Streitfall keine Entscheidungen treffen. „Ich bin nur Mittler und Schlichter in Streitigkeiten“, erklärt Lill. Seine Aufgabe sei, den Parteien bei der Suche nach Lösungen zu helfen. „Wenn die sich bei mir nicht einigen können, folgt der Gang zum Amtsgericht.“ Und dort gibt’s kein Recht, sondern nur ein Urteil, zitiert Lill eine Juristen-Weisheit.

Um die Amtsgerichte von bestimmten zivilrechtlichen Streitigkeiten zu entlasten, gilt in Schleswig-Holstein seit dem 1. März 2002 das Landesschlichtungsgesetz. So dürfen Bürger nicht mehr den Weg über die Amtsgerichte gehen, wenn sie sich mit Nachbarn um herüberragende Äste, Grenzabstände von Bäumen und Sträuchern oder Ähnlichem streiten, beleidigt werden oder sich in der persönlichen Ehre verletzt fühlen. Es muss zunächst eine Schlichtungsinstitution – zum Beispiel Schiedsfrauen und Schiedsmänner – aufgesucht und der Versuch einer schiedlich-friedlichen Streitbeilegung gemacht werden. Kontaktdetails zuständiger Schiedsämter sind über die Stadt- und Gemeindeverwaltungen oder online beim Bund Deutscher Schiedsmänner- und Schiedsfrauen (BDS)/Bezirksverband Itzedoe abrufbar: www.bds-itzehoe.de
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