zur Navigation springen

Im Gespräch : „Meine Ehefrau hat Alzheimer“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Mit Offenheit gegen Tabus: Der ehemalige Vorsitzende des TSV Wedel, Jürgen Brenker, spricht über das Leben mit seiner erkrankten Frau.

shz.de von
erstellt am 25.Aug.2015 | 16:30 Uhr

Wedel | Sie war jahrelang begeisterte Rennradfahrerin, zog zwei Kinder groß, arbeitete selbstständig in Büro und Buchhaltung, schmiss den Haushalt und unternahm gemeinsam mit ihrem Ehemann Ausflüge auf dem Segelboot. Sie stand mitten im Leben. Dann der Schock vor etwa fünf Jahren: Die Diagnose Alzheimer veränderte für die heute 63-jährige Monika Brenker aus Wedel alles.

Ihr Ehemann Jürgen Brenker (72), ehemaliger Vorsitzender des TSV Wedel, steht seiner Ehefrau Monika seit 44 Jahren zur Seite – vor und nach der Diagnose. Offen spricht er die Worte aus: „Meine Ehefrau hat Alzheimer.“ Ohne Tabus schildert er seinen Alltag. „Ich möchte, dass Menschen Berührungsängste genommen werden“, sagt er. Mitleid brauche er nicht.

Seine Ehefrau Monika habe vor mehr als fünf Jahren als Rennradfahrerin einen Unfall mit einem Auto gehabt. „Sie hat sich die Schuld gegeben, gesagt, sie hätte einen Aussetzer gehabt. Sie hat sich untersuchen lassen“, sagt Jürgen Brenker. Er erinnert sich an die ungefähren Worte der Ärztin zu seiner Ehefrau: „Sie haben Alzheimer. Richten Sie Ihr gesamtes Umfeld im nächsten halben Jahr danach aus. Danach können Sie es nicht mehr.“

„Ich war selbst mit der Situation überfordert“, sagt Jürgen Brenker. Seine Ehefrau war erst 57 Jahre alt, als die Diagnose gestellt wurde. Das Ehepaar informierte die Kinder, sprach intensiv mit einem Arzt darüber. „Meine Frau hat sofort abgeschaltet, nichts mehr gemacht, ist kein Rennrad, kein Auto mehr gefahren.“ Vorsorgevollmachten wurden unterschrieben, das Haus gegen eine ebenerdige Wohnung getauscht. Bereits einige Monate später waren die ersten Anzeichen der Krankheit zu spüren. „Es war immer ein schmaler Grat zwischen Alzheimer und Normalität. Fast jeder Mensch vergisst im Alter mal etwas“, sagt Jürgen Brenker über die ersten Symptome.

Alltägliches wird zur Herausforderung

Mittlerweile braucht Monika Brenker fast rund um die Uhr Hilfe bei alltäglichen Tätigkeiten, beim Waschen, beim An- und Ausziehen, bei Toilettengängen, beim Essen. Sie kann nicht mehr schreiben oder lesen. „Wenn wir fernsehen, versteht sie nicht, was wir sehen“, sagt Jürgen Brenker. Der 72-Jährige steht ihr zur Seite – rund um die Uhr. Die Veränderungen seiner Ehefrau hält er in einem Tagebuch fest.

„30. Juli 2014: Monika kam heute nicht mit dem Anziehen zurecht. Auch das Putzen der Zahnprothese klappt nicht. Sie putzt sie nicht einzeln, sondern nur, wenn die Prothese noch im Mund ist.“ Wenige Tage später schreibt er: „16. August 2014: Heute hat Monika einen schlechten Tag. Beim Frühstück bat ich sie, sie möge einen großen Löffel aus der Besteckschublade holen. Nachdem ich ihr viermal erklärte, was sie holen soll, kam sie mit einem Messer. Ich versuchte es ihr noch einmal zu erklären. Sie kam mit zwei Löffeln wieder. Ich erklärte ihr, wir brauchen nur einen. Sie fragte: ,Welchen?‘ Sie verstehe nicht, was ich wollte.“

Die Frage, wie er mit der Situation zurecht kommt, hört Jürgen Brenker von vielen Menschen. Er habe sich arrangiert. „Wir sind seit 44 Jahren verheiratet, haben eine sehr gute Ehe und viel Glück mit unseren Kindern gehabt. Das gibt einem Kraft“, sagt er. Es gebe tragische Geschichten, Erkrankungen und bereits Todesfälle in seinem Umfeld. „Was hilft es, den Kopf in den Sand zu stecken?“

Die Alzheimer-Krankheit ist laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ein sehr langsam fortschreitender Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten. Er betreffe vor allem die Abschnitte des Gehirns, die für Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Orientierungsfähigkeit wichtig sind. Der Prozess beginne viele Jahre vor dem Auftreten der ersten Krankheitssymptome. Die Häufigkeit von Demenz in der Bevölkerung steige mit dem Alter steil an. Derzeit  rechne man in Deutschland mit 1,4 Millionen Erkrankungen, von denen etwa zwei Drittel durch Alzheimer bedingt seien. www.deutsche-alzheimer.de

Im seinem Tagebuch vom 27. Juni 2015 steht: „Über ihren Geburtstag freut sie sich nicht. Sie möchte nur mit mir allein sein. Ich versuche ihr klar zu machen, dass sie sich nicht schämen muss bei ihrer Mutter, ihren Kindern und deren Familien. Sie ist aber der Meinung, sie kann es noch verbergen.“

Doch Jürgen Brenker hat längst die Flucht nach vorn angetreten. Der Wirtschaftsprüfer im Ruhestand und frühere professionelle Handballspieler ist seit 20 Jahren im Vorstand des TSV Wedel engagiert – in den vergangenen fünf Jahren als Vorsitzender. Er möchte über die Erkrankung seiner Frau sprechen und verständlich machen, warum er manche Vereinstätigkeiten nur noch eingeschränkt erledigen kann. „Ich habe vor einem Dreivierteljahr gesagt: ‚Wir haben genau zwei Möglichkeiten. Wir schließen uns im Zimmer ein und warten auf den Bestatter oder wir gehen raus und verheimlichen es nicht mehr.‘“

Die Reaktionen der Freunde? Positiv. „Viele haben gesagt: ‚Das könnte uns genauso passieren‘“, sagt Jürgen Brenker. „Als Monika nicht mehr essen konnte, haben unsere Freunde gesagt: ,Dann füttern wir sie eben. Du kommst trotzdem.‘“ Die Akzeptanz der Erkrankung sei groß. „Nur viele Leute wissen nicht, wie man damit umgeht“, sagt Jürgen Brenker.

Ungeduld bei anderen Menschen

Wenn es an der Supermarktkasse ein bisschen länger dauert, weil Monika ihrem Ehemann beim Einkauf nicht mehr zur Hand gehen kann, erlebt Jürgen Brenker durchaus Ungeduld in der Schlange. Dann verteilt er „Verständniskärtchen“ im Scheckkartenformat, auf denen die verärgerten Einkäufer darüber informiert werden, dass seine Ehefrau Alzheimer hat. „Die Leute entschuldigen sich sofort und bieten Hilfe an“, schildert er seine Erfahrung.

Auch ihm fällt es nicht immer leicht, gelassen zu bleiben. Am 29. August 2014 schreibt er in sein Tagebuch: „Monika sollte etwas aus dem Schrank holen. Auf dem Weg zum Schrank hat sie bereits vergessen, was sie holen sollte. Ich erklärte es ihr noch einmal, allerdings etwas lauter. Da schrie sie mich an, wieso ich mit ihr nicht vernünftig sprechen könnte. Ich würde auch gern ruhiger mit ihr sprechen, aber nach jedem Satz kommt automatisch die Frage: ‚Was hast Du gesagt?‘ Erst dachte ich, sie ist vielleicht schwerhörig. Aber das ist es nicht. Es fehlt das Verständnis für den Inhalt des Satzes.“

Inzwischen schmeißt Jürgen Brenker den Haushalt komplett allein, putzt, kocht, saugt, wäscht. Er flippe auch mal aus, wenn sie sich nach seinem Staubsaugen auf den Fußboden knie und nach Dreck suche, den er übersehen hat. Sie kritisiere seine Art, Essen zu kochen, beschimpfe ihn – immer wieder mal.

Engelsgeduld walten lassen

„31. August 2014: Heute ging gar nichts. Heute Morgen habe ich ihr wie immer das Brötchen auf dem Brett fertig gemacht und wollte mit ihr die Frühstücksbretter tauschen. Sie wollte mir immer wieder die Kaffeetasse geben, und zwar immer wieder, trotz wiederholter Korrektur. Zum Schluss hat sie dann noch die Kaffeetasse umgeschüttet. Wenn sie etwas anderes will, als es richtig wäre, und man es ihr sagt, beharrt sie auf ihrem Willen und beschimpft mich.“ Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als Engelsgeduld walten zu lassen. „Einmal im Monat gehe ich zur Alzheimer-Angehörige-Gruppe. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Das hat mir die Sache stark erleichtert. Worüber man sich gewundert oder geärgert hat, wird einem erklärt.“

Er muss sich immer wieder sagen, dass es die Krankheit ist, die ihm das Leben schwerer macht – nicht seine Ehefrau. „Das Schlimmste ist, dass ich daheim niemanden habe, mit dem ich mich unterhalten kann“, sagt der 72-Jährige. Dieselbe Ehefrau, mit der er mehr als 40 Jahre lang ein gutes Team gebildet hat, mit der er segelte, Freunde besuchte, reiste, Kinder groß zog, ist nicht mehr da. „Ich mochte alles an ihr. Sie war offen, herzlich, toll zu unseren Kindern, hat mir Freiräume gelassen“, sagt er über das Zusammenleben vor Alzheimer. Jetzt hält die Krankheit seiner Ehefrau ihn Tag und Nacht auf Trab. Ausflüge machen sie nur noch zur Familie seines Sohnes nach Travemünde. Das Haus ohne sie zu verlassen sei kaum möglich. Sie habe Angst vor dem Alleinsein, suche seine Aufmerksamkeit fast ununterbrochen. Einmal pro Woche bringt er sie zu einer Gruppe für Demenzerkrankte. Ein Platz im Pflegeheim? Solange er kann, ist das für Jürgen Brenker kein Thema, sagt er. Auch um mehr Zeit für seine Ehefrau zu haben, legte er sein Amt als TSV-Vorsitzender nieder.

„Ich habe die Situation nicht immer unter Kontrolle, aber auch nicht das Gefühl, dass ich verzweifeln muss. Ich lebe von einem zum anderen Tag.“ Seine größte Sorge derzeit? „Dass sie alleine ist, falls mir mal etwas passiert.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen