Kreis Pinneberg : Meierei nach der Beinahepleite auf dem Weg der Besserung

Testen ein neues Genossenschaftsmodell: Tatjana Tegel, Hans Möller, Achim Bock und Kay Harder.
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Testen ein neues Genossenschaftsmodell: Tatjana Tegel, Hans Möller, Achim Bock und Kay Harder.

Jetzt übernehmen die Verbraucher: Milch-Genossenschaft hat seit dem vorigen Sommer 150 Mitglieder gewonnen. Bauern wollen mit Regionalität punkten.

shz.de von
13. Mai 2015, 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Meierei Horst – Die letzte ihrer Art: Dieser Spruch prangt im Logo jeder Milchtüte, jedes Joghurteimers und jedes Butterpäckchens, das die Molkerei an der Bahnhofstraße verlässt. Tatsächlich ist sie jedoch die Erste ihrer Art. Sie ist deutschlandweit die erste Molkerei, die als Verbrauchergenossenschaft organisiert ist. Und es scheint gut zu laufen. 150 Mitglieder seien seit dem vergangenen Sommer beigetreten, wie die Vorstände Hans Möller und Joachim Bock im Gespräch mit dieser Zeitung sagen.

Ein Jahr nach der Umstrukturierung ziehen die beiden Milchbauern damit eine positive Bilanz. Die Meierei ist auf dem Weg der Besserung. Damit können die Menschen in der Region auch weiterhin Milch von „Nachbars Wiese“ kaufen.

Zum Hintergrund: Der Betrieb in Horst (Kreis Steinburg) stand immer wieder einmal vor dem Aus. Viele Landwirte hatten die Genossenschaft verlassen und lieferten an Molkereien, die höhere Preise für Milch zahlten. Von 60 Mitgliedern 2005 waren im vergangenen Frühjahr noch 22 übrig.

Die Biobauern Bock und Möller haben im vergangenen Jahr mit ihrem Kollegen Heino Dwinger die Genossenschaftsanteile der übrigen 22 Lieferanten übernommen, nachdem die Volksbank Pinneberg-Elmshorn einen Kredit zugesagt hatte. Etwa 400.000 Euro waren nötig. Die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein mbH (MBG), deren Gesellschafter staatliche Banken, Privatbanken und Kammern wie die IHK sind, beteiligte sich mit einer stillen Einlage in Höhe von 100.000 Euro. Die staatliche Investitionsbank Schleswig-Holstein (IBSH) mit Zweigstelle in Elmshorn unterstützte die Übernahme mit einer Bürgschaft. Der Rettungsplan stand.

Joachim Bock aus Lutzhorn (Kreis Pinneberg), Hans Möller aus Lentföhrden und Heino Dwinger, aus Schmalfeld (beide Kreis Steinburg) haben sich als Biobauern zu den Ökomelkburen zusammengeschlossen. Sie vertreiben ihre Milch unter der Marke „Vier Jahreszeitenmilch“, die wie die konventionelle Milch in Horst abgefüllt wird. Ihre Idee war, die Meierei Horst in eine Verbrauchergenossenschaft umzuwandeln. Im vergangenen Juli wurde eine Satzungsänderung beschlossen, die den Weg freimachte. „Etwa 80 Menschen aus der Region hatten Absichterklärungen unterschrieben. Fast alle sind auch tatsächlich Mitglieder geworden“, sagt Bock. Die für Ende 2014 angepeilte Marke von 100 Mitgliedern sei bereits im November geknackt worden, heute seien es 150 und Ende dieses Jahres sollen es mindestens 200 sein. Die meisten kommen aus Horst, viele aber auch aus dem Kreis Pinneberg und Hamburg.

Die Meierei an der Bahnhofstraße in Horst. (Foto: Thieme)
Die Meierei an der Bahnhofstraße in Horst. (Foto: Thieme)
 

„Materielle Motive wie eine Dividende stehen für die Mitglieder nicht im Fordergrund. Es geht darum, die Meierei zu erhalten sowie kleinbäuerliche Familienbetriebe und eine regionale Wirtschaft zu unterstützen“, sagt Aufsichtsrätin Tatjana Tegel. Zudem würden Hoffeste organisiert, bei denen die Verbraucher ihre Milchproduzenten kennenlernen können.

Da eine Meierei ohne Lieferanten nicht produzieren kann, hat sie 2014 einen Fünfjahresvertrag mit der Breitenburger Milchzentrale in Itzehoe abgeschlossen. Die ehemaligen Genossen, die nun Mitglieder der Breitenburger sind, liefern weiter nach Horst, ohne dass die Milch durch die Tanks der Itzehoer fließt. Abgerechnet wird über die Breitenburger. Das ist eine Zwischenlösung.

Mittelfristig wollen Bock und seine Kollegen auch Bauern wieder als Mitglieder gewinnen. Sie bieten einen fixen Preis von 40 Cent pro Kilogramm. 28 Cent bekommen sie derzeit von der Breitenburger. Doch wer Mitglied werden will, muss bestimmte Kriterien erfüllen. So muss etwa der Weidegang im Sommer gewährleistet sein. Die Bauern dürfen weder genmanipuliertes Soja verfüttern noch Antibiotikaprophylaxe betreiben. „Mit den Horster Molkereiprodukten füllen wir so eine Nische zwischen den konventionellen und denen der Ökomelkburen“, sagt Tegel. „Wir wollen Kollegen als Mitglieder, die sich zur kleinbäuerlichen, regionalen Produktion bekennen und unsere Philosophie mittragen“, sagt Bock. Und so soll es weitergehen: Nachdem der erste Jahresabschluss steht, soll im Sommer mit einer Werbekampagne begonnen werden. So wollen die Genossen weitere Mitglieder gewinnen. Läuft alles gut, feiert eine gesunde Meierei im September 2016 ihren 125. Geburtstag.

Die Meierei Horst produziert Trinkmilch in zwei Fettstufen, Buttermilch, Schlagsahne und Butter. Neu ist Naturjoghurt. Zum regionalen Kassenschlager soll Magerquark werden, der nach dem Schulenburgschen Verfahren besonders schonend hergestellt wird. Nach Auskunft der Meierei ist das ein Alleinstellungsmerkmal. Es gebe kaum noch Betriebe, die das Verfahren anwendeten. In Horst wird auch die Biomilch der Ökomelkburen verarbeitet. Auch zu ihrer Produktpalette gehört inzwischen Joghurt. Die Meierei beliefert etliche Geschäfte im Kreis Pinneberg, darunter inhabergeführte Edeka-Märkte und Famila. Schleswig-Holstein und Hamburg sind derzeit Einzugsgebiet der Lieferanten und Verbraucher. Wie „regional“ in Zukunft definiert wird, sollen die Genossenschaftsmitglieder entscheiden.
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