Mehr Verständnis und Miteinander

Immer im Einsatz: Karen Fischer vom Diakonieverein Migration kümmert sich um Geflüchtete.
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Immer im Einsatz: Karen Fischer vom Diakonieverein Migration kümmert sich um Geflüchtete.

Karen Fischer von der Diakonie Pinneberg leitet Sprach- und Integrationskurse und organisiert Veranstaltungen zur Berufsorientierung

shz.de von
24. Januar 2018, 16:50 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Geflüchteten begonnen, das Sprechen der deutschen Sprache, der Bezug einer eigenen Wohnung und der Arbeitsbeginn. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Heute berichtet Karen Fischer von der Diakonie über ihre Sprachkurse.

„Es geht voran“, sagt Karen Fischer. Die Leiterin der Sprach- und Integrationskurse des Diakonievereins Migration bringt Pinneberger Geflüchteten die deutsche Sprache bei. „Es ist ja nicht nur die Sprache, die erlernt wird“, sagt Fischer. „Es ist ein Stück weit auch unsere europäische Sicht auf das Leben, die unsere Schüler verstehen sollen.“

Unverdrossen hat sie sich durch Verordnungen und Gesetze geackert. Und davon gibt es viele. „Und wenn das geschafft ist und ich Licht am Ende des Tunnels sehe, wird alles von Amts wegen wieder geändert und es geht von vorne los. Zumindest wird es nie langweilig“, sagt Fischer lachend. Die zahlreichen Kursusangebote samt der dazu gehörigen Verordnungen und Bestimmungen könnte sie fehlerfrei heruntersagen, wenn sie nachts geweckt würde: vom Staff, dem Starterpaket für Flüchtlinge, über Integrationskurse, Frauenkurse, Analphabetenkurse, Zweitschrift-Lernerkurse, Jugendkurse, Berufssprachkurse, bis hin zur Deutschförderverordnung. Zusätzlich organisiert sie große Veranstaltungen, wie erst kürzlich den „Career Day“ im Geschwister-Scholl-Haus, um Geflüchtete bei der Berufsorientierung und Zukunftsplanung zu unterstützen.

Fischer liebt ihre Arbeit, aber: „Die pädagogische Leitung der Sprachkurse kommt wegen der erforderlichen Bürokratie eindeutig zu kurz. Das wird jedes Jahr schlimmer“, kritisiert sie. „Früher gab es eine kursbezogene Abrechnung, jetzt muss jeder Schüler pro Tag und Stunde abgerechnet werden. Von 40 Stunden in der Woche bleiben mir fünf, um mich um wirklich wichtige Sachen zu kümmern – um die Anleitungen von Lehrkräften, Methodik, Didaktik oder dafür, Konfliktsituationen im Unterricht auf den Grund zu gehen.“ Wobei das Konzept der Integrationskurse an sich wirklich sehr gut sei, so Fischer. „Da wurden endlich notwendige Standards eingeführt.“


Hohes Arbeitstempo und Multitasking

Seit 2015 bis heute haben Fischer und ihre Kollegen über 1000 junge und ältere Menschen unterrichtet. Der Beginn war chaotisch: „Da standen von einem Tag auf den anderen plötzlich 200 Geflüchtete vor der Tür. Wir mussten in Rekordzeit zehn zusätzliche Kurse auf die Beine stellen“, erinnert sie sich. Sie hat es geschafft. Aber wen wundert’s, Fischers Tempo ist generell schneller als das der Normalbevölkerung. Stets beschäftigt, wechselt sie zwischen Themen, Gesprächen, Telefon und E-Mails hin und her. Probleme, Anfragen und Besucher werden abgearbeitet – manchmal auch gleichzeitig. „Multitasking ist das Zauberwort“, sagt sie.

Zwischendurch ist Fischer schnellen Schrittes auf ihrer Rennstrecke, der Pinneberger Bahnhofstraße, zu finden: Vom Büro, Hausnummer 24, mal eben schnell zum ehemaligen Ratskeller, in dem jetzt der Diakonieverein Migration Beratungen für Geflüchtete, Aussiedler und Ausländer anbietet. Dann zurück zum Café Pino – dort trifft sie auf Geflüchtete mit ihren ehrenamtlichen Helfern – und schnell zurück ins Büro. „Es ist viel einfacher, Dinge mal eben persönlich im kurzen Gespräch zu klären“, sagt Fischer. „Da erspart man sich ellenlange Mails und Wartezeiten.“

Fischers Hauptzielgruppe für die Sprachkurse in Pinneberg sind Männer zwischen 18 und 35 Jahren. „Das klappt gut“, sagt sie. „Aber auch, weil wir gute Voraussetzungen hatten.“ Sie lobt den ehemaligen SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig: „Er sah Schleswig-Holstein immer als offenes Land. Dieses Selbstverständnis hat sich bei den Politikern und in der Bevölkerung ein wenig verändert. Trotzdem werden bei uns im Norden immer noch Projekte für Geflüchtete finanziert.“

Fischer ist in ihrem Job pragmatisch und zielorientiert: „Wir hängen uns generell zu viel an äußeren Erscheinungen auf“, sagt sie. Jetzt gelte es, die Geflüchteten ganz direkt mit Deutschen in Kontakt zu bringen, damit die Integration schnell gelingt. „Treffen gibt es bisher fast nur über die ehrenamtlichen Helfer“, so Fischer. Aber für das Erlernen der deutschen Sprache und für das gegenseitige Verstehen sei das Miteinander eine Grundbedingung. Ihre Idee: „Ich möchte Räume in den städtischen Regelschulen nutzen und so interkulturelle Begegnungen fördern. Wann das Ganze umgesetzt werden kann, weiß ich nicht. Die Pinneberger Verwaltung braucht lange.“

Im nächsten Teil unserer Serie am Mittwoch, 31. Januar, geht es um die Frauenintegration.

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