Das Sonntagsgespräch : Martina Bewersdorff: „Trotz Handicaps positiv in die Welt blicken“

Martina Bewersdorff kam 2011 zur MS-Gruppe als bei ihrem Mann Jörg Bewersdorff Multiple Sklerose  diagnostiziert wurde.

Martina Bewersdorff kam 2011 zur MS-Gruppe als bei ihrem Mann Jörg Bewersdorff Multiple Sklerose  diagnostiziert wurde.

Die Leiterin der MS-Gruppe Wedel im shz.de-Interview über das Leben mit der Erkrankung Multiple Sklerose.

shz.de von
10. Juni 2018, 14:00 Uhr

Wedel | Martina Bewersdorff ist Leiterin der MS-Selbsthilfegruppe in Wedel. Zur Gruppe stieß sie, weil bei ihrem Mann 2011 Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, mit welchen Problemen ihr Mann und sie seitdem zu kämpfen haben.

Wie sieht die Arbeit der MS-Gruppe aus?
Wir treffen uns an jedem ersten Sonnabend des Monats von 15 bis 17 Uhr im Awo-Gebäude an der Rudolf-Breitscheid-Straße in Wedel. Zu uns kann jeder kommen, der betroffen ist, Angehörige und Interessierte sind ebenfalls willkommen. Derzeit hat die Gruppe etwa 20 Mitglieder. Kaffee und Kuchen, Infos über neue Medikamente, Neuigkeiten aus unserem Landesverband, Erfahrungsaustausch – die Treffen sind ein gemütliches Beisammensein und vermitteln außerdem wichtige Informationen. Dazu kommen Aktionen wie Grillnachmittage und Weihnachtsfeiern. Ich gebe außerdem Tipps, welche kulturellen Veranstaltungen mit Rollstühlen besucht werden können. Wobei schon die Fahrt häufig schwierig ist.

Martina Bewersdorff (62) ist seit 2011 Mitglied der MS-Gruppe Wedel und des Landesverbands der DMSG Schleswig-Holstein. Die Leitung übernahm sie im Juni 2013. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Nähere Infos über die Gruppe erteilt Bewersdorff unter Telefon (04103) 3571.

Wo liegen die Probleme?
Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein Drama. Es fängt schon damit an, dass die Fahrstühle an vielen Bahnhöfen ständig kaputt sind, Rollstuhlfahrer nicht zu den Gleisen kommen oder nicht wissen, wie sie nach dem Aussteigen weiterkommen. Dazu gibt es an etlichen Behindertenparkplätzen keine abgesenkten Bordsteine. Die Fahrt mit der S-Bahn ist gerade in Gruppen schwierig. Deshalb bietet sich bei gemeinsamen Ausfahrten mit unserer Gruppe noch am ehesten ein Behindertentransport an.

Ist es überhaupt noch möglich, am kulturellen Leben teilzunehmen?
Es ist zumindest nicht einfach. Ich habe zum Beispiel eine Frau aus unserer Gruppe zu einem Konzert von Howard Carpendale begleitet und sie dann ins Bett gebracht, weil nachts kein Pflegedienst mehr gekommen wäre. Wer im Rollstuhl sitzt und ein Konzert in der Barclaycard Arena besucht, muss auch darauf achten, dass er möglichst zügig mit den Shuttle-Bussen von der Halle zum S-Bahnhof gelangt. Wenn man die letzte S-Bahn verpasst, kommt man nämlich kaum noch nach Wedel, weil ein normales Taxi keinen Rollstuhl transportieren kann.

Nutzen Sie häufig öffentliche Verkehrsmittel?
Wir versuchen, es zu vermeiden. Ich bin froh, dass wir einen großen Bulli haben, der behindertengerecht umgebaut wurde. Um den Umbau zu finanzieren, konnten wir beim Integrationsamt Zuschüsse beantragen. Viele Betroffene haben gar keine Ahnung, was sie für Möglichkeiten haben. Deshalb ist in unserer Gruppe der Erfahrungsaustausch so wichtig. So kann jeder vom Wissen des anderen profitieren. Wir sind aber kein Meckerklub, der immer nur klagt, wie schlimm alles ist, sondern eine fröhliche Truppe, die trotz Handicaps positiv in die Welt blickt.

Wie kam es dazu, dass Sie zur Leiterin der Gruppe wurden?
Mein Mann und ich kamen 2011 zur MS-Gruppe, als bei ihm MS diagnostiziert wurde. Als der Posten der Leiterin vakant war, fragten die anderen Mitglieder mich, ob ich diese Aufgabe übernehmen will – unter anderem, weil ich gesund bin und den Aufwand bewältigen kann, der damit verbunden ist. Auch wenn ich nicht unter der Krankheit leide, bin ich persönlich betroffen, sozusagen co-abhängig. Durch die Krankheit meines Mannes hat sich das Leben von uns beiden verändert. Die ersten Symptome traten bei ihm schon 2008 auf. Die Diagnose bekamen wir erst 2011.

War die Diagnose ein Schock?
Wir waren eher erleichtert. So wussten wir wenigstens, woran wir sind und wogegen wir kämpfen müssen.

Wieso dauerte es so lange?
Multiple Sklerose gilt als Krankheit der Tausend Gesichter. Sie tritt auf ganz unterschiedliche Weise  auf und viele Symptomen treffen auch auf andere Krankheiten zu. Bei meinem Mann begann es mit Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen.

Was fehlt der MS-Gruppe?
Wir sind auf Spenden angewiesen. So fallen beispielsweise Kosten für einen Behindertentransport an, wenn wir gemeinsam irgendwo hinfahren. Dazu brauchen wir Helfer, die sich zum Beispiel bei unseren Treffen um das Decken des Tisches kümmern oder auch mal als Begleitpersonen bei Ausflügen zur Verfügung stehen. Zwar werden wir vom Freiwilligenforum hervorragend unterstützt. Deren Mitglieder haben aber auch noch andere Aufgaben.

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